In seinem Buch „Ein Singen geht über die Erde“ beschreibt der mittlerweile verstorbene Bischof von Innsbruck, Reinhold Stecher, ein Erlebnis vom 1. April 1945: Nach einem Fußmarsch von mehr als 3000 Kilometern über den eisigen Polarkreis marschiert seine Einheit über einen Berggrat den Weg hinunter in ein norwegisches Fjordtal. Müde, erschöpft und von den Verlusten gezeichnet, hören die Soldaten auf einmal vom Tal herauf das anhaltende Glockenläuten der kleinen Holzkirche.
Der wortkarge Kamerad, der hinter dem Muli hertrottet sagt: „Du, ich glaub, der Krieg ist aus…“ Nein, der Krieg hat noch weitere fünf Wochen gedauert. Reinhold Stecher aber weiß, warum die Glocke läutet.
Der 1. April 1945 ist der Ostersonntag. Sein ganzes Leben hat er den Klang dieser kleinen Glocke nie mehr vergessen. Den Klang in der Stille, der davon singt, dass es immer Hoffnung gibt und das Leben am Ende Sieger bleibt über den Tod. Heute, 75 Jahre später, am 1. April 2020, sind es noch zehn Tage bis zur Osternacht. Wir werden sie heuer erstmals nicht in gewohnter Weise in unseren Kirchen feiern können und der „Krieg“ ist auch noch nicht aus. Der Krieg gegen ein Virus, das gerade die ganze Welt im Griff hat.
Aber auch heuer werden in der Osternacht alle Glocken läuten. Das funktioniert immer noch! Ein Singen geht dann wieder über die Erde und verkündet den Sieg des Lebens: Wir dürfen auferstehen aus unserer Dunkelheit. Nicht erst am Ziel unseres Lebens, sondern jetzt schon! Aus dieser Zuversicht lebe ich.