Interview

Die Tücken der Sterndeutung

von Redaktion

Rosenheim – Dr. Christian Theis ist Astronom, Physiker und Leiter der Sternwarte in Mannheim. Im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen hat der Experte über die Tücken bei der Weihnachtsstern-Deutung gesprochen.

Herr Dr. Theis, wie kam es dazu, dass Sie sich so intensiv mit der Thematik des Weihnachtssterns beschäftigt haben?

Der „Stern von Bethlehem“ und seine möglichen Interpretationen zählen zur Weihnachtszeit zu den traditionellen Themen in Planetarien. Als wir dann vor wenigen Jahren unsere Planetariumstechnik in Mannheim komplett modernisiert haben und dabei auch das bis dahin gezeigte Programm, das sich im Wesentlichen auf die Keplersche Interpretation stützte, dem technischen Wandel zum Opfer fiel, war dies der Moment für mich, mich mit diesem Thema intensiv und neu auseinanderzusetzen.

Was bedeutet das für Sie, dass sich das Phänomen „Weihnachtsstern“ mit keiner der bekannten Theorien endgültig erklären lässt?

Es bedeutet für mich zunächst, dass man bei der Interpretation von Texten, erst recht von historischen Texten oder Texten mit anderem kulturellem Hintergrund stets Vorsicht geboten ist. Zu leicht überträgt man seinen eigenen Blickwinkel auf diese Texte. Ich selbst habe insbesondere gelernt, dass man gut daran tut, die Texte nach Möglichkeit mit den Augen der damaligen Zielgruppe zu lesen, zumindest soweit dies möglich ist. Umgekehrt sollte man sich aber auch nicht scheuen, in diesem Bewusstsein Texte ernst zu nehmen und sich auf diese einzulassen, wohl wissend, dass wohl immer ein Spielraum für Interpretation bleibt.

„Und vielleicht war es doch ein Wunder?“ Was sagen Sie, wenn Sie das gefragt werden?

Eigentlich kann ich als Naturwissenschaftler nur auf die Texte verweisen und empfehlen, möglichst nahe am Original zu bleiben und nicht zu sehr auf Übersetzungen, gar noch in „moderner Sprache“ zu vertrauen. Sollte es sich dann bei dem Weihnachtsstern in der Tat um ein einmaliges Himmelsereignis komplett jenseits unseres physikalischen Weltverständnisses gehandelt haben, dann verbietet sich eigentlich ein (natur-)wissenschaftlicher Zugang. Dass ich als Naturwissenschaftler, insbesondere vor dem Hintergrund der Entwicklung der Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten, ein Problem mit natürlichen Phänomenen habe, die „nicht von dieser Welt“ sein sollen, mag aber nicht überraschen.

Interview: Katharina Heinz

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