Milliarde ein „Signal der Ignoranz“

von Redaktion

Interview Josef Bodmaier, Kreisobmann von 2000 Bauern im Landkreis Rosenheim

Rosenheim – Pünktlich vor Maria Lichtmess verspricht die große Koalition eine Milliarde Euro für Agrarumweltprogramme. Ob diese „Bauernmilliarde“ Sinn macht, und um welche Themen es auf dem morgigen Kreisbauerntag geht, erklärt Josef Bodmaier, der Kreisobmann des Bauernverbandes im Landkreis Rosenheim, im Interview.

Herr Bodmaier: Kann diese „Bauernmilliarde“ die Landwirte retten?

Josef Bodmaier: Schlüssel zur Rettung der Landwirtschaft sind das Einkaufsverhalten der Verbraucher und die Wertschätzung der von den Landwirten erzeugten heimischen Produkte. Deshalb ist diese „Bauernmilliarde“ für mich ein Signal der Ignoranz, denn sie löst eben dieses wesentliche Problem nicht. Uns geht es darum, dass Agrarpolitik von Landwirtschaftsexperten gemacht wird, die über das erforderliche Fachwissen verfügen und mit der Praxis verbunden sind. Das kann man von der Düngeverordnung, die uns von der EU übergestülpt wurde, nicht behaupten.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Landwirte sind die einzige Berufsgruppe, die CO2 speichern kann – durch die Ackerfrüchte, den Grünlandaufwuchs oder den Wald. Das Grundwasser in der Region ist gut. Es gibt also eigentlich keinen Grund, an der Düngung etwas zu ändern. Gülle wird nach dem Bedarf der Pflanzen ausgebracht. Grünland beispielsweise, das fünf- bis sechsmal im Jahr gemäht wird, braucht 300 Kilogramm Stickstoff. Die EU stülpt uns ein Gesetz über, nach dem wir nur noch 170 Kilogramm ausbringen dürfen. Weitaus weniger Gülle also. Damit der Boden ausreichend Nährstoffe erhält, müssen wir nun künstlichen Dünger teuer zukaufen, dem die wertvollen Mikronährstoffe der Gülle allerdings fehlen. Die Kreislaufwirtschaft wird gestört. Wir fahren die überschüssige Gülle jetzt in Ackerbaugebiete. Der Kunstdünger wird aus Linz hierher transportiert. Diese zusätzlichen Fahrten verschlechtern die CO2-Bilanz. Zudem steigen die Kosten für einen Landwirt pro Jahr auf schnell mal 10000 Euro oder sogar noch mehr.

Mit der Milliarde könnte zumindest die Anschaffung der neuen Ausbring-Technik gefördert werden.

Ab dem 1. Februar muss die Gülle auf Ackerland mit Schlepperschuhverteilern ausgebracht werden. Diese Technik kostet komplett etwa 100000 Euro. Die Frage ist also, wie hoch die Unterstützung für den einzelnen Bauern sein kann. Die Hersteller sind für die nächsten zwei Jahre ausgebucht. Und auch der Maschinenring ist mit der neuen Technik unterversorgt. Es ist also eine Augenwischerei. Viel wichtiger ist aber, dass es keine wissenschaftlich belastbaren Untersuchungen gibt, die nachweisen, dass diese Art der Gülleausbringung umweltverträglicher ist.

Wann ist mit dem Verbot der Anbindehaltung zu rechnen?

Das ist noch nicht abzusehen, aber wenn es kommt, bedeutet das das Ende der kleinbäuerlichen Landwirtschaft – also von etwa einem Drittel der 2000 Betriebe in der Region. Den Bauern fehlt der Platz und das Geld für die Investition in neue Ställe. In Anbindehaltung braucht eine Kuh etwa sechs Quadratmeter Platz, in einem Laufstall zwölf. Und ein neuer Laufstall kostet circa eine Million Euro. Das Bauernhofsterben hat bereits begonnen, weil sich die Familien allein von der Landwirtschaft nicht mehr ernähren können. Viele junge Bauern, die in den nächsten zehn Jahren die Höfe übernehmen müssten, haben sich andere Berufe gesucht. Mit dem Verbot der Anbindehaltung stehen womöglich weitere 650 Betriebe vor dem Aus.

In der Region wird vor allem Fleckvieh gehalten. Wie werden sich die Preise entwickeln, wenn das Mercosur-Abkommen greift?

Unsere Schlachterlöse werden weiter sinken. Wir lehnen den Import von Billigfleisch ab, weil weder die Qualitätsstandards noch die Produktionsbedingungen den europäischen Normen entsprechen. Im Produktionsprozess werden Hormone und Antibiotika eingesetzt. Von der Haltung ganz zu schweigen. Für uns wäre das eine global und staatlich verordnete Wettbewerbsverzerrung.

Warum dürfen bayerische Landwirte keine Kälber mehr nach Spanien liefern?

Weil nach Meinung der Amtsveterinäre der Transportweg von Bayern nach Spanien zu weit ist. Andere Bundesländer und übrigens auch Österreich dürfen allerdings liefern. Hier wird ein Bundesgesetz auf Landesebene unterschiedlich interpretiert. Der Bauernverband setzt sich schon lange für einheitliche Regelungen ein, aber es passiert einfach nichts.

Die EU hat die benachteiligten landwirtschaftlichen Gebiete neu definiert, die Ausgleichszahlungen erhalten. Was bedeutet das für die Region?

Viele Bergbauern erhalten keine Subventionen mehr oder deutlich weniger. Ich schätze, das sind etwa 5000 Euro, die pro Hof fehlen werden. Die Bauern können nicht mehr wirtschaftlich arbeiten, sind aber diejenigen, die die Landschaft pflegen. Wie lange sie noch durchhalten, ist eine Frage der Zeit.

Die Bauern zeigen Flagge. Auch morgen werden wieder Traktoren in der Stadt zu sehen sein. Was wollen Sie erreichen?

Wir wollen gesehen und gewertschätzt werden als die Menschen, die seit Jahrhunderten die Landschaft pflegen und die Nahrungsmittel für die Bevölkerung produzieren. Wir wollen ernst genommen werden. Unsere Landwirte sind bestens ausgebildete, kompetente Fachleute. Und Fachwissen erwarten wir einfach auch von den Menschen, die Agrarpolitik machen. Aber die Politik setzt sich über die Landwirte und die Praxis hinweg, ignoriert die Tatsachen und ist absolut beratungsresistent. Und so kann es nicht weitergehen.

Interview: Kathrin Gerlach

Kreisbauerntagin der Inntalhalle

Hauptredner beim Kreisbauerntag am Samstag, 1. Februar, in der Inntalhalle Rosenheim ist Amtschef Hubert Bittlmayer vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Er referiert über das Thema „Die bayerische Landwirtschaft vor neuen Herausforderungen“. Beginn ist um 9.30 Uhr.

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