Arztsein in Reinform

von Redaktion

Interview mit Notarzt Dr. Uli Andrich zum Tag des Notrufs

Brannenburg – Ein schwerer Verkehrsunfall, Brustschmerzen eines Familienmitglieds oder das Kleinkind, das einen Legostein verschluckt hat: Jeden Tag kommt es auch in der Region zu Situationen, in denen sofort der Notruf gewählt werden sollte. Seit 1991 gilt in 38 europäischen Ländern die 112 als kostenfreie Notrufnummer. Um den Menschen die Wichtigkeit dieser Nummer ins Gedächtnis zu rufen, hat die Europäische Union zudem den 11. Februar zum Europäischen Tag des Notrufs erklärt. Welche Einsätze ihn am meisten belasten und was er sich bei der Fahrt im Notarztwagen von den anderen Verkehrsteilnehmern wünschen würde hat der Brannenburger Dr. Uli Andrich (53), niedergelassener Facharzt für Chirurgie und seit 25 Jahren als Notarzt im Kreis Rosenheim im Einsatz, im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen verraten.

Seit 25 Jahren sind Sie als Notarzt in der Region im Einsatz. Was sind die häufigsten Einsatzsituationen?

Anders, als die meisten Menschen denken, sind nicht Verkehrsunfälle die häufigsten Einsätze eines Notarztes, sondern viel mehr akute Erkrankungen des Herz-Kreislauf- oder Nervensystems wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Bewusstseinsstörungen. Die meisten Einsätze finden dabei im häuslichen Umfeld oder in Seniorenheimen statt.

Was sind für Sie die belastendsten Einsätze?

Ganz schlimm ist es für mich, wenn Kinder oder Jugendliche schwer verletzt sind oder sterben. Eine Worst-Case-Situation hatten wir zudem 2016 beim Zugunglück in Bad Aibling. Das war sehr belastend für die Rettungskräfte. Ein großer Menschenanlauf am Unfallort, eine große Zahl an Verletzten, viele Tote und Medienrummel. Das sind große Herausforderungen.

Der Tod ist immer präsent in Ihrem Beruf. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie einen Patienten nicht retten können?

Wenn jemand stirbt, finde ich es in der aktuellen Einsatzsituation extrem wichtig, dass man diesem Todesfall eine bewusste Beachtung schenkt. Denn es besteht die Gefahr, dass alle frustriert zusammenpacken und die Stimmung im Keller ist. Ich nehme mir in diesen Situationen bewusst Zeit, mit allen, die sich beteiligen wollen, für den Patienten zu beten und dieses von uns gegangene Leben bewusst zu würdigen. Nach abgeschlossenen Einsätzen hängen mir Todesfälle in der Regel nicht lange nach, aber es gibt auch hier Ausnahmen. Zum Beispiel fahre ich häufig an einer Stelle vorbei, an der in meinen Armen ein junger Mann gestorben ist. Er war im Alter meiner eigenen Kinder und hat bei meinem Eintreffen noch mit mir gesprochen. Aber alle unsere Maßnahmen konnten nicht bewirken, dass er überlebt. Jedes Mal, wenn ich an der Unfallstelle vorbei fahre, schicke ich ein kurzes Gebet für diesen verstorbenen jungen Mann zum Himmel.

Haben Sie Schuldgefühle, wenn jemand stirbt?

Früher, als junger Notarzt, waren Schuldgefühle ein großes Problem bei mir. Ich dachte dann, dass es an meiner Arbeit liegt, dass der Patient nur mit schwerwiegend Folgen oder gar nicht überlebt. Über die vielen Jahre in der Chirurgie und im Notarztdienst habe ich jedoch gemerkt, dass nur ein Teil des Ergebnisses von meiner Performance abhängt. Denn letztendlich muss die Heilung aus dem Patienten selbst kommen. Und wir Ärzte können nur Maßnahmen ergreifen, um dem Patienten und seinem Körper zur Heilung zu verhelfen. Daher habe ich heute in der Regel keine Schuldgefühle mehr.

Wenn Sie zu einem Einsatz fahren, dann sitzen Sie als Notarzt in der Regel nicht selbst hinter dem Steuer, sondern werden gefahren. Haben Sie manchmal Angst, dass bei diesen rasanten Einsatzfahrten etwas passiert?

