Rosenheim – Er hat schon vielen Planern und Bauherren von Großprojekten im Raum Rosenheim den Schweiß ins Gesicht getrieben: der Rosenheimer Seeton – Relikt eines Urzeitgletschers, der den Untergrund äußerst instabil und alles andere als tragfähig macht. So auch jüngst beim Bau der 670 Meter langen Aicherpark-Brücke für die Westumfahrung von Rosenheim.
Der Volksbank Raiffeisenbank Rosenheim-Chiemsee macht der Seeton nun einen Strich durch die Rechnung. Das Bankhaus zieht noch in der Planungsphase die Notbremse. Der angedachte Neubau, das „Volksbankhaus“ mit geschwungener, hochmoderner Glasfassade in der Bahnhofstraße 5 wird nun doch nicht kommen.
Gutachten enthüllt
ungeahnte Risiken
Vorstand und Aufsichtsrat hatten sich einstimmig entschieden, das Projekt zu stoppen, wie das Bankhaus gestern bekannt gegeben hat. Stattdessen will die Bank das bereits leer stehende Gebäude sanieren.
Grund für diese Entscheidung ist das finale Gutachten der Technischen Universität München (TUM – Zentrum für Geotechnik). „Das Gutachten führt uns klar vor Augen, dass der Seeton im Boden höhere Risiken als bisher erwartet mit sich bringt“, so Vorstandsmitglied Dr. Mario Voit.
Voit weiter: „Wir haben eine sehr enge Bebauung in der Bahnhofstraße. Unser Gebäude steht zum Teil Wand an Wand mit den Nachbarhäusern. Sowohl beim Rückbau des bestehenden Gebäudes als auch beim Neubau wird es trotz erheblicher Sicherungsmaßnahmen zu Hebungen beziehungsweise Setzungen im Untergrund kommen.“ Sie könnten Schäden in den Nachbargebäuden verursachen. Diese Risiken würden vonseiten der Gutachter als unkalkulierbar eingeschätzt. „Wir bedauern sehr, dass wir das Projekt Volksbankhaus nicht realisieren können, schließlich haben wir viel Herzblut reingesteckt. Aber wir sehen uns hier in einer hohen Verantwortung – gegenüber unseren Nachbarn, den Kunden und unseren Mitgliedern.“
Vorstandsmitglied Dr. Walter Müller betont, dass die Bank die Reißleine zum richtigen Zeitpunkt zieht. „Wir sind noch im Planungsstadium. Bisher sind lediglich Planungs- und Gutachterkosten entstanden.“
Entwurf stößt auf
große Begeisterung
Vor eineinhalb Jahren hatte das Bankhaus mit den Planungen begonnen. Der Entwurf für den modernen Bau des Architekturbüros Schleburg war damals auf große Begeisterung im Bauausschuss gestoßen. Die futuristisch anmutende Gestaltung tue der Bahnhofstraße gut, die sich zur Top-Lage in Rosenheim weiterentwickeln soll, hieß es damals im Gremium.
Kurz vor Abschluss des Baugenehmigungsverfahrens nun die überraschende Wende: der Planungsstopp. „Uns war bekannt, dass der Seeton im Untergrund problematisch ist. Deshalb haben wir die Experten der TU München von Beginn an hinzugezogen und das finale Gutachten abgewartet“, erklärt Müller.
Müller zum weiteren Vorgehen: „Wir werden alle Themen und die Arbeiten, die bisher angefallen sind, mit allen Beteiligten in partnerschaftlichem Einverständnis beenden.“ Die Volksbank Raiffeisenbank Rosenheim-Chiemsee sei von Anfang an verantwortungsbewusst an das Projekt herangegangen.
„Es war richtig und nötig, den Rückbau und den Neubau bis ins Detail zu planen“, so Dr. Mario Voit. „Denn man kann das Verhalten des Untergrundes erst dann analysieren, wenn man weiß, welche statischen Lasten und welche Massen auf den Boden wirken. Bodenproben alleine reichen für eine Entscheidung nicht aus.“
Der Rückbau des Bestandsgebäudes führe zu Hebungen im Untergrund, hätten die Berechnungen ergeben. „Durch den Neubau tragen wir Lasten ab und bewirken hier im Untergrund entsprechende Setzungen. Wie stark sich das auf die Nachbarbebauung auswirkt, kann nur anhand einer Detailplanung berechnet und eingeschätzt werden“, erklärt Voit. Nutzlos sei das bisherige Verfahren keinesfalls gewesen, betont er: „Wir können maßgebliche Gutachten auch bei einer Sanierung verwenden. Beispiele dafür sind das Boden- und das Umweltgutachten.“
Klar ist für den Vorstand und den Aufsichtsrat, dass der Standort in der Bahnhofstraße aufrechterhalten bleibt. „Die Bahnhofstraße 5 ist der zentrale Standort in der Rosenheimer Innenstadt“, betont Voit „Wir gehen auch davon aus, dass wir mit einer guten, nachhaltigen Sanierung des Bestandsgebäudes eine Aufwertung der Bahnhofstraße erreichen können.“
Dies wäre sicherlich auch im Sinne der Stadt – denn sowohl Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl wie auch der Leiter des Stadtplanungsamtes, Robin Nolasco, hatten sich von dem Bankhaus-Neubau, wie berichtet, eine Attraktivitätssteigerung der Bahnhofstraße versprochen.
Neues Projekt
Bestandssanierung
Im neuen Jahr will die Bank nun mit dem Projekt „Sanierung des Bestandsgebäudes“ starten. Dazu ist ein neues Baugenehmigungsverfahren nötig. Der genaue Zeitplan soll Anfang 2020 festgelegt werden. Wenn alles glatt läuft, äußerten sich Müller und Voit sehr vorsichtig, könnte das sanierte Haus, in dem neben Flächen für Einzelhandel und die Bank, für Gewerbe und Ärzte auch Wohnungen (ab dem vierten Geschoss) geplant sind, bis Ende 2024 bezugsfertig sein.
Dass es der berüchtigte Seeton in sich hat, damit mussten sich auch die Planer und Projektverantwortlichen der Westtangenten-Brücke über den Aicherpark abfinden. Für deren Bau müssen wegen des problematischen Untergrunds enorme Anstrengungen unternommen werden, was die Gründung angeht – was entsprechend für Verzögerungen und Kostensteigerungen sorgt. Geplante Fertigstellung: 2022. Und an die ursprünglich kalkulierten Kosten von 37 Millionen Euro für das Bauwerk glaubt auch längst niemand mehr.