Vogtareuth – Es ist eine Familientragödie, die sich in dem lachsfarbenen Haus in der Blumenstraße ereignet hat. Ramona F., 36 Jahre alt, Ausbilderin bei der Bundespolizei in Rosenheim, und ihre zwölf und zehn Jahre alten Töchter sind tot. Vieles deutet derzeit darauf hin, dass die Frau ihre Kinder gewaltsam tötete und sich anschließend selbst das Leben nahm, so Stefan Sonntag, Pressesprecher des Polizeipräsidiums in Rosenheim. Ob Ramona F. dazu ihre Dienstwaffe benutzte, ist derzeit nicht bekannt.
Ramona F. engagierte
sich im Elternbeirat
„Das kann man sich kaum vorstellen“, sagt ein hörbar erschütterter Bürgermeister Rudolf Leitmannstetter. Er kannte Ramona F. seit einigen Jahren durch ihre Tätigkeit im Elternbeirat. Die Familie war vor zehn Jahren in das rund 3300 Einwohner große Dorf gezogen, die Töchter gingen beide in Vogtareuth in die Grundschule. „Eine echte Tragödie“, so Leitmannstetter.
„Tief erschüttert“ ob der Bluttat in seiner Gemeinde zeigt sich auch Pfarrer Guido Seidenberger. Er gehörte zum Team der Notfallseelsorger, die den Menschen Beistand leisteten. Die Straße rund um den Tatort ist am Freitagvormittag wie ausgestorben, kein Nachbar im Garten. In diesem Teil Vogtareuths wohnen viele Familien, auch etliche ehemalige und aktuelle Mitschülerinnen und Mitschüler leben in der Nachbarschaft von Familie F. Sie haben bis vor Kurzem, bis zur Ausgangsbeschränkung, noch mit den beiden Mädchen gespielt, sind gemeinsam herumgetobt. Vielleicht auch auf dem Trampolin, das in einem Garten steht, herumgehopst. Nun müssen ihre Eltern ihnen helfen, mit dem Verlust der Nachbarsmädchen fertig zu werden.
Während ein Notfallseelsorger vor Ort war, führte Seidenberger viele Telefonate – unter anderen mit Gemeindemitgliedern, die sich an ihn wandten und das Gespräch suchten. „Wegen der Corona-Krise musste sich der geistliche Beistand vielfach auf Telefonate beschränken“, sagte Seidenberger. Der Pfarrer verspürte bei seinen Kontakten „große Fassungslosigkeit“.
Die getöteten Mädchen kannte er gut. „Sie haben beide schon Erstkommunion gehabt und an der Vorbereitung auf dieses Ereignis teilgenommen. Es waren ganz liebe Kinder“, weiß Seidenberger. In sein Gebet für die Opfer und die Menschen, über die das Verbrechen großes Leid gebracht hat, schließt der Pfarrer bewusst auch die Mutter der Getöteten ein. „Man kann nur erahnen, aus welch tiefer Verzweiflung sie so gehandelt haben dürfte.“
Tatmotiv derzeit
noch völlig offen
Zum Tatmotiv sei noch nichts bekannt, heißt es vonseiten der Polizei in einer Pressemitteilung. Auch Emig hatte am Einsatzort darüber nicht spekulieren wollen. Das sei Teil der Ermittlungen der Kripo Rosenheim. Vor gut einem Jahr gehörte Ramona F. zu den Finalistinnen des Rosenheimer Gründerpreises. Die Bundespolizistin, selbst Missbrauchsopfer, hatte ein Kurskonzept entwickelt, das Mädchen und Frauen in die Lage versetzt, sich gegen Gewaltverbrechen zu wehren.
Mit einigen Kollegen wollte sie ein Unternehmen gründen, das diese Kurse anbietet – die Mädchen und Frauen direkt, aber auch Unternehmen wollten Ramona F. und ihre Kollegen, allesamt Bundespolizisten, ansprechen. Entsprechende Kurse bot sie zusammen mit einem Kollegen bereits über dessen Selbstverteidigungsschule mit Sitz in Edling, Griesstätt und Albaching an. Für Rosenheim sind sie laut Internetseite des Unternehmens geplant.
Wie es innerhalb eines Jahres dazu kam, dass aus der strahlenden Bundespolizistin und Jungunternehmerin eine offenbar völlig verzweifelte Frau wurde, ist Teil der Ermittlungen der Kripo Rosenheim. Deren Fachkommissariat hat zusammen mit der Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufgenommen. Gutachter des Landeskriminalamtes und Rechtsmediziner aus München waren schon in den Morgenstunden am Tatort, unterstützen die Kripo bei deren Ermittlungen rund um die Familientragödie in der Blumenstraße.