Georg Reinthaler
Der einzige grüne Rathaus-Chef hat keinen Herausforderer
Rosenheim/Landkreis – Das gab es noch nie: Erstmals ist die Zahl der Bürgermeisterkandidaten im Landkreis Rosenheim bei einer Kommunalwahl dreistellig. Und noch ein Rekord zeichnet sich drei Tage vor der Kommunalwahl 2020 ab: Der Anteil der Briefwähler wird in einigen Kommunen sogar deutlich über 50 Prozent liegen.
Dazu ein Rechenbeispiel: Am Samerberg ist die Zahl der Briefwähler bis Mittwoch auf über 1200 geklettert – bei 2200 Wahlberechtigten. Sollte die Wahlbeteiligung wie vor sechs Jahren bei etwa 70 Prozent liegen, dürften rund 1550 Samerberger ihre Kreuzerl machen. Da bleibt für den Wahlsonntag nicht mehr viel übrig. 300 bis 400 werden noch kommen – die große Mehrheit, also drei von vier Bürgern, hat dann schon zu Hause gewählt.
Erst kam der Andrang
– dann erst Corona
Am Coronavirus allein lässt sich das nicht festmachen. „Der erste große Briefwahlschub kam schon zuvor“, erklärt Bürgermeister Georg Huber auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. Und er sieht es positiv: „Das sieht nach einer hohen Wahlbeteiligung aus.“
Ähnlich ist der Trend in Wasserburg. Bei rund 10000 Berechtigten sind es bis jetzt schon über 2700 Briefwähler. Zum Vergleich: 2014 waren es 2100.
„Glücklicherweise haben wir ausreichend Briefwahl-Unterlagen bestellt“, sagt Claudia Schaber, die Leiterin des Ordnungsamtes. Andere Kommunen mussten dagegen Kuverts nachbestellen – zum Beispiel Rott, das mit Ramerberg eine Verwaltungsgemeinschaft bildet. Mit einer so großen Nachfrage hatte man dort nicht gerechnet.
Die Wahl in Zeiten des Coronavirus mag die Zahl der Briefwähler zusätzlich in die Höhe treiben, aber wie Georg Huber am Samerberg betont Schaber in Wasserburg: Der Andrang war schon groß, als SARS-CoV-2 noch weit weg war.
Historische 49,4
Prozent für Berthaler
Vielleicht liegt das große Interesse an der Kommunalwahl in der Region ja auch an der Vielzahl der Kandidaten und heißen Themen wie dem umstrittenen Nordzulauf zum Brennerbasistunnel oder dem Klimawandel. 115 Bürgermeister-Anwärter müssen dazu Farbe bekennen. Hinzu kommen neun Bewerber für den Landratsposten (auch das ist Rekord) und sieben Kommunalpolitiker, die auf den Oberbürgermeister-Sessel im Rosenheimer Rathaus wollen.
Je voller das Kandidatenkarussell, desto schwieriger fällt eine Prognose für den Wahlausgang am 15. März – und umso wahrscheinlicher läuft es auf eine Stichwahl hinaus. So werden zahlreiche Bewerber zwei weitere Wochen auf dem Wahlkarussell mitfahren. Erst am 29. März, dem Tag der Stichwahlen, hat das Hoffen und Zittern dann ein Ende.
So ist es gut möglich, dass die Frage nach dem neuen Rosenheimer Landrat – wie schon 2014 – erst Ende März beantwortet wird. Vor sechs Jahren war im Kreis Rosenheim zum ersten Mal ein CSU-Kandidat zum Nachsitzen gezwungen worden. Wolfgang Berthaler verfehlte mit 49,4 Prozent knapp die erforderliche absolute Mehrheit der Stimmen und musste gegen Sepp Hofer von den Freien Wählern (13,8 Prozent) in die Stichwahl. Dieses Duell entschied Berthaler dann mit 58,9 Prozent für sich.
Rosenheims erste
OB-Stichwahl?
