Die tödliche Altlast des Krieges

von Redaktion

Bombengefahr: Meridian bereitet Pendler auf mögliche Sperrungen vor

Rosenheim – Mindestens 14-mal regnete es im Weltkrieg Bomben auf Rosenheim – mit Nachhall bis heute: Reisende und Pendler müssen sich eventuell erneut auf Behinderungen einstellen. Denn am Bahnhof wird wieder nach Bomben gesucht.

Apokalypse
über Rosenheim

Ungefähr 200 Tote und ebenso viele Verletzte: So litt die Bevölkerung Rosenheims damals. Und heute? Noch 75 Jahre nach dem großen Krieg rostet tödliche Last im Erdreich vor sich hin. Verstärkt dort, wo Briten und Amerikaner den Verkehr zwischen Salzburg und München empfindlich treffen konnten – am Bahnhof Rosenheim.

Sollte erneut eine Bombe in Bereich des Bahnhofs gefunden werden, müsste der Zugverkehr unterbrochen werden. Tausende Pendler und Reisende wären dann im schlimmsten Fall auf den sogenannten Schienenersatzverkehr mit Bussen angewiesen. „Mehrere Verdachtsmomente auf Kampfmittel“ gebe es, schreibt das Bahnunternehmen Meridian in einer Pressemitteilung.

Wie wahrscheinlich ist ein Bombenfund? Schwer zu sagen. Allein beim letzten Angriff am 18. April 1945, der den Bahnhof so gut wie vom Erdboden radierte, fielen 1300 Bomben vom Himmel. Jede Zehnte von ihnen, so schätzen Fachleute, könnte ein Blindgänger gewesen sein. Allerdings: Schon seinerzeit wurden geortete Blindgänger entschärft und geräumt. Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau mussten diese Arbeit tun.

Manche Bomben aber wühlten sich so tief in den Boden, dass sie in dem Chaos nicht entdeckt wurden. Wann immer also am Bahnhof geplant, erschlossen und gebaut wird, gilt dort Alarmstufe Rot. „Verdachtsflächen sind Bahnhöfe immer, besonders aber der von Rosenheim“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn. Bevor also Bagger das Erdreich zerpflügen, müssen die Spezialisten anrücken. Das war schon einige Male der Fall, beim Bau der Unterführung zwischen Bahnhof und Klepperstraße etwa.

Dafür kann man zunächst Luftaufnahmen auswerten. Diese Aufnahmen gab es von so gut wie jedem Angriff, die Alliierten wollten durch die Auswertung ihre Trefferquote verbessern. Heute geben die Fotografien den Experten Anhaltspunkte. Krater mit helleren Spuren drumherum lassen auf explodierte Bomben schließen. Dunkle Punkte ohne ausgesprengte Erde drumherum auf Blindgänger.

Verdächtig sind
Bahnhöfe fast immer

In Rosenheim stießen die Bombenentschärfer in den vergangenen Jahren mehrmals auf die tödliche Altlast des Krieges. 2014 wurde erstmals eine Bombe auf dem Areal Nord gefunden. Eine weitere wurde im Januar 2015 entdeckt. Im Juni 2016 tauchte an der Enzenspergerstraße/Ecke Kunstmühlstraße eine weitere Fliegerbombe auf. Im Oktober 2017 wurde letztmals eine Bombe geortet. Zwischenfälle, die den Alltag Tausender Menschen durcheinanderbringen können: Im Umkreis von 300 Metern müssen Menschen ihre Wohnungen verlassen, der Bahnverkehr wird unterbrochen. Der genannte Radius gilt für die häufig eingesetzten 250-Kilo-Bomben. Es kann aber auch dicker kommen: Eine besonders schwere Sprengbombe machte in Augsburg 2016 die Evakuierung von 50000 Menschen und damit fast der gesamten Altstadt notwendig.

„Es gibt Verdachtsstellen“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn, „Jetzt werden Grabungen durchgeführt.“ Das sei auch vor einigen Wochen schon geschehen, seinerzeit aber stellten sich die verdächtigen Punkte, an denen man mit der Sonde Eisen im Boden geortet habe, als harmlos heraus. So sei man auf eine alte Wasserleitung gestoßen. Ein Bombenfund sei unwahrscheinlich, eher werde es in den kommenden Wochen vorkommen, dass sich ein Zug verspäte oder an einem anderen Gleis ankomme. Und im Falle eines Falles? Werden Busse für den Schienenersatzverkehr eingesetzt. Da der Busbahnhof wahrscheinlich innerhalb des kritischen Radius‘ liegt, werde dann die Haltestelle an eine andere häufig angefahrene Station verlegt, heißt es seitens der Stadt.

Die Arbeiten, die bis 29. Februar neue Sondierungen notwendig machen, betreffen die Gleisüberbrückung über den Mühlbach. Dafür muss der Bach mit Spundwänden umgeleitet werden. Die Brücke über den Bach stammt aus Zeiten, da man sich Luftangriffe noch nicht vorstellen konnte – aus dem Jahr 1878. „Wirklich Zeit, dass man die erneuert“, sagt der DB-Sprecher.

Bomben auf Rosenheim

Reiseführer für die Air Force: „Bomber‘s Baedeker“ nannten die Briten ihre interne Auflistung von potenziellen Zielen für Luftangriffe aus dem Jahre 1944. Hunderte von deutschen Orten sind in diesem Kompendium aufgelistet. Zu Rosenheim erfährt man: eine Stadt zu Füßen der Berge, mit Industrie von zweitrangiger Bedeutung – von Klepper einmal abgesehen –, allerdings mit überragender Bedeutung für den Verkehr. Es sei, so steht es in „Bomber‘s Baedeker“ zu lesen, ein Eisenbahnknotenpunkt von großer Wichtigkeit für die Verbindung von Italien nach Mitteleuropa. Klepper und der Bahnhof machten Rosenheim hinreichend interessant. Dementsprechend heftig bombardierten die Alliierten die Stadt und vor allem ihren Bahnhof. Insgesamt 14 Angriffe flogen sie, am verheerendsten am 18. April 1945, zwei Wochen vor dem Einmarsch der US-Truppen: 53 Menschen starben, der Eisenbahnknotenpunkt selbst war so gut wie ausgelöscht. Insgesamt zerstörten Bomben 150 Häuser, 129 Häuser wurden schwer beschädigt, vernichtet wurden damit rund fünf Prozent der städtischen Bausubstanz. So grausam das war, kam Rosenheim damit fast noch glimpflich davon. Zum Vergleich: Münchens historische Altstadt wurde zu 90 Prozent zerstört.

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