„Wir lassen das Fest laufen“

von Redaktion

Wie die neunköpfige Familie Zimmermann Weihnachten managt

Soyen – Fabian (6) rollt konzentriert den Teig aus, Florian (12) sticht sorgfältig die Platzerlformen hinein, Felix (11) pinselt Butter auf die Oberfläche, Paul (5) verteilt Streusel, Erik (2) nascht schon mal und Julia (17), Baby Theo auf dem Schoß, passt auf, dass nicht vor Heiligabend schon alles aufgegessen wird: So läuft das in der Weihnachtsbäckerei der Familie Zimmermann in Soyen. Sieben Kinder haben die Eltern am mehlbestäubten Küchentisch versammelt – eine neunköpfige Großfamilie, die nicht im Festtagsstress ist. Denn bei sieben Kindern im Alter zwischen 17 Jahren und vier Wochen haben Heidi Zimmermann und Andre Hartmann es längst aufgegeben, das perfekte Fest zu planen.

„Es kommt, wie es kommt“, sagt die Mama – und strahlt diese Gelassenheit auch aus: Mit aufmunternden, manchmal auch ermahnenden Worten unterstützt die 35-Jährige mit den kurzen blonden Haaren, vier Wochen nach der Geburt des Nesthäkchens bereits wieder rank und schlank, die Jüngsten der Familie beim Platzerl backen – ein Ritual, das keiner in der Familie missen mag, auch wenn der große Tisch kaum ausreicht für neun fleißige Weihnachtsbäcker.

An Heiligabend
elf Personen

Noch voller wird es an Heiligabend, wenn die Großeltern ebenfalls kommen, der Christbaum in der guten Stube auch noch seinen Platz beansprucht. Doch räumliche Enge ist die Großfamilie gewohnt: Die Doppelhaushälfte in Soyen, von außen mit Lichterketten festlich angestrahlt, ist eigentlich zu klein für neun Personen. Nur Tochter Julia muss sich ihr Zimmer mit niemandem teilen.

Neun Personen unter einem Dach: Das stimmt gar nicht, korrigiert Felix seine Eltern. „Wir sind eigentlich sogar 14“, besteht der Bub darauf, dass Hund Leo und die Meerschweinchen sowie Hasen als Familienmitglieder mitgezählt werden. Der Papa, derzeit in Elternzeit und wie seine Frau die Ruhe in Person, lacht und streicht ihm liebevoll über das Haar. Bei den Zimmermanns haben die Eltern selten das letzte Wort.

Dass sie einmal eine so große Familie gründen würden, das hatten die gebürtigen Brandenburger eigentlich gar nicht geplant. 2001/2002 waren sie als Auszubildende nach Bayern gekommen. Mitten in der Lehre meldete sich Tochter Julia an. Da waren Mama und Papa erst 17 Jahre alt. Die junge Familie kämpfte sich weit weg von daheim durch durchwachte Nächte, Haushaltsgründung mit kleinem Geldbeutel und Ausbildung – mit Erfolg.

Fünf Jahre später fühlten sich die Eltern dann reif genug für ein zweites Kind: Florian kam auf die Welt. Schnell folgte Felix, zu fünft ging es noch einmal zurück in die alte Heimat. Doch dort waren die beruflichen Perspektiven für die Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie den Industriemechaniker und Werkstoffprüfer eher mau. Also erneut Aufbruch nach Bayern. Aus dem Bauch heraus entschied sich das Paar für ein viertes Kind: Fabian. Er kam sogar per Hausgeburt zur Welt. Alles lief prima, warum nicht noch ein fünftes Kind? Paul erblickte zwölf Wochen zu früh das Licht der Welt. Der Fünfjährige ist das Sorgenkind der Familie. Nach vielen Operationen, monatelangen Klinikaufenthalten und Therapien hat er sich zwar zu einem fröhlichen Buben entwickelt, wird jedoch immer besondere Aufmerksamkeit benötigen. Nach vielen vergossenen Tränen und drei kraftzehrenden Jahren voller Sorgen um Paul kam Erik auf die Welt. Und schließlich Theo, der vier Wochen alt ist. „Im Scherz haben wir zwar oft gesagt, dass wir eine ganze Fußballmannschaft gründen wollen“, sagt Andre Hartmann, doch auf die letzten zwei „Spieler“ werden er und seine Frau wohl verzichten. Die Kinder wissen auch warum: „Unser Auto ist nur ein Neun-Sitzer.“

Naseweise
Sprüche der Buben

Die Eltern reagieren schmunzelnd auf die naseweisen Sprüche der Buben. Sie und die große Schwester Julia, die ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Kindergarten absolviert, sind selbstbewusst und sehr gut erzogen. Jeder Gast wird per Handschlag begrüßt, keiner macht am Tisch den Hampelmann oder spielt sich in den Vordergrund. Julia nimmt ihrer Mutter das Baby und den kleinen Erik ab, wenn diese sich um die anderen kümmern muss.

