Simssee – Entwarnung für Freiluftschwimmer: Das Wasser des Simssees ist zum Schwimmen absolut geeignet. Entwarnung für die Renke: Das Wasser des Simssees ist zum Atmen absolut geeignet.
Das ist längst nicht immer der Fall. Die Zeiten, in denen es für die Renke im 644 Hektar großen, durchschnittlich 17 Meter und maximal 23 Meter tiefen Simssee eng wird, werden immer mehr. Das Wasser wird immer wärmer, der Sauerstoff immer weniger. „Klassisch für Seen mit großem Nährstoffeintrag“, sagt Dr.Hadumar Roch vom Wasserwirtschaftsamt Rosenheim. „Das Wasser ist heute im Durchschnitt zwei Grad wärmer, als vor einigen Jahren“, sagt Wolfgang Hampel (mit der Autorin weder verwandt noch verschwägert; Anm.d.Red.), Chef des Amtes für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten. „Wir haben gewusst, was los ist, als immer mehr tote Renken in den Netzen landeten“, sagen Thomas Sandbichler und Jürgen Obermaier von der Fischereigenossenschaft Simssee.
Der Brotfisch der Berufsfischer
Die Renke ist der „Brotfisch“ der Berufsfischer an den oberbayerischen Seen. Sie macht normalerweise deutlich mehr als die Hälfte des Fangs aus. Die Forellenverwandte ist ein wenig kapriziös: Mehr als fünf Milligramm Sauerstoff pro Liter müssen es sein, dass der schlanke Fisch sich wohlfühlt, mehr als 18 Grad Wassertemperatur mag die silbrige Renke gar nicht.
Da wird es ab Ende Juli schon mal knapp mit dem Lebensraum. Oben zu warm und unten, unter der Sprungschicht, nicht genug Sauerstoff. Und das mitten in der Haupt-Fresszeit, die von Mai bis September dauert. Mit der Folge, dass viele Renken deutlich langsamer wachsen. Und die Fischer haben neben verendeten zu kleine Tiere im Netz.
Zukaufen bei Kollegen vom Chiemsee
„Ich habe einen Stand beim Bauernmarkt. Ich habe in den letzten Jahren mehrfach bei Kollegen vom Chiemsee Fisch zukaufen müssen, sonst hätte es nicht gereicht“, sagt Thomas Sandbichler vom Seebesitzerverband, gleichzeitig Vorsitzender der Fischereigenossenschaft und einer von sechs Berufsfischern am See.
Von einer stabilen Renken-Population ist der Simssee ein gutes Stück entfernt. Jürgen Obermaier, Vorsitzender des Angelsportvereins und stellvertretender Vorsitzender der Fischereigenossenschaft, berichtet, dass beim Laichfischen im Advent, wenn der Rogner des Weibchens und der Milchner des Männchens abgestreift, miteinander befruchtet und in eine Brutstation gegeben werden, in den letzten Jahren zwischen 11,5 und 20 Liter Laich zusammenkommen. „Früher waren es 70 bis 90 Liter.“
Starkregen macht alles schlimmer
Fischer und Fachleute der Behörden sind sich wegen der Ursachen weitgehend einig: Zu viele Nährstoffe im Wasser – und zuviel Straßenabrieb. Dazu die sich häufenden Starkregenereignisse. „Je mehr Niederschlag wir haben, desto kritischer wird‘s mit dem Sauerstoff“, sagt Obermaier. Er nimmt immer wieder Wasserproben, mit einem Profi-Gerät, das die Sportfischer für mehrere Tausend Euro anschafften, und hat nach Starkregen deutlich höheren Nitrat- und Phosphorgehalt – zu Lasten des Sauerstoffs – im Wasser festgestellt. Und wird bestätigt von Roch: In den Dürrejahren 2003 und 2018, als es extrem wenig Niederschläge gegeben habe, seien die Probleme „schlagartig weniger“ geworden. Er gehe davon aus, dass die strengen Bestimmungen der Düngeverordnung eingehalten werden, so Hampel, „aber dass Starkregen sich natürlich auswirken können, das ist nicht in Abrede zu stellen.“
Noch nicht so gut erforscht sind die Konsequenzen von Straßenabrieb im Wasser. Das Wasserwirtschaftsamt habe mitten im Simssee eine Probe entnommen, berichtet Sandbichler, bei der ganz eindeutig zu sehen war, dass das alte Sediment hell ist, das jüngere dunkel. Etwa 10000 Fahrzeuge nutzen täglich die Kreisstraße RO16, vorbei an Ecking und Pietzing. Die Gullis der Straßenentwässerung liegen unter dem Straßenniveau – und am Fuße eines bewirtschafteten Hanges. Auf etwa hundert Metern läuft dort Oberflächenwasser von Acker und Straße in den Gulli, von dort in den Fellbach und ungebremst in den Simssee. An der Thalkirchener und der Antworter Ache, am Angerbach, an den anderen Bächen und Gräben, die in den Simssee münden, sieht es kaum anders aus.