Eigentlich nicht. Aber die Unfallwahrscheinlichkeit bei Fahrten mit Sondersignal mit Blaulicht und Martinshorn ist etwa achtmal höher als bei normalen Einsatzfahrten ohne Sondersignal. Man setzt sich da also wissentlich einer erhöhten Unfallgefahr aus. Es gibt Fahrer, die sehr ehrgeizig die Zeit im Visier haben. Da kann es schon sein, dass man abspricht, dass einem der Fahrstil zu riskant ist. Aber alle Fahrer sind gut ausgebildet und vertrauenswürdig.

Welche drei Wünsche hätten Sie an Autofahrer, wenn Sie im Einsatzfahrzeug unterwegs sind?

Erstens: Bitte nicht abrupt abbremsen, sondern zügig an eine Stelle fahren, an der man so abbremsen kann, dass das nachfolgende Einsatzfahrzeug nicht behindert wird. Zweitens: Bitte an einer Stelle halten, an der der Fahrer des Einsatzfahrzeugs den Verkehr sicher überblicken kann. Nicht einfach sofort rechts ranfahren. Drittens: Die Rettungsgasse auf der Autobahn ist eine super Sache. Aber: sie ist für den Stau definiert. Im fließenden Verkehr sollte man keine Rettungsgasse bilden, sondern alle Fahrzeuge sollen die linke Spur frei machen. Es ist ausgesprochen gefährlich, wenn wir auf der Autobahn mit 120 Stundenkilometer oder schneller durch eine Rettungsgasse fahren müssen. Also: Rettungsgasse bei Stau oder Verkehr bis 20 Stundenkilometer. Bei höherer Geschwindigkeit die linke Spur frei machen.

Was hat sich in den 25 Jahren, in denen Sie mittlerweile als Notarzt tätig sind, im Rettungsdienst verändert?

Die Alarmierungsschwelle ist erheblich gesunken. Wir werden immer öfter zu Fällen gerufen, die definitiv keinen Notarzt benötigen. Das ist etwas anstrengend, aber besser, als den Notarzt nicht zu rufen, obwohl es nötig wäre. Generell haben wir auch viel weniger Unfälle als früher, aber dafür nimmt die Zahl an psychiatrischen Einsätzen rasant zu. Außerdem steigt der Arbeitsaufwand für die Dokumentation exponentiell an. Früher konnte ich mich einfach die meiste Zeit um den Patienten kümmern, heute muss ich mich die meiste Zeit um Formalitäten kümmern und schauen, dass ich den Patienten trotzdem ausreichend versorgen kann. Ein neues Phänomen, mit dem ich selbst noch nicht gut umgehen kann, ist zudem die Gewalt gegenüber Einsatzkräften, die seit rund zwei Jahren definitiv zunimmt. Wir werden zwar zu einem Einsatz gerufen, aber wenn wir dann dort eintreffen, werden wir beschimpft, bedroht und geschlagen. Aktuell laufen hier sehr viele Schulungen, damit die Rettungskräfte lernen, mit diesen neuen Situationen zurecht zu kommen.

Möchten Sie weiterhin als Notarzt tätig sein?

So lange es mir möglich ist, werde ich weiterhin gerne als Notarzt tätig sein. Ich liebe das Notarztfahren, denn das ist Arztsein in seiner reinsten Form. Man kann schnell und mit einfachen Mitteln unfassbar viel bewirken. Ab und zu gelingt es durch unsere Maßnahmen wirklich, Leben zu retten – und das ist das Schönste, das man als Arzt erfahren kann. Wenn dann auch die Dankbarkeit der Patienten und Angehörigen zurückkommt, dann ist das eine starke Bestätigung für den schönsten Beruf der Welt.Interview: Noomi Andrich

Die fünf Ws immer parat

Wer im Notfall die 112 wählt, sollte unbedingt die folgenden fünf Ws parat haben:

Wo ist etwas geschehen?

Was ist geschehen?

Wie viele Personen sind betroffen?

Welche Art von Verletzung oder Schaden liegt vor?

Warten auf Rückfragen!

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