Brannenburg/Bayrischzell – Mit zusammengekniffenen Augen steht Rüdiger Dietrich im Herbst 1968 auf dem Seeberggipfel und schaut konzentriert in Richtung Wendelstein. „Und da soll eine Seilbahn hin?“, fragt der junge Maschinenbauingenieur fast ein bisschen ungläubig seine Frau. Obwohl die ersten Bauarbeiten bereits begonnen haben, ist selbst für ihn als Techniker noch keine Trasse zu erkennen.
1000 Höhenmeter
in nur sechs Minuten
Weniger als eineinhalb Jahre später, am 20. Februar 1970, schwebt die Gondel bei der feierlichen Eröffnung erstmals von Osterhofen aus zum markanten Felsgipfel über Bayrischzell. In nur sechs Minuten legen die geladenen Gäste rund 1000 Höhenmeter zurück. Weil es kurz vorher kräftig geschneit hat, stauben bald darauf die ersten Skifahrer die neue, fünf Kilometer lange Westabfahrt ins Tal. Dietrich ist mittendrin: als erster Betriebsleiter der neuen Seilbahn.
Heute, auf den Tag genau 50 Jahre nach der Inbetriebnahme, ist die Gondelverbindung nicht mehr wegzudenken vom Wendelstein. Bis sie jedoch verwirklicht wurde, dauerte es. Bereits in den 1950er-Jahren bemühte sich die Gemeinde Bayrischzell angesichts des beginnenden Tourismusbooms um den Bau einer Seilbahn. 1962 bot man den Bürgern an, sich mit einer Einlage von mindestens 1000 Mark an der Finanzierung zu beteiligen und sich so eine Dividende von vier bis sechs Prozent zu sichern. Doch die Investitionsbereitschaft der Bayrischzeller blieb gering.
Anfang 1968 kam dann neuer Schwung ins Gondelprojekt. Die Bayerischen Elektrizitätswerke kauften dem Betreiber der bereits 1912 errichteten Wendelstein-Zahnradbahn sämtliche Geschäftsanteile ab. Das Ziel: der Bau einer neuen Großkabinenseilbahn, um die technisch komplexe und damit auch wartungsintensive Zahnradbahn auszumustern. Doch so weit kam es nicht, erinnert sich Dietrich. Die neue Seilbahn habe für so viel Aufmerksamkeit gesorgt, dass auch die Schienenverbindung auf Brannenburger Seite beflügelt wurde.
Über viel Auftrieb konnten sich Dietrich und seine Mitstreiter auch während des Seilbahnbaus freuen. In nur 17 Monaten war alles fertig. „Wir hatten Glück, dass der Winter 1970 erst im Februar richtig angefangen hat“, erinnert sich der frühere Betriebsleiter. Pünktlich zur Eröffnung sei der Schnee gekommen, erinnert sich Dietrich schmunzelnd. „Das war praktisch, weil er die letzten Reste der Baustelle schön zugedeckt hat.“
Die Eingriffe in die Natur habe man aber ohnehin auf das Nötigste beschränkt. Um dem Landschaftsschutz Rechnung zu tragen und die Gondeln nicht direkt über den Köpfen der Bayrischzeller Hausbesitzer schweben zu lassen, habe man sich vom ursprünglichen Plan, die Talstation direkt im Hauptort zu errichten, verabschiedet. In Osterhofen habe man dann letztlich auch eine technisch leichtere zu realisierende Trassenführung gefunden.
Wegen der Streckenlänge von nur drei Kilometern reichte eine 75 Meter hohe Stütze aus, um die Seile zu spannen. Das machte sich auch in den Kosten von nur 4,3 Millionen Mark positiv bemerkbar. Hier habe man aber auch von der bereits durch die Zahnradbahn vorhandenen Infrastruktur auf dem Wendelstein samt Strom- und Wasseranschluss profitiert, erklärt Dietrich. Zum Vergleich: ein Neubau würde heute gut 50 Millionen Euro kosten, schätzt der Ingenieur.
Daran muss aber aktuell niemand denken. Laut Dietrich ist die Bahn wegen der stetigen Verbesserungsmaßnahmen in fast neuwertigem Zustand. Größere Zwischenfälle oder gar Unfälle im laufenden Betrieb blieben ihr in 50 Jahren erspart. Lediglich die Tragseile mussten nach Blitzschlägen in den 1990er-Jahren erneuert werden.
Ansturm in der
Anfangszeit
Der Ansturm in der Anfangszeit, als die Wendelsteinbahn regelmäßig bis zu 200000 Gäste pro Jahr auf den Gipfel transportierte und die Skifahrer teils mehr als eineinhalb Stunden anstehen mussten, ebbte später ab. Heute sei eher wieder die einst von der Stilllegung bedrohte Zahnradbahn der Publikumsmagnet, meint Dietrich schmunzelnd.
Seine Augen gelten aber auch im Ruhestand noch ganz den Gondeln. Von seinem Balkon in Neuhaus aus schaut er regelmäßig mit dem Fernglas, ob die Bahn planmäßig unterwegs ist. Was bis 1968 kaum vorstellbar war in Bayrischzell, ist nun seit 50 Jahren eine echte Erfolgsgeschichte.