Von Weisen und Wissenschaftlern

von Redaktion

An der TH Rosenheim: Ein astronomischer Blick auf den Stern von Bethlehem

Rosenheim – Es ist eine magische Geschichte: Zu Jesu Geburt erscheint einigen Magiern ein Stern, der sie zu dem Stall nach Bethlehem führt. Dort treffen sie auf Josef und Maria mit dem Jesuskind, dem sie huldigen und Geschenke bringen. Die Sterndeuter sind bis heute als die „Heiligen Drei Könige überliefert, Weise Männer aus dem Morgenland, die Gold, Weihrauch und Myhrre mitbringen. Am 6. Januar wird diesen Heiligen zu Ehren ein katholischer Feiertag begangen. Auch der Weihnachtsstern ist heute noch sehr präsent. In zahlreichen Bildern wird die Himmelserscheinung als gelber, gezackter Stern mit einem Kometenschweif dargestellt.

Gibt es eine
weltliche Erklärung?

Ein Kind in der Krippe, Hirten und orientalische Magier an einem verzauberten Ort, über dem ein heller Stern steht: So oder so ähnlich kennt man die Weihnachtsgeschichte. Sie lädt in der staden Zeit ein, sich zu besinnen und zu staunen über das Wunder Christi Geburt. Doch was hat es eigentlich auf sich mit dem Weihnachtsstern? Ist er ein reines Produkt des Glaubens, für das es keine weltliche Erklärung gibt? Oder war er ein wirklich existierendes Phänomen, das heute noch nachgewiesen werden kann?

Mit dieser Frage beschäftigt sich der Physiker und Astronom Dr. Christian Theis. Er war auf Einladung von Prof. Dr. Elmar Junker an die Technische Hochschule nach Rosenheim gekommen, wo er ihm Rahmen des astronomischen Kolloquiums der Sternwarte einen Vortrag hielt. Der Leiter des Planetariums Mannheim warf dabei einen – nicht nur – astronomischen Blick auf den Stern von Bethlehem.

Kein Wunder, dass sich Astronomen für den Weihnachtsstern interessieren. So erlaubt es ihre Wissenschaft nicht erst mit den heutigen Berechnungsmethoden, die Ereignisse am Himmel sehr exakt nachzuvollziehen, auch wenn sie bereits vor tausenden Jahren stattfanden. Dazu kommt, dass der Geschichte vom Weihnachtsstern eine enorm große Bedeutung zugewiesen wird. Mondfinsternisse oder Kometen werden nur von einigen Menschen und lokal begrenzt wahrgenommen – den Stern von Bethlehem kennt so ziemlich jedes Kind.

Was ist also dran am Weihnachtsstern? Was war er? Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich zunächst die Ausgangslage anschauen. Was ist denn konkret überliefert, was genau sagt die Bibel dazu?

Hier wartet schon die erste Überraschung. Denn lediglich im Matthäus-Evangelium (Mt 2, 1-5) gibt es einen Bezug zum Stern, wie Dr. Theis darlegt. „Wo ist der neugeborene König der Juden?“, fragen die Magier dort. „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihm zu huldigen.“ Herodes, der damalige Herrscher, wurde von Sterndeutern über das Ereignis informiert. Weil er in Jesu einen Konkurrenten sah, schickte er die Himmelsdeuter los, um das Kind zu finden. Diese folgten einem Stern, der vor ihnen herzog bis zu dem Ort, wo das Kind war. Dort blieb er stehen.

Weg über mehrere
tausend Kilometer

Dr. Theis zieht aus diesen Textstellen nun folgende Annahmen für seine spätere Überprüfung: Magier haben einen Stern gesehen, der im Osten aufging und vor ihnen herzog bis zu einem bestimmten Ort, an dem er stehen blieb. Das Ereignis muss ausreichend lange gedauert haben, da die Magier für ihren mehrere tausende Kilometer langen Weg von ihrer Heimat Babylon zu Herodes nach Jerusalem und dann nach Bethlehem sicher einige Monate gebraucht haben mussten. Außerdem muss der Stern Experten aufgefallen sein, durfte aber nicht zu spektakulär gewesen sein, weil Herodes nichts davon wusste.

Das Jahr „Null“
als Rechenfehler

Eine Herausforderung für die Astronomen ist der Zeitpunkt Jesu Geburt. Denn wie sich Experten heute einig sind, kann Christus auf keinen Fall im Jahr „Null“ zur Welt gekommen sein, und auch nicht am 25. Dezember. Rechenfehler und Lücken in den Aufzeichnungen belegen das. Vergleiche mit anderen Überlieferungen historischer Ereignisse lassen auf ein plausibles Zeitfenster von sieben bis fünf Jahre vor Christus im Frühjahr schließen.

