Hätte, hätte, Infektionskette: Wäre es falsch, die Kommunalwahlen trotz Corona durchzuziehen? Ist es fahrlässig, nun die Stichwahlen per Brief durchzudrücken? Darüber kann man streiten. Aber nicht jetzt.
Auch wenn sich Verwaltungsmitarbeiter und Wahlhelfer in der Region zurecht fragen, ob es das erhöhte Ansteckungsrisiko und den bürokratischen Kraftakt wert war: In Zeiten täglich, stündlich neuer Gefahrenlagen und Szenarien hilft es keinem weiter, wenn wir Entscheidungen, die vor 14 Tagen getroffen worden sind, in der Rückschau als angemessen oder überzogen, maßvoll oder maßlos, halbherzig oder inkonsequent einstufen. Hinterher ist man schlauer. Doch hinterher kommt noch. Jetzt sind wir mittendrin.
Gerade jetzt zeigt sich, wie wichtig es ist, kompetente und entschlossene Leute in Landratsämtern, Rathäusern und Krisenstäben zu haben. So gesehen war der Entschluss, die Wahlen nicht abzublasen, eine Entscheidung für die Demokratie. Die Bürger in der Region haben sie mitgetragen. Fast ausnahmslos lag die Wahlbeteiligung 2020 deutlich über den Werten von 2014 – trotz Corona.
Jetzt noch die Stichwahl, wo doch alles auf Null oder auf dem Kopf steht. Bürgernähe, Kommunalpolitiker zum Anfassen: nicht mehr gefragt. Der bloße Gedanke ans „Klinkenputzen“, sonst ein gern verwendeter Begriff für Haustürbesuche im Wahlkampf, lässt uns erschaudern. Und wer denkt bei der Abstandsregel noch an Windräder? So beschränkt sich der Stichwahl-Endspurt auf Flyer, Telefonsprechstunden, Internet-Chats und Videobotschaften.
Die Sieger sitzen schon bald im Landratsamt, in den Rathäusern. Als Landrat, OB oder Bürgermeister kommen große Herausforderungen auf sie zu. Die Corona-Krise zu meistern, wird ihnen einfacher fallen, wenn sie von einer breiten Basis das Mandat hierfür erteilt bekommen haben. Eine Viertelmillion Menschen ist in Stadt und Landkreis Rosenheim stimmberechtigt. Eine erneut hohe Wahlbeteiligung wäre ein Zeichen, das Mut macht.
Die Stichwahl ist unkompliziert. Es geht um ein Kreuz, in manchen Kommunen um zwei. Also: Kreuzerl machen und das Briefwahl-Packerl noch zum Wahlamt bringen – oder bringen lassen. Jetzt erst recht.