Großkarolinenfeld – Er wirkt nicht wütend, sondern eher belustigt-verärgert. Als habe sich jemand einen cleveren Witz auf seine Kosten erlaubt. Martin Stadlober spricht nicht davon, dass es in Großkarolinenfeld wegen des Bekanntwerdens neuer Details einer Studie des Planungsbüros Vieregg-Rössler zum Brenner-Nordzulauf brodele. Er sagt: „Nun ja, man interessiert sich hier für das Thema.“ Die Stimmung in Großkarolinenfeld schwankt zwischen Verärgerung und Neugier.
Die Menschen können sich ausrechnen, dass die ergänzte Studie etwas für ihre Gemeinde vorsieht. Sie wissen aber nicht genau, ob und welche Folgen sie für ihren Ort haben wird. Doch wissen sie, dass sie zuvor ganz gerne gefragt worden wären. „Ich fühle mich übervorteilt“, sagt Stadlober, der nun ganz kurz so dreinblickt, als hätte er auch ein stärkeres Wort gebrauchen können.
So wie er sind rund 100 Menschen aus dem Ort am Donnerstag der Einladung zum Inforundgang gefolgt. Bürgermeister Bernd Fessler steht vor dem Bahnhofsgebäude. Stellwände mit Landkarten stehen herum, man sieht darauf Großkarolinenfeld, man sieht die bestehende Bahntrasse mitten durch Großkarolinenfeld, und man sieht die Planungen von Vieregg-Rössler: eine Variante südlich und westlich um Großkaro herumführend, die andere östlich und nördlich davon. Beiden Varianten gemeinsam: Den in der Ortsmitte gelegenen Bahnhof würden die Pendler verlieren. Das ist das eine. Das andere ist, dass viele Bürger für die Bewahrung der Bestandsstrecke demonstriert haben, neulich, beim Sternmarsch nach Rosenheim. „Das ist aber keine Bestandsstrecke“, sagt Bernd Fessler, „das ist eine Neubaustrecke.“
Der Bürgermeister berichtet, dass sein Handeln als Wahlkampfmanöver kritisiert worden sei. „Mir geht es aber um Information“, sagt Fessler. Die können sich interessierte Bürger auch am 10. März holen, wenn die Bürgerinitiativen, die mit den Ortschaften Stephanskirchen, Riedering, Neubeuern und Rohrdorf Auftraggeber der Studie sind, das Papier vorstellen. „Ob die vor der Wahl die Studie überhaupt vorgestellt hätten, wenn‘s nicht vorher rausgekommen wäre?“, fragt einer halblaut. Man sieht einige Köpfe nicken. Die Leuten wissen: Stephanskirchens Bürgermeister Rainer Auer ist Landratskandidat und gehört wie Fessler den Parteiunabhängigen an. Fessler hat über CSU-Flyer über die Studie informiert, auch dafür erntet er Vorwürfe. Nicht aber bei dieser Informationsveranstaltung. „Der wurde von vier Parteien und Gruppierungen als Kandidat aufgestellt“, sagt Stadlober. Da stehen in Großkarolinenfeld alle hinter ihm.“ Fessler wiederum sagt, was ihn veranlasst habe, die Studie an die Öffentlichkeit zu bringen. „Es war das Wort ,Schicksalswahl‘ bei der Kundgebung“ in Rosenheim. Da sei ihm die Tragweite klar geworden.
Ein Spaziergang durch den Ort schließt sich an. Zuerst geht es über die Bahnlinie. An der Bahnschranke muss die Karawane für fünf, sechs Minuten halten. Züge rauschen in dieser Zeit durch. Ganz schön was los in Großkarolinenfeld, schon jetzt. Wie das werden wird, wenn der Brenner-Nordzulauf Realität geworden ist?
Es geht eine schmale Straße hinunter, rechts Häuser, links ein wenig Grün, dahinter die Gleise. Hundert Meter entfernt stehen zwei, drei Dutzend Pferde in einer Koppel. „Das Ponycafé“, erläutert Fessler, „das kannte ich, bevor ich Großkarolinenfeld kannte.“ Es werde kaum wiederzuerkennen sein, wenn hier dereinst gebaut werde. Dann zieht die Gruppe weiter, gute eineinhalb Kilometer in Richtung Norden, wo sich die Trasse zwischen Gewerbegebiet und Ortsrand hindurchzwängen würde. „War der Planer mal hier, als er das geplant hat?“, fragt einer. „Man weiß nicht mehr, wem man glauben soll“, sagt Lisa Angstl, die in Großkarolinenfeld wohnt und in München studiert. Das Komplizierteste sind sicher die Menschen.
Die Tour endet am entgegengesetzten Ende, bei der St.-Leonhard-Kapelle. Hier irgendwo könnte der Bahnhof für die Südtrasse gebaut werden. „Dann kann man die Kapelle gleich ins Bahnhofsgebäude integrieren“, witzelt Fessler. Über der Tür des Kirchleins steht irgendwie bezeichnend: „Sankt Leonhard, bitt‘ für uns für Segen und Frieden.“Michael Weiser