Wasserburg – Es gab eine Zeit, da war ihr vieles egal, wenn nicht alles. Leben, eigene Wohnung, Perspektive, Job. Sie schwindelte sich noch nicht einmal vor, dass sie alles unter Kontrolle habe, ihr Leben, den Konsum des Gifts. „Ich dachte eigentlich gar nicht mehr nach“, sagt Nadine B. über ihre Zeit im Schatten des Heroins. Nach einer Vergewaltigung habe sie zu Drogen gegriffen, sagt sie. „Ich wollte mich nicht mehr spüren.“
Dann kam der Tag, an dem sich das änderte. Es war der Geburtstag ihres Partners, und sie erfuhr, dass sie guter Hoffnung war, auch wenn Nadine B. das in diesem Augenblick so nicht gesagt hätte. Sie sagte: „Wir kriegen das Kind nicht.“ Doch ihr Partner sagte: „Nein, das ist ein Zeichen.“
Ein Wendepunkt
in beider Leben
Vor gut sechs Jahren war das, das Leben der Nadine B. hat sich geändert. Sie ist jetzt Mutter, Partnerin des Vaters ihres Kindes. Die drei sind eine kleine Familie. Sie haben Menschen, die sie unterstützen. Dr. Raimund Arnold und Claudia Eisenhut in Wasserburg zum Beispiel. „Wir führen ein normales Leben“, sagt Nadine B. und schaut sich dankbar um in den Räumen der Praxis.
Von der Vorgeschichte von Nadine B. und ihrem Partner soll niemand etwas wissen, auch nicht ihr Umfeld in einem Dorf in der Region. Die Arbeitgeber, sie macht Wohnungen und Büros sauber, er ist Elektriker, wissen ebenfalls nichts von der Drogenkarriere, und weil das so bleiben soll, sind die Namen von Mutter und Kind erfunden.
Das Kind: Als Nadine B. die frohe Kunde erhalten hatte, entschieden sich die werdenden Eltern zum Ausstieg. Sie entgifteten, absolvierten eine Therapie. Dann war Leonie auf der Welt, und es ging alles gut, erst mal, die Kleine hatte keine Entzugserscheinungen gehabt.
Die Eltern erlebten jedoch kurze Zeit nach der Geburt einen Rückfall, zwei Wochen lang, sagt B., 14 Tage mit schlechtem Gewissen und Panikattacken. Danach war klar, wie schwierig der Weg zurück ins Leben sein würde. Nadine B. und ihr Partner suchten nach Hilfe. Erst beim Jugendamt, die aber wollten das Kind an eine Pflegefamilie geben. „Die hätten fast alles zerstört“, sagt sie. Ihre Mutter aber schaltete einen Anwalt ein. Mit Erfolg. Ebenso wichtig: Das Jugendamt wies den jungen Eltern den Weg in die Praxis von Arnold und Eisenhut.
Eine Krücke
fürs Überleben
Sie trägt einfache, aber nicht nachlässige Kleidung, ist etwas aufgekratzt, guter Dinge. Vor dem Treffen mit dem Reporter war sie bei Dr. Arnold und hat sich ihre Dosis geholt, nach ihrer Auskunft Polamidon. Das ist ein komplett synthetisch hergestelltes Opioid, das eng mit Methadon verwandt ist, dem bekanntesten Ersatzstoff für Heroin. Fühlt sie sich früh am Morgen abgeschlagen, matt, so bringt ihr der Ersatzstoff Linderung. „Der Motor läuft jetzt wieder“, sagt sie beim Gespräch mit dem Reporter des OVB in der Wasserburger Praxis.
Es ist eine Krücke. Man überwindet – hoffentlich –die eine Sucht, indem man sich in eine andere Abhängigkeit begibt. Dass das Nachteile mit sich bringt, dass ein Leben ganz ohne Drogen vorzuziehen wäre – daran zweifelt vermutlich niemand.
Aber Nadine B. führt immerhin wieder ein eigenes Leben, so normal, wie es für sie nur sein kann, „Früher war das Ziel der Ausstieg aus der Sucht“, sagt Raimund Arnold. „Doch davon hat man sich verabschiedet. Mittlerweile ist das Ziel: Überleben.“ Substitutionstherapie bedeutet auch, die schlimmsten Folgen der Sucht etwa durch schmutziges Besteck oder unreines Rauschgift zu vermeiden. Allerdings sind viele Abhängige polytoxisch unterwegs, konsumieren unterschiedliche Rauschmittel, oftmals kombiniert mit Medikamenten. Da ist Methadon nur ein Stoff neben anderen. Raimund Arnold will das nicht zulassen. Seine Patienten müssen daher regelmäßig Urinproben abgeben.
Nadine B. und ihr Partner legen hin und zurück über 100 Kilometer zurück, mit Zug und Bus. Die ersten sechs Monate wurden sie täglich vorstellig, nun kommen sie einmal die Woche vorbei, für Ausgabe und Rezept. Das alles dafür, dass sie wieder alles auf die Reihe bringen: Job, Kind, Hobbys wie Wandern und Schwimmen. Ein weiter Weg, aber es könnte schlimmer sein. „Was ist, wenn die beiden das nicht mehr machen?“, fragt Nadine B. bang. In der Form wie in Wasserburg, zum Beispiel mit Extraterminen für Suchtkranke, bieten (wie berichtet) nur wenige Ärzte die Therapie an.
„Ich kann für uns und andere nur hoffen, dass es mehr Ärzte gibt, die uns nicht abschreiben“, sagt sie. „Wir sind doch eigentlich nur Kranke, die dringend ein Medikament benötigen.“