Rosenheim – Eine Schulstunde Mehrarbeit, die Teilzeitmöglichkeiten beschnitten, ebenso die Ruhestandsregelung – für Grundschullehrer wird sich auf Beschluss des Bayerischen Kultusministeriums zum Schuljahr 2020/21 einiges ändern. Hintergrund der Maßnahmen: den Lehrermangel aufzufangen.
Das Staatliche Schulamt Rosenheim begrüßt den Vorstoß. Schließlich würden die Neuregelungen die Planungen erleichtern, wie Schulamtsdirektor Edgar Müller im Gespräch mit unserer Zeitung betont.
Maßnahmen
sind notwendig
Viele Grundschullehrer stöhnen angesichts des Vorstoßes von Kultusminister Michael Piazolo auf: eine Schulstunde länger arbeiten, weniger Teilzeitmöglichkeiten, die Sabbatjahre (Auszeit) abgeschafft und Regel-Ruhestandbeszüge nicht vor dem 66. Lebensjahr. Im Schulamt Rosenheim ist man indes der Meinung: „Ganz klar notwendig, auf jeden Fall“, unterstreicht Schulamtsdirektor Müller. „Wir haben einen Mangel an Lehrkräften und irgendwie muss man gegensteuern, um den Unterricht zu sichern.“
Denn auch im Raum Rosenheim, wo Edgar Müller und sein Amt für 59 staatliche Grundschulen und 22 Mittelschulen zuständig sind, ist die Situation angespannt. „Der Pflichtunterricht kann versorgt werden, das ist keine Frage“, betont Müller.
Widerspiegeln würde sich der Mangel an Lehrpersonal indes an der mobilen Reserve und an Zusatzangeboten wie den AGs, auf die zunehmend verzichtet werden müsse. Die mobile Reserve, also Lehrkräfte, die in Krankheits- und Vertretungsfällen einspringen müssen, ist Müller zufolge zwar ausgestattet, allerdings nur auf einem Minimalniveau. „Bei Krankheitswellen wird es eng“, weiß der Schulamtsdirektor.
Insgesamt 90 Lehrkräfte stehen aktuell im Verantwortungsgebiet des Schulamtes Rosenheim, das nach München-Stadt und München-Land zum drittgrößten Bezirk in ganz Oberbayern gehört, zur Verfügung. Dem gegenüber stehen 1340 aktive Lehrkräfte (ohne Privatschulen).
Neben dem allgemeinen Lehrermangel sieht Müller die Gründe für die Knappheit auch in der in den letzten Jahren erfolgten Aufstockung von Inklusionsangeboten und in den Förderstunden. „Das müssen wir natürlich von AGs oder der mobilen Reserve abzwacken“, so der Leiter des Schulamtes zum aktuellen Dilemma.
Mehrarbeitszeit
wird ausgeglichen
Die in Lehrerkreisen viel bestöhnte Arbeitszeiterhöhung sieht Müller gelassen: Schließlich würde das Plus von 45 Minuten Mehrarbeit pro Woche auf ein Arbeitszeitkonto gutgeschrieben – und könne bei Entspannung der Lage abgebaut werden, führt Müller aus.
Eine ähnliche Situation habe er selbst Anfang der 2000er-Jahre erlebt: Von 2002 bis 2007 war fünf Jahre lang „Mehrarbeit“ von einer Unterrichtsstunde gefragt – analog zum aktuellen Vorstoß. Danach habe das Modell pausiert. In den Jahren 2010 bis 2015 hätten die Lehrkräfte dann die mehr geleistete Arbeitszeit zurückbekommen. Und in diesem Zeitraum eine Schulstunde weniger pro Woche gearbeitet. „Das wird auch dieses Mal so sein“, sagt der Schulamtsdirektor. Prognosen zufolge soll der Lehrermangel bis 2026/27 abflachen. „Dann könnte die Mehrarbeitszeit wieder zurückgegeben werden“, erläutert Müller.
Ähnlich könnte es sich mit der neuen Teilzeitregelung (Minimum 24 statt bislang 21 Wochenstunden) und der Regel-Verrentung verhalten (nicht vor 66. Lebensjahr). „Auch diese Maßnahmen sind nur vorübergehend. Entspannt sich die Lage, werden sie zurückgenommen“, unterstreicht der Amtsleiter.
Spannend bleibt die Frage, wie die Lehrkräfte auf die Maßnahmen reagieren. Denn: Sie könnten zumindest in Hinblick auf die eine Wochenstunde Mehrarbeit Teilzeit beantragen – und damit ihre bisherige Wochenarbeitszeit beibehalten. „Dann wäre uns natürlich nicht mehr geholfen, aber das bleibt abzuwarten“, gibt sich Müller gelassen.
Die Neuregelung für das kommende Schuljahr empfindet der Schulamtsleiter alles in allem als Erleichterung bei der Planung. „Das wird hoffentlich vieles entspannen“, meint er. Denn: An erster Stelle steht für ihn die Unterrichtsversorgung. Schließlich soll auch ab September wieder vor jeder Schulklasse auch eine Lehrkraft stehen.Rosi Gantner