Florian erzählt offen, dass er gerne zu Weihnachten auch das tolle Handy hätte, das viele seiner Klassenkameraden auf den Wunschzettel geschrieben haben. Doch das ist finanziell nicht drin, weiß er. Deshalb hat sich der Zwölfjährige Kopfhörer gewünscht. Und die wird das Christkindl wohl bringen – auch mit Unterstützung des Wasserburger Wunschbaums, einem Verein, der Kindern aus Familien in besonderen Lebenslagen Wünsche erfüllt.

Jüngere lernen
von den Älteren

Die größeren Kinder wissen natürlich längst, dass es das Christkindl nicht gibt, behalten dies jedoch geflissentlich für sich, damit die kleineren Brüder davon nicht Wind bekommen. Die Geschwister achten aufeinander – auch in der Küche beim Abwaschen der Backutensilien. Die Größeren nehmen den Kleineren die Handgriffe ab, die diese noch nicht können. Die Jüngeren lernen von den Älteren. Jeder in der Kinderschar findet immer jemanden zum Spielen: Auch das wissen die Buben zu schätzen. Sie kennen Klassenkameraden, die Einzelkinder sind und sich immer verabreden müssen, wenn sie Gesellschaft haben möchten, berichten die Älteren, während sie den Tisch abräumen. Sie packen auch im Haushalt schon mit an: Kartoffeln schälen, Geschirrspülmaschine ausräumen, Tiere versorgen. „Wir erziehen unsere Kinder zur Selbstständigkeit“, sagen die Eltern. Sie legen Wert auf Regeln, lassen jedoch jedem Kind den Freiraum, sich individuell zu entwickeln. Auch wenn jemand eine Schmuseeinheit benötigt, nehmen sich Mama und Papa die Zeit. Dass sie für sich kaum eine Minute zum Durchschnaufen finden, haben sie akzeptiert. Mal ins Kino, gemeinsam zum Essen? Für Heidi Zimmermann und Andre Hartmann ist dies nicht möglich. „Wir nehmen es hin, so wie es ist“, sagen sie. „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal durchgeschlafen habe“, berichtet Heidi Zimmermann – und lächelt dabei.

An den Festtagen gemütlich mit einem Buch auf dem Sofa sitzen: Das wird sie auch heuer nicht erleben. Im Gegenteil: Es wird wieder turbulent zugehen. Geschenke einpacken, Essen herrichten für elf Personen (es gibt Würstl und Kartoffelsalat), Christbaum schmücken, zwischendurch Baby Theo füttern, wickeln, dann die Bescherung für sieben Kinder, mit dem Papa das Lego zusammenbauen, gemeinsam mit den Großeltern essen und spielen, Kinder zu unterschiedlichen Zeiten ins Bett bringen: So ist der Plan, doch ob er durchzuhalten ist, steht in den Sternen. „Was hatten wir schon alles an Weihnachten“, erinnert sich die Mama lachend, „Magen-Darm-Grippe, Kinder, die die Bescherung total verschlafen haben, ein Braten, der nichts werden wollte“.

Organisation
ist das A und O

Seit einigen Jahren lassen sie nun das Fest einfach laufen – nachdem vorher alles perfekt durchorganisiert worden ist. Der Großeinkauf zu den Festtagen beispielsweise, festgelegt auf langen Erledigungslisten, muss stattfinden, wenn die meisten in der Kita oder Schule sind.

Damit alle zu Heiligabend ein Festtagsgwand haben, wird die Waschmaschine genau nach Plan angeworfen. Klingt nach Perfektion, die gibt es jedoch nicht, sagt Heidi Zimmermann. „Kinder schreiben ihre eigenen Regeln. Vieles haben wir nicht in der Hand – weder an Weihnachten noch im Leben.“

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