Gesundheitliche Gründe zwingen Berthaler nun zum Rückzug. Also bekommen die über 261000 Bürger im Kreis Rosenheim sicher einen neuen Chef – oder eine neue Chefin – im Landratsamt. Viele Beobachter rechnen auch 2020 mit einer Stichwahl.
Ähnlich ist die Situation in der kreisfreien Stadt Rosenheim. Gabriele Bauer (CSU) hört nach 18 Jahren als Oberbürgermeisterin auf. Möglicherweise kommt es auch dort zu einem kommunalpolitischen Novum: der ersten OB-Stichwahl in der Geschichte der Stadt, die inzwischen rund 64000 Einwohner hat.
Noch in drei weiteren Kommunen mit mehr als 10000 Einwohnern hören die Amtsinhaber auf: Felix Schwaller (CSU, seit 2002) zieht sich in Bad Aibling nach drei Perioden zurück, während Priens Rathaus-Chef Jürgen Seifert (ÜWG, seit 2008) und Stephanskirchens Bürgermeister Rainer Auer (ÜWG, seit 2008) nach Höherem streben: Seifert will Landrat im Kreis Ansbach werden, Auer in Rosenheim.
In Bad Aibling ist das
Gerangel am größten
In Bad Aibling ist das Gerangel um den frei werdenden Rathaus-Chefsessel am größten: Gleich sieben Kandidaten wollen die Kurstadt in eine blühende Zukunft führen. So viele Bewerber gibt es in keiner anderen Kommune im Landkreis Rosenheim. Es folgen Prien und Bernau mit je sechs Bürgermeister-Anwärtern, Stephanskirchen, Kolbermoor und Bad Endorf mit je fünf sowie Aschau, Kiefersfelden und Samerberg mit je vier.
Grüner Bürgermeister
ohne Herausforderer
Ob der Stichwahl-Rekord von 2008 fällt? Damals packte in elf Kommunen kein Kandidat auf Anhieb die 50-Prozent-Marke. 2014 ging es siebenmal in die Verlängerung: Neben dem Berthaler-Hofer-Duell ums Landratsamt wurde in Bad Endorf, Bernau, Eiselfing, Kiefersfelden, Prutting und Vogtareuth ein zweites Mal gewählt.
Hier war es eine Zitterpartie, dort eine Sensation. Für Schlagzeilen sorgten unter anderem Doris Laban (ABE), die sich in Bad Endorf mit 51,9 Prozent gegen den CSU-Kandidaten Alois Loferer durchsetzte, und Georg Reinthaler in Eiselfing als erstes grüner Bürgermeister im Landkreis überhaupt.
Das wird Reinthaler auch bleiben, denn er ist einer von neun Amtsinhabern oder Bewerbern, die keinen Gegenkandidaten haben. Für sie ist der Sonntag quasi „a gmahde Wiesn“.
131 Kandidaten –
nur 21 sind Frauen
Laban ist als Bürgermeisterin zwar nicht allein, aber auch sie gehört als Frau einer Minderheit unter Männern an. Unter den 131 Landrats-, OB- und Bürgermeisterkandidaten sind nur 21 Frauen, also nicht einmal jeder sechste Kandidat ist weiblich. Nur Prien tanzt aus der Reihe: Dort treten drei Frauen und drei Männer an.
Über 100 parteifreie
Listen – AfD hat sechs
Dafür schlägt auch bei dieser Kommunalwahl wieder die Stunde der parteifreien und unabhängigen Wählergruppen. Sie treten für die Neubesetzung von 48 Gremien (Kreistag, Rosenheimer Stadtrat und die Räte in den 46 Landkreis-Kommunen) mit über 100 Listen an. Dahinter kommt die CSU mit 38.
SPD (24) und Grüne (22) gehen nur in jeder zweiten Gemeinde auf Stimmenfang, während sich AfD und Bayernpartei (sechs Listen), FDP und linke Bündnisse (je 4) und ÖDP nur auf Kreisebene oder in den größeren Städten und Gemeinden etwas ausrechnen.