„Wie bewegen sich Dinge am Himmel?“, fragt sich Dr. Theis. Klar: Durch das Drehen der Erde gehen Himmelskörper auf und wieder unter. Das, so der Astronom, wäre zum Beispiel auch bei einem Kometen so. Der könnte also auf keinen Ort verweisen. Ein Meteor, der durch seinen Schweif zumindest einem Pfeil ähneln würde, könne auch nicht über einem Ort stehen bleiben. Außerdem seien beide Phänomene viel zu kurz, sicher nicht über mehrere Monate sichtbar. Eine stimmigere Theorie liefert Johannes Kepler 1604 mit der „dreifachen Konjunktion“. Er hatte nachgewiesen, dass im Jahr sieben vor Christus eine besondere Planeten-Konstellation herrschte: Jupiter und Saturn sind sich im Sternbild Fische dreimal sehr nahegekommen.

Für Dr. Theis hört sich das stimmig an. Denn das Ereignis war sicher nicht so aufsehenerregend, dass es die breite Bevölkerung mitbekommen hat. Den Experten und Sterndeutern konnte es aber nicht verborgen bleiben. Nach einer „babylonischen“ Interpretation wurde Jupiter zudem mit „König“ gleichgesetzt, Saturn mit „Jude“ und Fische mit „Palästina“. Auch dauerte die Konstellation hinreichend lange.

Doch einiges stimmt trotzdem nicht: Denn es war eben nicht ein einzelner Stern, es war vielmehr überhaupt kein Stern, sondern handelte sich um Planeten – und dieser Unterschied war laut Dr. Theis damals durchaus bekannt. Und ob das Ereignis wirklich dermaßen außergewöhnlich war, bezweifelt der Experte auch. „Viel passt, einiges aber auch nicht“, resumiert Dr. Theis.

Eine andere Theorie muss her. Astronom Mark Kidger richtet seinen Blick Anfang der 90er-Jahre über den Tellerrand. Denn bisher hatte man stets Himmelsbeobachtungen aus dem Orient und dem Nahen Osten als Datengrundlage herangezogen. Sterndeuter aus China haben aber ebenfalls eigene und extrem gründliche Aufzeichnungen angefertigt.

Beobachtung aus
dem Sternbild „Adler“

Daraus stammt eine Beobachtung aus dem Sternbild Adler: Dort gab es im passenden Zeitfenster eine Nova, also eine wiederkehrende Fusion zweier Sterne. Aber auch hier stimmt ein Detail nicht. Denn Novae haben laut Dr. Theis eine zehn bis 20-jährige Ruhephase, bevor es wieder zur Kernfusion kommt.

Selbst die bestens Theorien haben also Schwachstellen. Wie kann der Stern von Bethlehem dann erklärt werden? Ist es doch nur ein Märchen? Oder ist es ein bisschen von beidem? „Vielleicht müssen wir den Text durch die damalige Brille interpretieren“, meint Dr. Theis. Dieser Ansatz basiert auf den Forschungen von Michael Molnar, der auf eine griechische statt auf eine babylonische Deutung setzt. In diesem Kulturkreis spielten demnach Horoskope eine große Rolle. Eine astronomische Erscheinung wurde also immer auch astrologisch gedeutet.

Jupiterabdeckung
durch den Mond

So gab es etwa am 17. April sechs vor Christus eine Konstellation mit einem heriaklischen Aufgang des Jupiter im Sternbild Widder nahe der Sonne und eine Jupiterabdeckung durch den Mond – eine ähnliche Situation hatte davor eine besonders optimales „königliches“ Horoskop für Kaiser Hadrian beschert. „Bei so einem guten Horoskop muss etwas Besonderes passiert sein“, könnten die Menschen damals gedacht haben.

Das Sternbild Widder verwies auf die Königsgeburt in Judäa. Statt einer Beobachtung könnte eine astrologische Berechnung einer bestimmten Konstellation der Himmelskörper die Ankunft Jesu verkündet haben. „Das Lesen durch die Augen der Leute damals hat auf jeden Fall einiges für sich“, meint Dr. Theis. Vielleicht spiele die Astronomie in diesem Fall gar nicht die ganz große Rolle.

Dieses Ergebnis ist für die Wissenschaftler sicher nicht ganz befriedigend. Doch es hat auch etwas Gutes: Denn so bleibt die Geschichte vom Weihnachtsstern etwas Zauberhaftes, das an Weihnachten zum Nachdenken anregt.

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