Bruckmühl – Irene Oberst ist eine bewundernswerte Frau mit viel Energie. Die 63-jährige Frau hat vier Kinder großgezogen. Nur eines davon ist kerngesund: Florian (31), ihr jüngster Sohn. Maximilian (36), Benedict (35) und Regina (22) leiden an einer Stoffwechselerkrankung, die zu einer geistigen Einschränkung geführt hat.
Man kann nur erahnen, mit wie viel Kraft, Herz und Hingabe Irene Oberst jahrzehntelang dafür gesorgt hat, dass daheim der Laden läuft. Aber erschöpft ist sie keineswegs – ganz im Gegenteil. Die 63-Jährige ist eine der beiden ehrenamtlichen „Beauftragten des Landkreises Rosenheim für die Belange von Menschen mit Behinderung“ – so ist die offizielle Bezeichnung.
Inklusion bedeutet für Irene Oberst: „Jeder ist anders, jeder ist dabei, jeder macht mit.“ Das klappt überall: im Kindergarten, in der Schule, in der Freizeit, im Arbeitsleben und sicher auch in der inklusiven WG, die das Katholische Jugendsozialwerk (KJSW) bald mithilfe der Aktion „OVB-Leser zeigen Herz“ in Rosenheim gründen wird.
Inklusive WG sollte selbstverständlich sein
„Ich wünsche mir, dass eine solche WG bald ganz selbstverständlich geworden ist“, hofft die vierfache Mutter. Oberst und ihre Kollegin Christiane Grotz sind als Beauftragte viel unterwegs. „Wir sehen uns vor allem als Ansprechpartner für Betroffene“, betonen sie. Oft geht es um Barrierefreiheit. Das Telefon klingelt, eine Anruferin braucht einen Rat. Sie bekommt ihn.
Und ihre eigenen Kinder? Der älteste Sohn, Maximilian (36), ist heute erfreulich selbstständig. Er lebt in einer vierköpfigen, ambulant betreuten KJSW-Wohngruppe in Bad Aibling und hat eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt. „Er arbeitet seit 17 Jahren als Bauhelfer in einem Betrieb und verdient regulären Tariflohn“, berichtet Irene Oberst stolz.
Auch sonst braucht ihr Ältester kaum Unterstützung: er kauft ein, kocht selbst, wäscht seine Wäsche. Nur vor Kurzem sollte ihn die Mama begleiten. Maximilian wollte beim Arbeitgeber eine zusätzliche private Altersvorsorge abschließen. „Da war ich dann natürlich dabei“, sagt Oberst.
Sohn Benedict (35) hat dieselbe Erkrankung. Er lebt in einer Außenwohngruppe der Stiftung Attl und arbeitet in der Gärtnerei der Stiftung. Auch er ist eigenständig: „Zum Beispiel fährt er ohne Probleme mit dem Zug, wenn er uns besucht.“ Benedict ist körperlich fit, trainiert regelmäßig in der Attler Klettergruppe, nimmt sogar an Wettbewerben teil.
Ihr dritter Sohn, Florian (31), wohnt ebenfalls nicht mehr zu Hause. Er hat keine Beeinträchtigung, hat in Köln „Sports Engineering“ studiert. „Alle Jungs wollten selbstständig sein und ausziehen. Und so haben mein Mann und ich nach guten Lösungen gesucht und sie dann auch gehen lassen“, lacht Oberst.
Bei Regina (22) fiel ihr das nicht so leicht. Sie leidet ebenfalls an einer geistigen Beeinträchtigung. Regina spricht nicht, doch auch die Tochter sollte so unabhängig wie möglich vom Elternhaus sein.
Irene Oberst fand einen Platz in Attl. Dort fühlt sich die 22-Jährige wohl. Alle zwei Wochen verbringt Regina das Wochenende bei den Eltern, kehrt dann wieder gerne zurück in ihre Wohngruppe. „Ich könnte mir nicht vorstellen, meine Kinder im Haus zu haben, bis sie selbst 60 Jahre alt sind“, sagt Irene Oberst.
Es sei normal, wenn junge Leute eigene Wege gehen – „gerade dann, wenn sie eine Beeinträchtigung haben“.
Eltern, die nicht loslassen könnten, müssten ihre Kinder spätestens dann gehen lassen, wenn sie selbst sehr alt und nicht mehr gesund seien. „Dann tun sich die ‚Kinder‘ aber schwerer, weil sie selbst älter sind und das Einleben an einem anderen Ort nicht mehr so einfach ist“, weiß Irene Oberst.
Inklusion – am besten vom Kindergarten an
Inklusion in möglichst vielen Lebensbereichen ist für die engagierte Frau mit dem wachen Blick sehr wichtig: „Wir sollten defizitorientierte Sichtweisen hinter uns lassen und uns stattdessen an dem orientieren, was jemand gut kann.“ Das sollte schon im Kindergarten losgehen. Wenn Kinder mit und ohne Beeinträchtigung von Anfang an miteinander spielen und lernen, werden Berührungsängste erst gar nicht aufgebaut. Für Kinder ist es dann nicht wichtig, ob ein anderes Kind im Rollstuhl sitzt oder fürs Lernen länger braucht.
Mit dieser Geschichte endet die Reportagenreihe zur Aktion „OVB-Leser zeigen Herz“.