Rosenheim/Mühldorf – Es ist ein später Montagabend im Oktober 2015, als sich Polizisten, Feuerwehrler, Sanitäter und Ersthelfer in der Polizeiinspektion in Mühldorf zusammenfinden. Um zu reden. Denn sie alle haben etwas gemeinsam erlebt: die Schrecken eines entsetzlichen Verkehrsunfalls. Zwei junge Mädchen, beide 15 Jahre alt, sind gestorben. Ein Auto hatte ihre beiden Roller erfasst. Die Menschen im Raum haben Schlimmes erlebt – und Schlimmes gefühlt.
Polizeiseelsorge in
Bayern seit 100 Jahren
„Die Angst, etwas zu übersehen, furchtbare Verzweiflung, Ohnmacht; da kommen wirklich existenzielle Fragen auf“, erzählt Monika Winkler. Die 60-jährige Pastoralreferentin ist seit zehn Jahren in der Polizeiseelsorge im Präsidium Oberbayern Süd in Rosenheim tätig. Unter anderem moderiert sie Einsatznachbesprechungen, die nach traumatisierenden Situation jenen helfen sollen, die anderen in der Not geholfen haben.
Wie an jenem Abend, an den sie sich auch heute noch gut erinnern kann. Nicht nur wegen der furchtbaren Umstände, sondern auch wegen dem Ergebnis: „Es war zwar eine sehr große Gruppe, doch es ist sehr gut verlaufen.“ Die Regeln einer solchen Besprechung sind klar festgelegt: Jeder darf etwas sagen – muss aber nicht, betont Winkler: „Es soll nur das gesagt werden, wozu der Betroffene gewillt ist.“ Doch alle, die erzählen wollen, dürfen reden. Über das, was sie gemacht haben und wie es ihnen dabei ergangen ist, was sie gesehen haben – und was sie dabei fühlten. Alle anderen hören zu, ganz ohne Kommentar. Und genau so entsteht eine Verbindung unter den Betroffenen.
„Sie fühlen sich verstanden“, erklärt Monika Winkler. „Wenn jemand so etwas noch nie erlebt hat, denkt er vielleicht zuerst: Was ist nur mit mir los, bin ich verrückt? Doch dann merkt er, andere erleben es ähnlich. Und so wird die eigene Erfahrung nicht außergewöhnlich, sondern eine ,normale‘ Reaktion auf die furchtbare Situation.“ Für die Bewältigung solcher Ausnahmesituationen gibt es eben die Polizeiseelsorger, in Bayern nun schon seit hundert Jahren.
Doch das ist nur ein Teil ihrer Aufgaben. Die Seelsorger sind studierte Theologen und Angestellte ihrer jeweiligen Kirche, katholisch wie evangelisch, außerdem haben sie meist einen psychotherapeutischen Hintergrund und Erfahrung mit Krisenintervention. So könne sie fundierte seelische Betreuung für die Angestellten und die Beamten der bayerischen Polizei anbieten. Die Pastoralreferenten unterrichten auch die jungen Auszubildenden in der Berufsethik, sie organisieren religiöse oder spirituelle Angebote und Seminare, doch vor allem bieten sie vertrauliche Gespräche an.
„Zum Glück, muss man sagen, stehen die traumatisierenden Ereignisse nicht im Vordergrund bei unserer Arbeit“, erzählt Monika Winkler, „sondern hauptsächlich Einzelgespräche.“ Wer Probleme hat, kann mit der Seelsorgerin einfach darüber reden. Etwa über eine zu hohe Arbeitsbelastung, über den anstrengenden Schichtdienst – oder auch über private Probleme, etwa Schwierigkeiten in der Beziehung oder in der Familie. Die Seelsorger haben ein Zeugnisverweigerungsrecht, somit sind die Gespräche vollkommen vertraulich. Und es ist ein „niederschwelliges Angebot“, erklärt Winkler: Das heißt, die Betroffenen müssen nicht viel tun, um an die Helfer heran zu kommen. Im Gegenteil, so Winkler: „Wir sind einfach da, sagen Grüß Gott, ratschen ein wenig, dann kann sich etwas ergeben. Und: Es ergibt sich jedes Mal etwas.“