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von Redaktion

Zwischen Himmel und Erde

Wenn jemand mit einem schwerwiegenden Problem zu mir in die Sprechstunde kommt, kann ich leider keine fertigen Lösungen anbieten, so gern ich das natürlich möchte. Ich muss der Versuchung widerstehen, sofort meine eigene Meinung darzulegen und kann zunächst einmal nur zuhören. Aber allein im Erzählen komplizierter Sachverhalte lösen sich manchmal schon die ersten Fäden aus einem verworrenen Knäuel.

Rat kann ich ohnehin nur einen geben: Mitten in einer Krise darf der Mensch nie eine weitreichende Entscheidung treffen! Um ein Problem wirklich lösen zu können, braucht es erst einmal den inneren Abstand dazu. Das fällt schwer, wenn sich die Lösungsspur ewig lange nicht auftut und Konsequenzen für das eigene Leben nicht mehr hinausgeschoben werden können.

Die erforderliche Geduld in der Krise wird zur Qual. Das raubt uns den Frieden und am Ende auch noch den Schlaf. Ein weises Sprichwort sagt, man soll die Sorgen vor dem Zubettgehen in die Schuhe stopfen. Manchmal packe ich ein ungelöstes Problem am Abend auch in eine imaginäre Schachtel und lege diese bewusst zur Seite.

Ich weiß, dass ich mich am Morgen wieder darum kümmern muss, aber manchmal habe ich eine Angelegenheit schon etwas anders ausgepackt, als ich sie am Abend davor dort hineingetan habe. In der Bibel lädt Jesus die Menschen ein, ihre Last bei ihm abzuladen. Dann werden wir Ruhe finden.

Psychologisch gesehen macht diese Aufforderung frei für die notwendige Distanz zum eigenen Problem. Die Außensicht ermöglicht dann vielleicht erstmals einen neuen Blickwinkel. Mir bedeutet diese Einladung aber noch sehr viel mehr: Ich darf meine Sorgen und Probleme bei Gott aufgehoben wissen und aus seinem Licht anschauen. Er trägt mit. Eine Lösung kommt dann manchmal spät, aber immer zur richtigen Zeit.

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