Rosenheim – „Kinder sind hervorragende Erzieher“, sagte Gesine Schwan, „denn wer heranwachsendes Leben betreut, ist gezwungen, sich auf einen anderen Menschen tatsächlich einzulassen, wirklich hinzuschauen und hinzuhören“. Sie sprach jetzt auf Einladung der SPD-Frauen Rosenheim zu einem Themenfeld, das man bewusst breit formuliert hatte: „Frauen. Leben. Demokratie“ hieß das Thema der Veranstaltungsreihe „Sekt und Selters“.
Gut 60 Gäste und damit deutlich mehr als erwartet, wollten sich die Chance nicht entgehen lassen, die Politikwissenschaftlerin und zweimalige Kandidatin um das Amt des Bundespräsidenten live zu erleben.
Für Schwan war die Tatsache, dass die Kindererziehung in der ganzen bisherigen Menschheitsgeschichte überwiegend eine Sache der Frauen gewesen ist, etwas, das weibliche Verhaltensmuster ganz erheblich mitgeprägt habe. Anders als Männer hätten Frauen hätten gelernt, ihr Gegenüber wirklich wahrzunehmen, auf Nuancen in Gestik und Mimik Acht zu geben. Ein unbewusstes Wissen, das sie im besten Fall in die Lage versetze, hinter die Fassade des Gesagten zu blicken, und den Kern dessen zu erkennen, was das Gegenüber eigentlich meine und wolle.
Das sei jetzt, so schränkte Gesine Schwan mit einem Augenzwinkern ein, natürlich etwas überspitzt und auch sehr positiv formuliert, aber erstens „darf in einer Runde wie dieser, die fast ausschließlich aus Frauen besteht, ein bisschen ‚female chauvinism‘ schon sein“, und zweitens sei ja sehr wohl was dran.
Sie berichtete aus ihrer Zeit als Präsidentin an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Da habe sie einmal ihre Professorenkollegen ganz erheblich mit der Äußerung verstört, dass sie das meiste für ihre Arbeit in diesem erlauchten Gremium bei der Erziehung ihrer Kinder gelernt hätte: „Vor allem dann, wenn Ausreden statt Argumente vorgebracht werden, weil der Betreffende in Wirklichkeit etwas ganz anderes will“.
Womit sie bei einem zweiten bestimmenden Faktor der Menschheitsgeschichte war, der Tatsache nämlich, dass alle entscheidenden Gremien so gut wie immer von Männern besetzt gewesen seien, Frauen im Vergleich dazu meist ohne Macht geblieben wären.
Viele Frauen haben daher laut Schwan über die Zeiten hinweg eine andere Vorstellung von Einflussnahme und Machtausübung entwickelt. Deren Definition stamme nicht von ungefähr von einer Frau, der Philosophin Hanna Arendt, die sinngemäß gesagt habe: „Macht hat man nicht dann, wenn andere kuschen. Macht ist die Möglichkeit, zusammen mit anderen gemeinsam Projekte zu verwirklichen.“
Gemeinsame Projekte gemeinsam zu verwirklichen – das sei aber die Grundbedeutung von demokratischer Politik. „Demokratie“, so Schwan, „kann nur überleben, wenn es genügend Menschen gibt, die mit aller Kraft für die dahinterstehenden Werte eintreten: Miteinander zu reden, die Meinung des anderen ernst zu nehmen, einen Blick für die Schwächeren zu haben“.
„Blick für die
Schwächeren haben“
Sind Frauen für die Politikwissenschaftlerin besseren Demokratinnen? Nicht für Schwan. Denn hinter solchem Wettbewerbsdenken steckt etwas, das sie nicht nur für undemokratisch hält, sondern auch für im Grunde ziemlich „un-fraulich“: Das Gefühl stets besser sein zu müssen als der andere, nie zurückstecken zu können, sondern immer die Nase vorn zu haben: „Das ist männliches Denken in seiner schlechteren Form“. Johannes Thomae