„Ein sehr unguter Zustand“

von Redaktion

Aufzug-Ausfälle an Bahnhöfen ziehen immer weitere Kreise

Kiefersfelden/Rosenheim – „Barrierefreiheit läuft nicht unter der Kategorie ‚nice to have‘, sie ist ein Menschenrecht“. Sagt Verena Bentele, zwölffache Paralympics-Siegerin, fünffache Weltmeisterin, von Geburt an blind und seit Mai 2018 Präsidentin des Sozialverbandes VdK, im Fernsehen. Folgt man diesem Argument, verstößt die Deutsche Bahn AG regelmäßig gegen Menschenrechte. Denn immer öfter fallen an Bahnhöfen die Aufzüge aus (siehe auch Bayernteil). Verena Benteles Konsequenz: Sie fordert strengere gesetzliche Regelungen, sodass Reisende eine Entschädigung für defekte Aufzüge einfordern können.

Zwischenlösung

für Kiefersfelden?

Daniela Ludwig, die Rosenheimer Bundestagsabgeordnete, fordert nicht, sie bittet. Dringend. Den Konzernbevollmächtigten der DB AG für den Freistaat Bayern, Klaus-Dieter Josel: Er möge prüfen, ob es für die seit Mitte Oktober stillgelegten Aufzüge in Kieferfelden zu den Gleisen 2 und 3, wo die Züge gen Rosenheim fahren, nicht eine Zwischenlösung gebe. Denn diese Aufzüge werden nach Aussage eines Sprechers der Bahn im ersten Halbjahr 2020 ausgetauscht, bleiben aber „aus Sicherheitsgründen“ – sie sind alt und störanfällig – bis dahin außer Betrieb.

„Sehr geehrter Herr Josel, leider ist dies ein sehr unguter Zustand“, schreibt Daniela Ludwig. Die Menschen seien darauf angewiesen, für Arztbesuche, Behördengänge, Einkäufe, etc. nach Rosenheim zu fahren. Der Zugang zur Stadt sei für die Menschen auf dem Land extrem wichtig. „Motorisch gehandicapte Menschen für mehr als ein Vierteljahr von der Benutzung des Bahnhofs auszuschließen, kann keine Option sein.“

Findet auch Hajo Gruber. Kiefersfeldens Bürgermeister, selbst Rollstuhlfahrer, muss mit dem Auto zu einem Termin nach Rosenheim fahren, weil die Aufzüge am Bahnhof defekt sind. Oder er fährt mit dem Auto nach Kufstein, an den barrierefreien Bahnhof, und von dort mit dem Zug nach Rosenheim. Für ihn ist die aktuelle Situation „völlig unglücklich“ und er will weiter das Gespräch mit der Bahn suchen, damit es mit dem Einbau der neuen Aufzugsanlage nicht so lange dauert.

Denn defekte Aufzüge sind in Kiefersfelden nichts Neues. „Das passiert mir jede Woche mehrmals“, sagte Gruber im Gespräch mit der Heimatzeitung. Zwischen August 2018 und November 2019 fiel in Kiefersfelden an 61 Tagen der Aufzug für mindestens acht Stunden aus, hat BR Data festgestellt. Dazu kommen weitere 16 Tage, an denen die Aufzüge zwischen einer und acht Stunden außer Betrieb waren.

In Rosenheim sieht es nicht viel besser aus. 57 Tage, 28 davon am Stück, fiel dort der Aufzug an Gleis 6/7 für mindestens acht Stunden aus. Die beiden anderen Aufzüge scheinen stabiler zu laufen, sie fielen zusammen nur dreimal für mindestens acht Stunden aus. Die Tage, an denen mindestens ein Aufzug für eine bis acht Stunden gesperrt waren, summieren sich für alle Aufzüge am Rosenheimer Bahnhof dann aber auch noch einmal auf 35.

Zahlen, von denen man in Traunstein oder Prien nur alpträumt. 13 Tage mussten Rollifahrer und Kinderwagenschieber in Traunstein für mehr als acht Stunden ohne Aufzug klarkommen, in Prien waren es gar nur drei Tage. Allerdings kamen sowohl in Prien als auch in Traunstein 19 Tage mit Ausfallzeiten von einer bis acht Stunden hinzu. Alle anderen Bahnhöfe der Region waren laut BR Data nicht betroffen.

Telefonnummern

bei Problemen

Besonders ärgerlich für die betroffenen Kommunen: Die Wut der (verhinderten) Reisenden landet meist bei ihnen. „Aber es liegt nicht in unserer Hand, das abzustellen“, sagt Hajo Gruber. Die richtige Anlaufstelle wäre die 3S-Zentrale der Bahn für Service, Sicherheit und Sauberkeit. Die es nur an großen Bahnhöfen gibt, die aber unter 089/13081055 rund um die Uhr telefonisch zu erreichen ist. Wer wissen will, wie es am Zielbahnhof aussieht, erfährt das bei der mobilitätsservice-Zentrale unter 0180/6512512.

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