Jeder kann vom anderen lernen

von Redaktion

Nina Jenewein-Lipp und Stefan Hilger über den Weg zu mehr Inklusion

Rosenheim – Im Emmy-Schuster-Haus des Katholischen Jugendsozialwerks (KJSW) in Rosenheim leben Menschen mit geistiger und Mehrfachbeeinträchtigung in Wohngruppen zusammen. In Wohngruppe 1 sind es zehn ältere Männer und Frauen. Zum Teil sind sie schon viele Jahre hier.

Einige von ihnen decken gerade den Tisch. Gleich gibt es Mittagessen für alle. Danach halten einige eine Siesta in ihren Zimmern. Deshalb hat Stefan Hilger jetzt Zeit, über seine Arbeit zu sprechen. Der 42-Jährige ist gelernter Altenpfleger, arbeitet aber schon seit elf Jahren hier. Die Arbeit gefällt ihm gut.

„In der Betreuung von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung haben wir einen besseren Stellenschlüssel. Da habe ich mehr Zeit, um mit den Einzelnen in Kontakt zu sein und mit ihnen etwas zu unternehmen“, sagt der sympathische Mann mit dem lustigen Spitzbart, der mittlerweile Gruppenleiter ist.

Dann setzt sich Maria (alle Namen der Bewohner geändert) dazu und erzählt, was sie am Vormittag alles unternommen hat. Hilger hört geduldig zu und lenkt ihre Aufmerksamkeit allmählich auf den Kuchen, den es nachher zum Kaffee geben wird. „Maria, der riecht so gut. Und er schaut auch so gut aus. Magst du ein kleines Stück probieren?“, fragt er und weckt damit ihre Neugier.

Er weiß genau,
wer Hilfe benötigt

Maria holt sich ein Stück, schenkt sich eine Tasse Kaffee ein und genießt. Dann kommen auch schon weitere Bewohner. Stefan Hilger weiß genau, wer sich selbst versorgen kann und wer Unterstützung braucht: Hier einen Stuhl wegräumen, damit Harald mit seinem Rolli Platz am Tisch findet; dort Kuchen vorschneiden für Inge und Hans; die Kaffeekannen auf den Tisch stellen.

Für jeden hat er ein paar freundliche Worte und ein Lächeln, auch wenn jemand seine Hilfe nicht braucht. „Zu meiner Arbeit gehört es, mit den Bewohnerinnen und Bewohnern in einer guten Beziehung zu sein“, erklärt er. Man spürt: Die Beziehungsebene stimmt.

Der gelernte Altenpfleger, der zunächst im Altenheim Elisabeth des KJSW in Rosenheim tätig war, liebt seine Arbeit. „Hier leben vor allem Bewohner, die bei verschiedenen Dingen Unterstützung brauchen und eine feste Tagesstruktur, die ihnen Halt gibt. Sie kennen nichts anderes als diese Form der Wohngruppe.“

Junge Leute brauchen Eigenständigkeit

Für sie sei dies genau das Richtige. Aber es gibt auch jüngere Menschen mit einer Beeinträchtigung, die möglichst eigenständig leben möchten. Sie wollen mit anderen zusammen sein, auch mal eine Party feiern und etwas mit Leuten unternehmen, die keine Beeinträchtigung haben. „Für sie kommt ein inklusives Wohnprojekt infrage“, ist Hilger überzeugt. Er würde selbst in eine inklusive WG ziehen, wenn er noch jünger wäre und keine eigene Familie hätte. „Aber heute interessiert es mich sehr, auf der Basis meines Berufs dort mitzuarbeiten“, erklärt er. Das Konzept sei sehr spannend.

Davon ist auch Nina Jenewein-Lipp überzeugt. Sie leitet die Abteilung dezentrale Wohnformen beim KJSW in Rosenheim. Die 46-jährige Heilerziehungspflegerin gibt einen Überblick über die Vielfalt von Wohnformen, die es jetzt schon für Menschen mit Beeinträchtigungen bei ihrem Träger gibt: neben den beiden größeren Einrichtungen mehrere Außenwohngruppen, verteilt auf den ganzen Landkreis.

In ihnen leben Menschen mit einer Beeinträchtigung, die tagsüber zur Arbeit fahren. An eine solche Außenwohngruppe ist eine „junge Gruppe“ von drei 18- bis 20-Jährigen angegliedert, die gerade zu Hause bei den Eltern ausgezogen sind. „Sie haben auch noch keine Erfahrung im Zusammenleben mit Gleichaltrigen. Wir konnten sie in einer kleinen WG unterbringen, um sie auf ihrem Weg zu mehr Selbstständigkeit zu unterstützen“, so Jenewein-Lipp.

Eine Außenwohngruppe für relativ selbstständige Senioren gibt es auch schon beim KJSW. Die Bewohner sind schon in Rente und brauchen deshalb die Gemeinschaft zu anderen, die auch tagsüber zu Hause sind. Die Nachfrage nach Wohnformen, die möglichst viel Eigenständigkeit ermöglichen, nimmt zu.

Bei der inklusiven Wohngemeinschaft, die das KJSW mithilfe der Aktion „OVB-Leser zeigen Herz“ in Rosenheim gründet, werden Hauptamtliche bei Bedarf greifbar sein. „Aber die WG-Bewohner müssen viel selbst organisieren. Das bietet große Freiräume zur Entwicklung von eigenen Fähigkeiten – auch wenn mal etwas schiefläuft: „Etwa, dass jemand einen Termin verbummelt, den er selbst vereinbart hat“, weiß Nina Jenewein-Lipp: „Das kann bei den Studenten ebenso vorkommen wie bei den jungen Leuten mit einer Beeinträchtigung.“ Danach weiß jeder, dass er sich Termine aufschreiben sollte.

In einer inklusiven WG kann jeder von den anderen lernen. „Wer abends gerne weggeht, dem tut es gut, wenn er mit anderen zusammenlebt, die morgens in die Arbeit müssen: Das hilft Studierenden dabei, sich einen guten Tagesrhythmus anzugewöhnen.“

www.ovb-online.de/

weihnachtsaktion

Neue Liste mit Namen der Spender im hinteren Teil auf den Seiten V8 und V9

Artikel 1 von 11