Rosenheim – Kein Durchkommen unter der Corona-Hotline 116117, überlastete Hausärzte, tagelanges Warten auf einen Test – die Situation in der Region ist äußerst angespannt. Und die Unsicherheit in der Bevölkerung steigt: Wer wird denn überhaupt noch getestet?
Ganz sicher keinen Testtermin bekommen mehr: Patienten mit leichten Symptomen, die nicht stationär behandelt werden müssen, ebenso Verdachtsfälle. Sie werden ab sofort für 14 Tage in häusliche Quarantäne gesteckt – und sollen sich dort auskurieren. „Eine Testung findet bei dieser Personengruppe grundsätzlich nicht statt“, so steht es auch in der aktuellen Anweisung des Deutschens Hausärzteverbands, die an die Ärzte in der Region ging. Das wäre „Ressourcenverschwendung“.
Verschwendung
von Ressourcen?
Begründet wird diese Regelung damit: Es müsse umgehend ausreichend Schutzkleidung für die mittelschwer erkrankten, ambulant zu betreuenden Patienten zur Verfügung gestellt werden.
Getestet werden nur noch, so die Anordnung des Hausärzteverbands mit Sitz in Berlin: klinisch schwer Erkrankte und Risikopatienten. Ebenso medizinisches und pflegerisches Personal beziehungsweise mit Pflege betreute Personen zur Klärung der Arbeitsfähigkeit.
Dass in der Praxis bereits so vorgegangen wird, bestätigt der Bezirksvorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands, Dr. Nikolaus Klecker, auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen: „Getestet werden inzwischen nur noch echte Risikopatienten.“ Alle anderen, mit leichten Symptomen oder Verdachtsfälle – „die müssen einfach 14 Tage daheim bleiben, in Quarantäne.“
Diesen Weg besiegelte das Landratsamt Rosenheim mit einer entsprechenden Allgemeinverfügung, die seit gestern, Mittwoch, in Kraft getreten ist. Damit erhofft man sich eine Entlastung des Staatlichen Gesundheitsamtes. Betroffen sind Personen, die direkten Kontakt zu einem bestätigten Covid-19-Patienten hatten. In der Quarantänezeit dürfen Haus oder Wohnung nicht verlassen werden; einzig der Aufenthalt auf dem Balkon oder im Garten ist erlaubt.
Der Rosenheimer Allgemeinarzt Dr. Klecker unterstützt den Vorstoß ausdrücklich. „Wir müssen jetzt unsere Ressourcen für die Risikogruppen reservieren.“
Und wie steht es um Patienten mit massiven Beschwerden? Die würden umgehend ins Krankenhaus eingewiesen, betont Dr. Klecker. „Wem es schlecht geht, der wird nach Rücksprache mit dem Klinikum umgehend stationär aufgenommen.“ Dieses Procedere für eben schwer erkrankte Patienten funktioniere reibungslos. „Die Zusammenarbeit mit dem Klinikum klappt wirklich gut“, unterstreicht er.
Große Entlastung erhoffen sich Dr. Klecker und seine Kollegen in Stadt und Landkreis vom kürzlich eingerichteten Corona-Testzentrum auf der Loretowiese in Rosenheim, betrieben vom Ärztlichen Kreisverband und unterstützt von der Stadt. Dort haben sich gestern Nachmittag bereits lange Schlangen gebildet. Einen Abstrich erhält dort allerdings nur derjenige, der von seinem Hausarzt per Überweisung dorthin entsandt wird.
Wenn nur noch selektiv getestet wird – wie realistisch sind dann überhaupt noch die Statistiken? Alles andere als realistisch, winken sowohl der Hausärzte-Bezirksvorsitzende wie auch der Sprecher des Staatlichen Gesundheitsamtes Rosenheim, Michael Fischer, ab. „Die Zahlen stellen mit Sicherheit nur einen Bruchteil dar. Es gibt eine hohe Dunkelziffer“, bestätigt Fischer auf Anfrage. Und von Hausärzte-Seite ergänzt Dr. Klecker: „Die Statistik ist mit Sicherheit verfälscht, allein durch die Fälle, die nicht mehr getestet werden.“
Schutzausrüstung:
Lieferung blieb aus
Nach wie vor große Sorgen bereitet den Ärzten der Mangel an Schutzausrüstung. Erste Spenden aus der Bevölkerung sind zwar bereits in der Praxis von Dr. Fritz Ihler (Erlenaustraße 11 in Rosenheim), Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes, abgegeben worden – doch ist das nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein: Denn die im THW-Lager erwartete Lieferung an den Landkreis ist gestern ausgeblieben.
Warum sie Rosenheim nicht erreichte, kann sich Behördensprecher Fischer nicht erklären. Nur so viel: „Es ist unklar, wie es weitergeht. Aber wir haben eine extreme Mangelverwaltung.“