Hausärzte starten Hilferuf

von Redaktion

Die Corona-Krise hat die Region fest im Griff, die Lage spitzt sich weiter zu: In den Hausarztpraxen geht die Schutzausrüstung zu neige. Die Ärzte bitten nun händeringend um Masken-Spenden. Währenddessen wurde auf der Loretowiese ein Corona-Testzentrum eingerichtet.

Rosenheim – Der Aufruf der Hausärzte aus Rosenheim und Umgebung geht an die gesamte Bevölkerung, insbesondere aber an Firmen, Handwerker, Fußpfleger, Zahnärzte, Apotheker und wen auch immer: Alle Atemschutzmasken, die nicht dringend benötigt werden, sollen doch bitte an die Ärzte abgegeben werden.

Die Hausärzte aus der Region, untereinander vernetzt, haben dazu eigens eine Sammelstelle eingerichtet: in der Praxis Dr. Fritz Ihler (zugleich Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes) in Rosenheim, Erlenaustraße 11.

Masken in der
Praxis Ihler abgeben

Dort können die Masken (FFP2 und FFP3) Montag bis Freitag jeweils von 8 bis 11 Uhr im Sekretariat abgegeben werden. „Wir benötigen alles, was nur möglich ist, und verteilen es von dort nach Dringlichkeit an die anderen Praxen weiter“, erklärt Dr. Nikolaus Klecker, Bezirksvorsitzender im Bayerischen Hausärzteverband, das geplante Procedere.

Diese „Hilfe zur Selbsthilfe“ der Ärzte im Kreisverband Rosenheim ist Klecker zufolge mehr als notwendig: „Die Lage ist dramatisch, wir haben nicht mehr genügend Schutzausrüstung und werden komplett im Regen stehen gelassen.“

Denn: Sobald Lieferungen an Schutzausrüstung im Landkreis Rosenheim ankommen, zuletzt am Montag und am gestrigen Dienstag, gibt es bei der Verteilung eine klare Prioritätenliste. Nummer 1 und damit allerhöchste Prio haben: die Kliniken und Krankenhäuser.

Lieferungen Tropfen auf den heißen Stein

Das bestätigt auch der Sprecher des Staatlichen Gesundheitsamtes Rosenheim, Michael Fischer, auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. Und er zeigt an einem Beispiel die inzwischen sehr dramatische Lage im Landkreis auf: „Die Lieferung am Montag hat 2000 Mund- und Nasenschutzmasken umfasst. Das ist der tägliche Bedarf der Romed-Kliniken, nur um die Größenordnung klar zu machen.“

Zuständig für die Verteilung der Lieferung ist das Gesundheitsamt Rosenheim. Und hier hält man sich strikt an die Vorrangliste: erst Kliniken und Krankenhäuser, dann ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen, Altenheime, ambulant tätige Ärzte und der öffentliche Gesundheitsschutz, darin inbegriffen auch das Gesundheitsamt. „Alles, was danach kommt, wie Zahnärzte, Hebammen und so weiter werden nicht mehr als vorrangig behandelt“, erläutert Fischer.

Das Vorgehen in der Behörde: Die Mitarbeiter versuchen per Telefon, den Bedarf festzustellen, und ordnen entsprechend die Verteilung an. Doch Fischer bestätigt mit Ernüchterung in der Stimme die düsteren Beschreibungen an der Hausärzte-Front: „Es reicht bei Weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken.“

Die Hausärzte rund um Dr. Klecker und Dr. Ihler gehen gar noch einen Schritt weiter – und erweiterten gestern ihren Hilferuf noch um Schutzanzüge: Falls vorhanden, sollen auch lange Maler- und leichte Plastikkittel an der Sammelstelle Ihler abgegeben werden. „Aber nur neue Kittel, die oben am Hals geschlossen sind und ganz wichtig, nur lange“, unterstreicht Dr. Klecker die dringende Bitte der Ärzteschaft.

Klagen der
Pflegedienste

Ähnlich dramatisch ist die Situation bei den Pflegediensten in der Region. Auch hier fehlt es an Schutzkleidung, wie unter anderem Karsten Hoeft von „Die mobile Krankenpflege“ in Rosenheim beklagt.