Straßenentwässerung ist „keine Gefahr“
Nach Einschätzung der Fachbehörden, unter anderem der Wasserrechtler im Landratsamt, sei die Entwässerung der RO16 in einem ordnungsgemäßen Zustand und stelle keine Gefahr für den Simssee dar, teilte eine Sprecherin des Landratsamtes auf Anfrage mit. Sollte das Wasserwirtschaftsamt zu einer anderen Ansicht kommen, werde der Landkreis gerne tätig.
Was tun? „Absetzbecken bauen“, sagen Obermaier und Sandbichler im Chor. Auf dem Gebiet der Gemeinde Stephanskirchen gibt es am Südende des Sees ein solches Becken. Das einzig funktionierende am See. Am Waginger See wurden in den letzten Jahren etliche Absetzbecken gebaut, „und unsere Kollegen sagen, dass sie das deutlich merken“, so die beiden Fischer. Sechs dieser Becken sind es, so Inga Grote vom Wasserwirtschaftsamt Traunstein.
Nährstoffe aus dem See heraushalten
Nährstoffe sollen aus dem Waginger und dem Tachinger See herausgehalten und im Erdboden gehalten werden, vor allem, der für Pflanzen so wichtige Phosphor. „Beim Phosphorgehalt des Sees zeichnete sich 2018 im Vergleich zu den Vorjahren eine leicht rückläufige Tendenz ab“, so Inga Grote. Die nächste Untersuchung steht 2021 an. Ob der Rückgang allein auf die Absetzbecken zurückzuführen sei, wage sie nicht zu sagen, bei der Größe des Einzugsgebietes des Waginger Sees erscheine ihr eine direkte Zuordnung nicht möglich.
Davon gehen auch Sandbichler und Obermaier nicht aus. Aber Absetzbecken seien vermutlich die effektivste Erste-Hilfe-Maßnahme für das Wasser des Simssees. Denn alles andere sei eher eine Frage von Jahrzehnten. Denn dann müssen möglichst viele Landwirte im rund 75 Quadratkilometer großen Einzugsbereich des Simssees mitmachen. „Wenn wir etwas tun können, verbessern können, dann tun wir das auch“, ist Wolfgang Hampel überzeugt.
Nährstoffe im Ackerboden halten
Ein Landwirt, der am Pelhamer See, lange in der gleichen Bredouille wie der Simssee, schon etwas tut, ist Josef Linner aus Bad Endorf. Um die Erosion auf seinen Hangflächen zu vermeiden, arbeitet er mittlerweile mit Untersaat, „so ist eine bessere Wasseraufnahme möglich. Und er sieht zu, dass Gras und Klee schon gekeimt haben, wenn der Mais geerntet wird. Im vergangenen Herbst hat er noch ein zweites Mal gesät, das sogenannte Landsberger Gemenge, eine Zwischenfrucht. Sein Ziel: Mulchsaat – bei der Neusaat bedecken die Reste der Zwischenfrucht noch den Boden und schützen vor Erosion. Damit gelangen weniger Nährstoffe ungebremst ins Wasser. Und die Renke hat wieder mehr Lebensraum. Allerdings müssten da hunderte von Linners Kollegen mitspielen.
Thomas Sandbichler ist da ganz optimistisch: „Wenn jeder etwas tut, kann man viel erreichen. Es muss halt einer anfangen…“