Fiese Tricks mit „falschen Polizisten“

von Redaktion

Ältere Leute um fast 800000 Euro geschädigt – Zäher Prozessauftakt

Traunstein/Rosenheim – Unglaubliche Lügenmärchen mit „falschen Polizisten“ tischten unbekannte Mittäter einer hochkriminellen Bande mit Sitz in der Türkei alten Menschen auf. Das Landgericht Traunstein befasst sich seit gestern mit drei Angeklagten, einer 32 Jahre alten Frau und zwei 34-jährigen Männern, die in Rosenheim, München und Norddeutschland binnen einer Woche von Geschädigten Bargeld, Münzen und Gold im Wert von knapp 800000 Euro abgeholt haben sollen.

Die Anklage, deren Verlesen durch die Staatsanwälte Dr. Martin Freudling und Dr. Axel Walz fast eine Dreiviertelstunde dauerte, umfasst acht erfolgreiche große Tatkomplexe zwischen dem 11. und dem 19. Februar 2019 mit haarsträubenden Details. Dazu kommen neun versuchte Taten sowie bei dem Mechatroniker als Hauptangeklagten Drogenhandel mit Waffen.

Nach dem inzwischen weit bekannten Strickmuster mit Verbrecherbanden, die in der direkten Umgebung der potenziellen Opfer angeblich Böses vorhatten, wurden von sogenannten „Keilern“ „falsche Polizeibeamte“ ins Spiel gebracht, die die Wertgegenstände der Senioren in sichere Verwahrung nehmen sollten. Die Geschichten wurden fein ausgesponnen, zusätzliche Personen wie „Mitarbeiter der Kripo“, „verdeckte Ermittler“ oder „betrügerische Bankangestellte“ eingebracht.

Wertsachen tauchten
nicht mehr auf

Immer aber ging es um das Gleiche: Die Senioren bezüglich ihrer Vermögensverhältnisse auszuhorchen und sie möglichst um all ihre Habe zu bringen. Über Mittelsmänner verschwanden die Wertsachen irgendwo in Südosteuropa und tauchten bislang nicht wieder auf. Den größten Einzelschaden erlitt am 12. Februar 2019 eine alte Dame in München, die zu Hause 260000 Euro in bar liegen hatte. Sie händigte einem „Polizeibeamten“ den Riesenbetrag in drei Pappschachteln aus, dazu noch Münzen und zwei Geldbörsen mit Kleinbeträgen.

Die Verteidiger – Dr. Herbert Buchner und Miguel Moritz, beide aus Traunstein, sowie Narine Schulz aus Regensburg – beantragten gestern ein Rechtsgespräch, das bis in die Mittagszeit dauerte. Aus den Strafvorstellungen der Staatsanwaltschaft und der Anwälte im Fall von Geständnissen entwickelte die Zweite Strafkammer mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs ihre Vorschläge für Strafspannen.

Die Strafe der 32-jährigen Einzelhandelskauffrau sollte demnach zwischen zwei Jahren neun Monaten und drei Jahren vier Monaten Haft liegen. Der 34-jährige Haupttäter, ein Mechatroniker, müsse wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs und weiterer Delikte mit siebeneinhalb bis achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe rechnen. Einem gleichaltrigen Tennislehrer stellte das Gericht eine Strafe zwischen eineinhalb und zwei Jahren mit Bewährung in Aussicht.

Bei den Angaben der Angeklagten zu ihrem Leben zeigte sich: Alle haben ordentliche Berufe erlernt, teils sogar studiert, waren aber vor den Taten arbeitslos oder hatten hohe Schulden. Außerdem hatten sie zumindest zeitweise Probleme mit Alkohol und Drogen. Der mutmaßliche Haupttäter, der mit mindestens 15000 Euro entlohnt worden sein soll, hat keinen Führerschein und brauchte für seine kriminellen Touren Leute wie die 32-Jährige und den Tennislehrer, die ihn zu den Opfern kutschierten und bis zur Rückkehr von den Geschädigten auf ihn warteten.

Der Prozess geht am 12. und 16. März weiter.

Monika Kretzmer-Diepold

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