Das kann Dr. Inge Ilgenfritz als Vorsitzende von „Pro Senioren Rosenheim“, die in einem Arbeitskreis mit einer Vielzahl ambulanter Pflegedienste aus Stadt und Landkreis Rosenheim zusammenarbeitet, nur bestätigen. Dr. Ilgenfritz: „Die ambulanten Pflegedienste stehen in der Corona-Krise an vorderster Stelle, sie bezeichnen sich selbst als Deich, der das Schlimmste von den Kliniken abhält. Wenn sie nicht mehr arbeiten können, dann kommen schlagartig auf das Klinikum rund 1500 Patienten mehr zu. Aber die Pflegedienste leiden unter dem akuten Mangel an persönlichem Schutzmaterial.“ Die zuletzt zugewiesenen Materialien reichten bei Weitem nicht aus. Dr. Ihler weiter: „Man darf ja nicht vergessen, dass die Pflegedienste im Allgemeinen an der sogenannten Risikogruppe arbeiten.“

Wie drastisch die Lage in den Kliniken ist, zeigt ein Aufruf der Schön-Kliniken Bad Aibling an die Unternehmen im Mangfalltal: Sie bitten die örtlichen Firmen, die unter anderem in den Bereichen Holzverarbeitung, Lacke, Autoindustrie tätig sind und mit FFP-Masken arbeiten, um Unterstützung. Denn: Leider sei eine „ausreichende Lieferung über die Lieferanten der Klinik derzeit nicht in Sicht“.

Corona-Testzentrum auf der Loretowiese

Für Irritationen und Kopfschütteln unter den Ärzten sorgte gestern zudem die Meldung des Magazins „Der Spiegel“, dass in Kenia sechs Millionen von Deutschland bestellte Schutzmasken abhandengekommen sein sollen – vorerst offenbar aus unerklärlichen Gründen.

Währenddessen rüsten sich Stadt und Landkreis weiter in Sachen Corona-Krise. In diesem Zusammenhang wurde gestern auf einem Teilbereich der Loretowiese in Rosenheim ein Corona-Testzentrum eingerichtet – das erste dieser Art in der Region. Die Initiatoren: der Ärztliche Kreisverband Rosenheim, unterstützt von der Stadt. Ausgerichtet ist das neue Testzentrum auf etwa 80 Patientenabstriche pro Tag. Es kann entweder angefahren – oder fußläufig erreicht werden. Schilder und Absperrgitter weisen den Weg zum feuerroten Container, wo sich die in weiße Schutzanzüge gehüllten Mitarbeiter und Ärzte befinden.

Wer jetzt glaubt, flugs zum Schnelltest auf die Loretowiese aufbrechen zu können, der irrt. Denn die Stadt Rosenheim wie auch die Ärzteschaft weisen ausdrücklich darauf hin, dass in der Station nur diejenigen Personen getestet werden, die ausdrücklich von ihrem Hausarzt dorthin überwiesen worden sind.

Dabei soll das bereits übliche Procedere beibehalten werden: Patienten mit Beschwerden nehmen telefonisch Kontakt mit ihrem Hausarzt auf; falls erforderlich, erhält er ein Teströhrchen – auf sicherem Weg – sowie einen Überweisungsschein, mit dem er sich auf den Weg zum Testzentrum machen kann. „Die Hausärzte werden vorselektieren, weil nicht jeder getestet werden kann“, erläutert Ärtze-Bezirksvorsitzender Nikolaus Klecker. Und: „Es soll auch nicht jeder dort erscheinen und meinen, er stellt sich mal an. Das wird nicht funktionieren.“

Ist der vom Hausarzt überwiesene Patient am Testzentrum angelangt, wird dort der Abstrich entnommen und ans Labor gesandt. Das Ergebnis erhält der Patient wiederum über seinen Hausarzt.

Damit, so ist der Plan, sollen der aktuell stark belastete Hausbesuchsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (zu erreichen über die Hotline 116117) und die Rosenheimer Hausärzte entlastet – sowie „knappes Infektionsschutzmaterial eingespart werden“, wie der Pressesprecher der Stadt Rosenheim, Christian Schwalm, ausdrücklich betont.

Allgemeinarzt Nikolaus Klecker mit Praxis in Rosenheim verspricht sich viel von dem Testzentrum. Denn oberste Prämisse sei in der aktuellen Situation: Möglichst viel von den Krankenhäusern abzuhalten.

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