Rosenheim – Das Borna-Virus ist hochgefährlich, extrem selten – und dennoch sehr präsent in der Region: Der Raum Rosenheim und Mühldorf ist, wie berichtet, Kerngebiet des tödlichen Erregers, der zumeist bei Pferden und Schafen verbreitet ist. Und: Der auch auf Menschen übertragbar ist.
„Herd“ des tödlichen Virus‘: die Spitzmaus. Insbesondere infizierte Feldspitzmäuse übertragen laut den Experten des Robert-Koch-Instituts in Berlin, die sich seit dem Jahr 2018 intensiv mit dem Erreger beschäftigen, das Virus. Das geschieht über Kot, Urin, Speichel oder Blut – womit die Katzen ins Spiel kommen. Und in diesem Zusammenhang die Katzenbesitzer. „Wer mit Spitzmäusen und ihren Körperflüssigkeiten in Kontakt kommt, ist potenziell gefährdet“, warnt deshalb Dr. Hendrik Wilking, stellvertretender Fachgebietsleiter für Gastrointestinale Infektionen, Zoonosen und tropische Infektionen sowie Infektionsepidemiologie am Robert-Koch-Institut.
Spitzmäuse als Gefahrenquelle
Die gute Nachricht: Weder infizierte Pferde, Schafe, noch Katzen können den Erreger weiter übertragen – sie sind nach den Worten Wilkings „Sackgassenwirte“. „Haustiere wie auch Menschen übertragen das Virus nach bisheriger Kenntnis nicht“, erklärt er im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Doch: Sie können sich anstecken. Deshalb, warnt Wilking, ist insbesondere in Hinblick auf Spitzmäuse höchste Vorsicht geboten. Weshalb das Risiko für Katzenbesitzer besonders hoch ist. „Katzen jagen eben Feldspitzmäuse, bringen sie mit nach Hause und da kann es schnell zu Kontakt mit den Ausscheidungen kommen.“
Wilkings Empfehlung deshalb, sollte der Jäger auf vier Pfoten eine Spitzmaus ins Haus eingeschleust haben: nie mit bloßen Händen anfassen, Gummihandschuhe anziehen und am besten noch einen Mund-Nase-Schutz, für den Fall, dass Staub aufgewirbelt wird. Die tote Spitzmaus dann ab in eine Plastiktüte, sicher verschließen und entsorgen. „Ganz wichtig ist, nicht mit der Maus in Kontakt zu kommen“, unterstreicht er.
Dass sich auch Menschen mit dem Borna-Virus infizieren können, diese Tatsache ist erst seit dem Jahr 2018 bekannt. Zuvor war die Krankheit nur in der Tierwelt angesiedelt. „Bei Nutztieren ist der Erreger seit Langem bekannt“, erklärt Wilking. Denn: Das Borna-Virus ist seinen Worten zufolge virologisch ein sehr altes Virus, sozusagen ein noch vorhandener Dinosaurier unter den Viren. „Man muss davon ausgehen, dass es dieses Virus schon sehr lange Zeit in Bayern gibt.“
Allerdings: Der Erreger tritt nicht in allen Landstrichen auf – sondern hat ein Kerngebiet. Dazu zählen: Oberbayern und damit auch der Raum Rosenheim und Mühldorf, sowie das Allgäu. „Hier befinden sich die Schwerpunkte.“ Ermittelt wurden die Risikogebiete anhand infizierter Tiere. Auch hier gibt es eine gute Nachricht: Das betroffene Gebiet ist Wilking zufolge über die Jahre vergleichsweise stabil. „Das kennen wir auch von anderen Viren, zum Beispiel dem Hanta-Virus bei Nagetieren, sie bleiben in gewissen Gebieten, obwohl es die Tiere auch anderswo gibt“, beschreibt Wilking. Möglicherweise, vermutet der Experte, könnten dabei Umweltfaktoren eine Rolle spielen. „Wir arbeiten gerade daran, mehr über das Virus zu erfahren.“
Forscher kontaktieren die Angehörigen
Seit dem Jahr 2018 läuft diesbezüglich ein eigenes Forschungsprojekt am Robert-Koch-Institut zusammen mit dem Friedrich-Löffler-Institut und dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit (LGL). Ziel: das Borna-Virus weiter zu ergründen – und nach Therapiemöglichkeiten zu forschen.
Dazu nimmt das Forscherteam auch Kontakt zu den Angehörigen der Erkrankten auf. So auch im jüngsten Fall von Ende 2019, als ein elfjähriges Mädchen aus der Region Opfer des tödlichen Virus‘ wurde. „Wir untersuchen, wie die Personen gelebt haben, was die Erkrankung begünstigt haben könnte und wie sie sich infiziert haben könnten.“
Erkrankung ist
höchst selten
Zum einen ist bislang wenig über das Borna-Virus bekannt, zum anderen ist die Erkrankung höchst selten. Nur 14 Erkrankungsfälle sind offiziell bekannt. „Wir gehen aber davon aus, dass bisher viele Fälle nicht diagnostiziert wurden“, so Wilking. Seine Einschätzung: Pro Jahr dürften sich ein bis drei Menschen in Deutschland mit dem Virus infizieren.
Einzig ein Erkrankter, der sich im Zuge einer Organtransplantation infiziert hatte, habe überlebt, allerdings mit schweren Folgeschäden, wie es Wilking beschreibt. Denn: Das Virus greife das Nervengewebe an. Schon nach kurzer Zeit würden die ersten Symptome wie Verwirrtheit, Sprach- und Gehstörungen auftreten. „Es ist sehr sensibles Gewebe betroffen.“ Schließlich falle der Patient ins Koma. Hinzu komme eine sehr starke Immunreaktion des Körpers – mit Todesfolge.
Therapien gibt es dem Experten zufolge bis dato keine – trotzdem will das Robert-Koch-Institut nun insbesondere die Ärzte sensibilisieren, die Erkrankung frühzeitig zu diagnostizieren. „Bislang war das Virus zu unbekannt, als dass man es auf dem Schirm gehabt hätte“, so Wilking. Bei frühzeitiger Diagnose, hofft er, ließen sich zumindest Therapieversuche einleiten, um den „Krankheitsverlauf positiv beeinflussen zu können“. Ein Expertenteam aus Neurologen und Epidemiologen hätte bereits erste Vorstellungen – und auch die Forscher bleiben am Ball.
Ab 1. März gibt es eine Meldepflicht
Im Raum Rosenheim will der Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes, Dr. Wolfgang Hierl, das Thema Borna-Virus in Angriff nehmen – und die Ärzteschaft sensibilisieren. Auch im Gesundheitsamt Mühldorf ist das Virus keine Unbekannte. Hier ist bereits ein Fall aufgetreten, wie die Mühldorfer Behörde bestätigte. Die Meldepflicht für das Borna-Virus, ab 1. März verpflichtend, begrüßen beide Behörden.