Rosenheim – Da waren offenbar viele Bürger in Wechselstimmung: Gleich vier Bürgermeister wurden im Landkreis Rosenheim abgewählt – so viele wie zuletzt 2008. Vor allem im Chiemgau musste der eine oder andere Platzhirsch sein Revier räumen. Die Fakten, Zahlen und Besonderheiten der Kommunalwahl 2020 in der Region.
Nachrücker
Weil Rosenheims neuer Landrat Otto Lederer (CSU) ab Mai im Landratsamt gebraucht wird, wird der Platz des CSU-Abgeordneten im Landtag frei. Nachrücken wird für ihn Ex-Kultusminister Ludwig Spaenle. Der Stimmkreis Rosenheim-West, den Lederer im Maximilianeum vertritt, bleibt aber bis zu Landtagswahl 2023 nicht ganz verwaist. Schließlich kommt Ilse Aigner, die für Miesbach im Landtag sitzt, aus Feldkirchen-Westerham.
Kein zweiter Coup
Priens Bürgermeister Jürgen Seifert, als damaliger Kulmbacher Stadtkämmerer der Sensations-Wahlsieger von 2008 am Chiemsee, hat in Ansbach einen zweiten Coup verpasst. Amtsinhaber Jürgen Ludwig (CSU) bleibt Landrat in Ansbach, doch Seifert erzielte in der Stichwahl mit einem Stimmenanteil von 41,0 Prozent ein beachtliches Ergebnis.
Abgewählt
Gleich in vier Kommunen müssen die Amtsinhaber unfreiwillig ihre Schreibtische räumen. Dabei traf es 2020 ausschließlich Parteifreie. Peter Solnar (FWG) und Georg Gäch (ÜWG) wurden in Aschau und Ramerberg schon in der ersten Runde abgewählt, zwei Wochen später in der Stichwahl reichte es auch für Doris Laban (ABE) in Bad Endorf und Philipp Bernhofer (Bernauer Liste) in Bernau nicht. Rechnet man Feldkirchen-Westerham dazu, wo Amtsinhaber Bernhard Schweiger (CSU) 2017 „außer der Reihe“ verlor, sind es sogar fünf Abwahlen – und das ist Rekord. 2014 war das nur Werner Weyerer (CSU) in Aschau und Josef Trost (CSU) in Neubeuern passiert, 2008 Hans Hofstetter, Stefan Beer, Rudolf Zehentner (alle CSU) und Christian Fichtl (parteifrei) in Bad Endorf, Eggstätt, Stephanskirchen und Prien.
Wechselwind
Vor allem im Chiemgau blies den Amtsinhabern kräftiger Wechselwind ins Gesicht: Neben den Bürgermeistern in Bad Endorf, Bernau und Aschau erwischte es jenseits der Landkreisgrenze zu Traunstein auch noch die Amtsinhaber in Traunstein, Chieming, Übersee, Seeon-Seebruck und Ruhpolding. In Bad Endorf kam es übrigens zur vierten Stichwahl in Serie.
Grüner Höhenflug
Die Grünen sind die großen Gewinner der Wahl – auch wenn sie bei der Vergabe der 48 Chefposten in Stadt und Landkreis Rosenheim noch kaum eine Rolle spielen. Es bleibt bei einem Bürgermeisterposten, Georg Reinthaler ist in Eiselfing weiterhin der einzige Rathaus-Chef. Doch im 70-köpfigen Kreistag sowie in vielen Stadt- und Gemeinderäten wird künftig mehr grüne Politik gemacht. Im Kreistag wuchs die Fraktion der Grünen bei einem Stimmenanteil von fast 20 Prozent von neun auf 14 Sitze.
Historisches Tief
Dagegen hält im Kreistag die Talfahrt von CSU und SPD an. Mit knapp 37 Prozent und nur noch 26 Sitzen ist die CSU auf ein historisches Tief gefallen, ebenso wie die SPD mit knapp sieben Prozent und fünf Mandaten. Von der absoluten Mehrheit sind die Christsozialen weiter entfernt denn je. Dabei hatten die Schwarzen noch zu Beginn dieses Jahrtausends 56,9 Prozent und 41 Sitze (siehe Grafik), 2008 und 2014 waren es noch 34 beziehungsweise 33. Die sozialdemokratische Fraktion im Kreistag, 2002 mit zwölf Sitzen noch dreimal so groß wie der Grünen (vier), ist jetzt dreimal kleiner.
Frauensache
Reine Frauensache ist Kommunalpolitik in der Region nicht gerade – ganz im Gegenteil. Die Bilanz nach 38 Entscheidungen im ersten Wahlgang: Alle Bürgermeisterposten für die Männer, keiner für die Frauen. So drohte nach dem Rückzug von OB Gabriele Bauer (CSU) in Rosenheim und Marianne Steindlmüller (CSU) in Frasdorf das Szenario einer ausschließlich von Männern regierten Region Rosenheim. Erst in der Stichwahl sorgten Irene Biebl-Daiber und Regina Braun (beide CSU) in Bernau und Halfing dafür, dass wenigstens auf zwei von 48 Chefsesseln Frauen sitzen.
Familiensache
Wenn es die Väter vormachen: In drei Kommunen des Landkreises Rosenheim gibt es jetzt Bürgermeister in zweiter Generation. In der Stadt Kolbermoor folgte schon vor 18 Jahren Peter Kloo (SPD, seit 2002) auf Altbürgermeister Peter Kloo senior (1984 bis 1996), in Bernau nun Irene Biebl-Daiber auf ihren Vater Klaus Daiber (CSU, 2002 bis 2014) und in der Gemeinde Pfaffing Josef Niedermeier (Parteifreie) auf Josef Niedermeier senior (1996 bis 2008).
Knappe Sache
War das eng! Während sich bei der Landrats- und Oberbürgermeister-Stichwahl schon nach wenigen Stimmbezirken die Frage nach dem Sieger erübrigte, blieb es in vielen Kommunen spannend bis zum Schluss. Die knappsten Stichwahl-Siege haben im Landkreis Rosenheim Stefan Lederwascher (CSU) in Flintsbach (50,9), Stephan Schlier (CSU) in Bad Aibling (51,2 Prozent) und Andreas Friedrich (ÜWG) in Prien (52,5) eingefahren, zuvor im ersten Wahlgang Matthias Jokisch (CSU) in Brannenburg (50,6) und Simon Hausstetter (Bürgerblock) in Rohrdorf (51,4).
Klare Sache
Sie haben den Wähler überzeugt: Josef Huber (CSU) holte in Babensham mit 83,1 Prozent das beste Ergebnis in einem Zweier-Duell, gefolgt von Olaf Kalsperger (CSU) in der Gemeinde Raubling (80,9). In einem Dreikampf kam Professor Dr. Matthias Bernhardt (Freie Wähler) in Oberaudorf mit 68,1 Prozent auf den Höchstwert und Hajo Gruber (UW) sorgte mit seinen 63,8 Prozent in Kiefersfelden für das Top-Ergebnis in einem vierköpfigen Kandidatenfeld.