Kolbermoor – Wenn sie ihren Sohn Elias ansieht, dann geht Tina Kaya vor Glück das Herz auf. Denn nicht nur ihr Sohn ist ein absolutes Wunder, sondern auch, dass sie noch lebt. Schließlich lebt die 26-jährige Kolbermoorerin seit elf Jahren mit einem Spenderherzen.
Tina Kayas Kindheit verläuft wie bei vielen Jugendlichen. Im Januar 2009 steht Tina kurz vor der Mittleren Reife, geht in ihrer Freizeit reiten und trifft sich mit Freundinnen. Bis zu dem Tag, an dem ihr Leben in eine vollkommen andere Richtung geht.
Vom Hausarzt
zum Kardiologen
Zunächst fühlt es sich wie eine ganz normale Grippe an. Der Hausarzt schickt sie zum Kardiologen. Tinas Herz ist infolge einer verschleppten Infektion, vermutlich im Kindesalter, extrem geschwächt. Die Diagnose: dilatative Kardiomyopathie. Für Tina Kaya eine vollkommen unerwartete Nachricht. Offensichtlich hatte ihr Körper die Schwäche ihres Herzens bislang gut ausgeglichen. Bei einem Laufrennen hatte sie sogar den ersten Platz gewonnen.
Sie muss sofort ins Krankenhaus. Nicht mal mehr eine Treppenstufe dürfe sie steigen, weil ihr Herz sonst überlastet sei, sagt ihr der Arzt. Es folgen Monate im Krankenhaus, zunächst in Rosenheim, dann in Großhadern. Tina erhält einen Herzkatheter, der ihr geschwächtes Herz unterstützen soll. Während der Operation setzt ihr Herz aus, sie wird 45 Minuten reanimiert – mit Erfolg.
Zehn Tage im
künstlichen Koma
Zehn Tage kommt sie in ein künstliches Koma, damit ihre Organe sich erholen. Doch danach ist klar, dass die Grenzen konventioneller Behandlung erreicht sind: Tina braucht ein neues Herz und kommt auf die Transplantationsliste für Herzen. Es beginnt eine Zeit des Wartens, denn schon damals gibt es zu wenige Spender. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 benötigten 1300 Menschen in Bayern ein Spenderorgan. Dem gegenüber stehen nur 488 transplantierte Organe im gleichen Zeitraum.
Obwohl ihr Herz damals schwach ist, reagiert Tina Kaya umso zäher. „Ich habe nie daran gedacht, dass ich sterben könnte. Für mich war immer klar, dass ich das schaffe“, sagt Tina Kaya. Es klingt fast trotzig, wenn sie davon erzählt. Aber es ist vermutlich genau diese Einstellung, die Tina Kaya überleben lässt.
Diese Haltung braucht sie auch, schließlich kommt schon bald wieder ein Rückschlag. Im März 2009 soll sie ein Herz von einem Spender erhalten, doch kurzfristig hat eben dieses Herz einen Infarkt und kann nicht transplantiert werden. Es dauert noch einmal Wochen, bis am 9. Mai endlich ein passendes Spenderherz verfügbar ist. Tina Kaya hat Glück. Sie ist ein sogenannter High-Urgency-Fall, also ein extremer Notfall, weil sie nicht mehr lange ohne neues Herz überlebt hätte. Dadurch wird ihr Fall auf der Transplantationsliste priorisiert.
Während dieser Zeit bekommt Tina viel Unterstützung von ihrer Familie, sogar eine gewisse Routine spielt sich ein. Auch mit kaputtem Herzen erhält Tina in Großhadern Schulunterricht.
Für Tina geht alles gut aus: Die Operation glückt und sie hat kaum Nebenwirkungen. Ihr geht es so gut, dass sie entscheidet, keine Reha zu machen. Auch hier setzt sich Tina durch. Sie verlässt das Klinikum Großhadern nur einen Monat nach der Transplantation. Und startet im September 2009 ihre Ausbildung als Automobilkauffrau.
Eigentlich ein ganz normales Leben. Nur eins ist anders: Sami ist jetzt immer bei ihr. Sami ist der Name, den Tina Kaya ihrem Spenderherz gegeben hat. Abgesehen davon spiele der Gedanke, ein fremdes Herz in sich zu tragen, für sie keine Rolle mehr, sagt sie.
Über die Herkunft ihres Spenderherzes weiß Tina Kaya nichts. Zwar hat sie einen Brief über die Deutsche Stiftung Organspende an die Angehörigen ihres Spenders geschrieben. Sie weiß aber, dass diese den Brief nicht angenommen haben. „Die Angehörigen haben dafür bestimmt gute Gründe“, sagt Tina Kaya.
Tina Kayas Leben hat sich nach der Transplantation schnell normalisiert. Zwar muss sie auch heute noch sogenannte Immunsuppressiva nehmen, die ihren Körper nach wie vor daran hindern sollen, das neue Herz abzustoßen. Außerdem muss sie einmal jährlich zur Untersuchung nach Großhadern, darf nicht rauchen und nur wenig Alkohol trinken. Sie muss zudem Sport machen und sich gesund ernähren. „Ganz ehrlich, das sollte eigentlich jeder Mensch. Für mich ist das nichts Besonderes“, sagt Tina Kaya achselzuckend.
2018 heiratet Tina Kaya. Und da ist nun auch ein Wunsch nach einem Kind. Zunächst raten ihr die Ärzte kategorisch davon ab, schwanger zu werden. Schließlich ist sie auf Immunsuppressiva angewiesen und diese können in der Schwangerschaft viele Nebenwirkungen haben.
Tina Kaya lässt sich von den Bedenken nicht abbringen und bleibt hartnäckig. Sie finden einen Weg, die Medikamente so zu ersetzen, dass sie trotz des transplantierten Herzes schwanger werden kann. Am 10. September 2019 kommt Elias auf die Welt, nach einer völlig normalen Schwangerschaft und Geburt, wie sie sagt. Sie ist erst die zweite Herztransplantierte am Klinikum Großhadern, die ein Kind bekommen hat.
Heute sitzt ein gesundes und munteres Kind vor ihr. Tina Kayas Wunschkind ist für sie auch ein Wunderkind. In Bezug auf sich selbst und ihre Krankengeschichte ist sie stark und selbstbestimmt ihren Weg gegangen. In der Schwangerschaft habe es aber schon Momente gegeben, in denen sie sich mehr Sorgen gemacht habe als andere Frauen, vermutet sie.
Viel habe sich nicht für sie geändert durch ihre Herztransplantation, sagt die heute 26-Jährige. „Man will sich nicht immer damit beschäftigen, sondern einfach leben. Ich rege mich sicherlich weniger über Lappalien auf. Und ich wünsche mir eigentlich nur, dass meine Familie gesund bleibt.“
Vom Bundestag
enttäuscht
Tina Kaya hat ein Anliegen. Sie wünscht sich, dass das Thema Organspende mehr in den Mittelpunkt in der Gesellschaft rückt. „Es ist wichtig, dass mehr Menschen spenden.“ Enttäuscht zeigt sie sich über die gescheiterte Abstimmung zur Widerspruchslösung der Organspende im Bundestag.
Sie hat viele Menschen kennengelernt, die ein Organ brauchen, und erzählt von einem Zweijährigen, der seit über 450 Tagen auf ein Organ wartet. Sie selbst hat einen Organspendeausweis: „Ich wünsche niemandem, in die Situation zu kommen, ein Organ zu brauchen. Umso wichtiger ist es, dass viele Menschen spenden.“