Schwein gehabt

von Redaktion

Mast wie ganz früher: Wie Rupert Stäbler den Wald neu entdeckt

Rosenheim – So wie Rupert Stäbler über sein Thema erzählt, könnte man an ausgleichende Gerechtigkeit im Tierreich denken. „Die, die ihre Ellbogen am meisten einsetzen, die sind zuerst dran“, erzählt er und lacht ein bisschen, vielleicht wegen des „Ellbogens“, den Schweine so erkennbar ja gar nicht haben. Wir stehen nahe dem Simssee. Der Frost hat die Pfützen auf dem Feldweg gefrieren lassen, der Atem hängt als Wolke vor dem Gesicht. Und wenige Meter weiter grunzen Schweine, deren dunkle Hintern und Vorderhälften sie als schwäbisch-hällische Landschweine ausweisen. Es ist, gut zwei Wochen vor Weihnachten, nur ein halbes Dutzend, auf das der Schlachter noch wartet.

Tiere brauchen Futter

auch für ihre Neugier

Die Tiere stehen auf einem zerwühlten Streifen Wiese vorm Rand des Waldes und schauen gespannt, wer sie besuchen kommt. Sie sehen nicht aus, als störe sie die Kälte. Im Gegenteil – sie wirken gut gelaunt: Die Waldschweine der Familie Stäbler, groß geworden in natürlicher Umgebung.

„Schweine sind wirklich neugierig“, sagt Stäbler, der noch eine Reihe weiterer Eigenschaften zu nennen vermag, die Schwein mit Mensch teilt. Ein gewisses soziales Verhalten etwa, das Schweinegruppen bilden und sich voneinander abgrenzen lässt. „Schweine zeigen, wen sie riechen können und wen nicht.“

Er hat auch festgestellt, dass es Schweine gibt, die sich reserviert geben, und andere, die näherkommen, zum Beispiel, weil sie gekrault werden möchten. Auch Gier teilen manche Individuen mit Menschen.

Die Gierigsten aber, davon erzählte Stäbler eingangs, erreichen am schnellsten ihr Gewicht. Und landen am frühesten beim Schlachter. Der 30-Jährige hält seit einigen Jahren Schweine im Wald. Er sei der Erste seiner Familie, der sich ganz der Landwirtschaft gewidmet habe, sagt er, und erzählt vom Studium der Agrarwissenschaften.

Seine Doktorarbeit befasst sich mit Tieren und ihrem Verhalten. Dafür setzte er eine Idee um, die ihm beim Wandern im Korsika gekommen sei: „Da sahen wir Schweine frei herumlaufen. Nur mit einer Glocke am Hals, damit die Bauern sie wiederfinden können.“

Glocken braucht er allerdings nicht, das Waldrevier seiner Schweine ist mit zwei Zäunen umgeben, einem niedrigen Elektrozaun und einem solideren und brusthohen Drahtzaun. Um die Tiere einzuhegen, einerseits; andererseits aber, um die Ansteckung mit der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern. „Hygiene ist das A und O“, sagt Stäbler.

Rupert Stäbler fing wegen seiner Doktorarbeit mit der Schweinemast im Wald an und dachte dann erst an die Vermarktung. Möglicherweise genau richtig für den Mega-Trend. Naturschutz ist eines der großen Themen derzeit.

Fleisch, gesünder

fürs Gewissen

Für immer mehr Menschen gehört dazu auch das Wohl der Tiere. Und besonders schwer haben es die Schweine. Weil sie allzu oft ihr kurzes Leben auf Spaltenböden und in fürchterlicher Enge fristen. Und weil sie intelligent genug sind, darunter besonders zu leiden. Mit dem Interesse am Schwein aber steigt vielleicht auch die Bereitschaft, mehr zu zahlen. Damit wiederum könnte es sich lohnen, die Bedingungen eines Schweinelebens zu verbessern.

Denn auch wenn die Investitionen niedriger sind, so ist doch der Arbeitsaufwand hoch, weiß zum Beispiel Rudolf Finsterwalder, Mitbegründer und Geschäftsführer der Simsseer Weidefleisch-Genossenschaft. Man benötigt erst mal viel Land. Die Tiere müssen eingezäunt werden, sie erhalten Biofutter, von dem sie auch noch mehr verbrauchen. Fünf, sechs Monate lebt ein normales Schwein, viel mehr Zeit gönnen Finsterwalder und seine Genossenschaftler ihren Tieren. „Gut das Doppelte“ koste daher das Kilo, schätzt Finsterwalder.

„Liaba hoib so vui, aber dreimoi so guad“ lautet denn auch das Motto der Genossenschaft, das mit dem „dreimoi so guad“ könne man auch im Labor belegen, betont Finsterwalder: Fleisch aus einer solchen Haltung sei nachweisbar viel gesünder als Fleisch etwa aus Massentierhaltung.

Gesünder ist das solcherart gezogene Fleisch vermutlich auch fürs Gewissen. Das Borstenvieh in Wald und auf der Wiese, hier ist es Schwein, hier darf es sein. Im Wald und auf der Weide ist das Schwein in seinem Element, dort wurde es seit der Antike auch überwiegend gehalten.

Im Wald ist die

natürliche Umgebung

300 Quadratmeter, so schätzt Stäbler, hat jedes Tier in seinem Wald, gegenüber 1,3 Quadratmetern Stallfläche, die laut EG-Bestimmungen einem konventionellen Bioschwein zugestanden werden müssen. Die Rosenheimer Wald- und Wiesenschweine hingegen: Sie haben Boden zum Wühlen, Material, um Schlafnester zu bauen, einen Schlammtümpel für den Sommer, eine Hütte gegen die Kälte des Winters. Und sie finden, was sie gerne fressen: Bucheckern, Eicheln, Schnecken und vieles mehr. Im Wald seien die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung, sagt Rupert Stäbler und zeigt zur Bekräftigung auf die Schwänze seiner Tiere, lang, geringelt und mit Quaste. Vor allem aber unversehrt. „Weil die Tiere zu tun haben“, sagt er. In Ställen, wo die Schweine dicht an dicht stehen, beginnen sie vor lauter Langeweile, an den Schwänzen ihrer Nachbarn zu nagen. Auch das Kupieren könne das nicht ausschließen, Entzündungen und Schmerzen seien die Folge.

Auch ein Waldschwein kommt irgendwann ans Ende seines Lebensweges, denn selbst die zurückhaltendsten Artgenossen haben irgendwann genügend Speck an die Rippen gefuttert. Bei Stäbler kommen die Tiere einen Tag zuvor am Schlachthof an, damit sie sich in einer separaten Box von der Fahrt erholen können. „Am nächsten Tag werden sie einzeln und schonend betäubt und geschlachtet“, sagt Stäbler. Dem letzten Gang und seinem Ende entkommt eben kein Schwein. Auch dies ist etwas, was es mit dem Menschen teilt.

Artikel 1 von 11