Gähnende Leere statt Pendlerströmen

von Redaktion

„Sabine“ bringt Verkehr auf der Schiene zum Erliegen – Weitere Behinderungen möglich

Rosenheim – „Wir haben heute noch gar keinen Zug auf die Strecke gebracht“ – dieses ernüchternde Fazit zog Sabine Floßmann, Marketing-Leiterin der Bayerischen Oberlandbahn GmbH (BOB), am Montagvormittag im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Sturmtief „Sabine“ sorgte dafür, dass für Tausende Reisende lange Zeit gar nichts ging.

So herrschte auch am Bahnhof in Rosenheim, dem großen Bahnknoten in der Region, Stillstand. Wo an Werktagen für gewöhnlich Heerscharen von Pendlern in Züge vor allem in Richtung München steigen und Schüler über die Bahnsteige wuseln, herrschte am Montag den ganzen Morgen und Vormittag über ungewohnte Ruhe. Nah- und Fernverkehr waren komplett eingestellt. „Die meisten Leute wussten offenbar Bescheid und sind erst gar nicht zum Bahnhof gekommen“, hieß es an der Information in der Wartehalle. Einige Reisende hätten es aber doch nicht mitbekommen und seien überrascht gewesen. „Es war aber insgesamt recht ruhig.“

„Hatte gehofft, dass
doch ein Zug fährt“

Schon um kurz nach 5 Uhr wollte Michael Süß an sich zu einer Dienstreise nach Mettmann aufbrechen. „Ich hatte gehofft, dass so früh vielleicht doch ein Zug fährt“, sagte der Mitarbeiter der Arbeitsagentur in Rosenheim. Nun müsse er abwarten, wann er die Reise antreten kann. Immerhin soll sein Aufenthalt bis Freitag dauern, da lohnte sich dann auch noch eine spätere Anreise.

Ebenfalls früh am Bahnhof war Nadine Jonek, die berufsbedingt nach München pendelt. „Ich dachte, ich probiere es einfach mal, aber leider ging bislang gar kein Zug“, sagte sie im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Sie sei schon etwas verwundert gewesen, da am Morgen und frühen Vormittag noch gutes Wetter geherrscht habe. „Mir wurde gesagt, dass immer wieder Erkundungsfahrten gemacht werden. Es ist auf der Strecke wohl doch ziemlich heftig“, so Jonek.

Franz Eitzinger aus Rosenheim ging davon aus, dass in der Früh tatsächlich gar nichts geht. Er arbeitet als Werkstudent bei Rohde & Schwarz in der Nähe des Münchner Ostbahnhofs und kam erst gegen 9.30 Uhr zum Bahnhof. „Es hatte geheißen, dass ab 10 Uhr wieder Züge verkehren würden. Jetzt habe ich festgestellt, dass mindestens bis 12 Uhr der Zugverkehr eingestellt ist. Da lohnt es sich für mich schon fast nicht mehr, überhaupt noch zu fahren“, sagte Eitzinger.

„Ich gehe jetzt erst
mal in die Stadt“

Über München weiter nach Radolfzell an den Bodensee wollte eigentlich Isabel Ruh reisen. Die junge Frau studiert an der TH Rosenheim und hatte vor, in den Semesterferien ihre Eltern in der Heimat zu besuchen. In der App der BOB sei angegeben gewesen, dass nach 10 Uhr ein Zug fahren würde. „Das war aber nicht so. Ich gehe jetzt erst mal in die Stadt und schaue später, ob ich einen Zug nehmen kann.“

Den Zielbahnhof Salzburg hatte Lenka Novakova aus Tschechien, die übers Wochenende zu Besuch in Rosenheim war. „Ich habe zwar vorher im Internet geschaut und da viele rote Symbole gesehen, aber was soll ich machen? Ich muss ja nach Hause fahren. Ich hoffe, dass dieser Zirkus nicht mehr allzu lange dauert“, sagte sie.

Die Deutsche Bahn registrierte umgestürzte Bäume in Oberleitungen und auf Schienen an mehr als 20 Stellen im Raum München und Oberbayern. „Die DB Netz AG arbeitet mit Hochdruck an der Schadenserhebung. Aufgrund des anhaltenden Sturms ist ein risikofreies Arbeiten in Waldgebieten allerdings nicht überall möglich“, teilte die Bahn am Montagmittag mit. Alle verfügbaren schweren Reparaturfahrzeuge seien auf den Bahnstrecken im Einsatz, außerdem Fachkräfte mit Straßenfahrzeugen und Spezialausrüstung.

Es habe sich gezeigt, dass sich die vorzeitige Einstellung des Zugverkehrs bewährt habe. „Seitens DB Regio Bayern hat es keine Zugkollision mit Bäumen gegeben, es mussten keine Reisenden von DB Regio auf freier Strecke evakuiert werden“, hieß es vonseiten des Unternehmens.

Vor Fahrtantritt
lieber informieren

Am frühen Nachmittag wurde der Zugverkehr aus Salzburg und Kufstein nach München und in der Gegenrichtung nach Angaben der BOB wieder aufgenommen. Auch der Fernverkehr der Bahn rollte langsam wieder an. Da auch am Dienstag noch Sturmböen zu erwarten sind, empfehlen BOB und Deutsche Bahn, sich vor Fahrtantritt über die aktuelle Verkehrslage zu informieren. Die BOB berichtet auf ihrer Homepage www.meridian-bob-brb.de unter „Verkehrsmeldungen“ über die Meridian-Verbindungen. Die DB verweist auf die Webseite www.bahn.de/reiseauskunft sowie auf die kostenlose Telefon-Hotline 08000/996633.

Die heftigsten Stürme in der Region

Abgedeckte Dächer, umgeknickte Bäume, Stillstand auf den Gleisen: Immer wieder sorgen vor allem im Winter Stürme dafür, dass die Rettungskräfte in der Region alle Hände voll zu tun bekommen. Von schwer verletzten oder gar getöteten Menschen durch die Naturgewalt ist die Region Rosenheim aber in den vergangenen 15 Jahren verschont geblieben. Ein Überblick:

• Mit bis zu 225 Stundenkilometern fegte Mitte Januar 2017 Sturmtief Kyrill über Europa. Die Schreckensbilanz: Alleine in Deutschland gab es zehn Tote zu beklagen, europaweit fielen sogar 29 Menschen dem Sturm zum Opfer. Im Raum Rosenheim hatte das Tief vor allem in den Waldgebieten schwere Schäden hinterlassen und dafür gesorgt, dass keine Züge mehr fuhren und die Schule ausfallen musste.

• Zu Hunderten Einsätzen mussten die Rettungskräfte im Kreis Rosenheim am 31. März 2015 ausrücken. Sturmtief Niklas hatte gewütet und nicht nur den Bahnverkehr durcheinandergewirbelt, sondern auch zeitweise weite Teile des Stromnetzes lahmgelegt. In Kolbermoor waren zwei Buben nur knapp dem Tod entronnen, als eine Böe am Spinnerei-Spielplatz einen Baum umgefegt hatte.

• Mit bis zu 110 km/h hatte in der Nacht auf 12. März 2019 Sturm Eberhard in den Kreisen Rosenheim, Traunstein und Mühldorf gewütet. So hatten die Windböen unter anderem in Bad Aibling einen Kamin vom Dach gefegt, in Ostermünchen Teile eines Fahrsilos heruntergerissen und den Verkehr auf Straßen durch umgefallene Bäume zum Erliegen gebracht. mw

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