Wasserburg – „Darf ich Sie mit dem Bundespräsidenten verbinden?“ Christine Deliano, Geschäftsführerin der Wasserburger Backstube und Kaffeerösterei, kann es noch immer nicht fassen, dass ihr diese Frage gestellt worden ist. Doch so war’s: 16 Minuten lang hat sie mit Frank-Walter Steinmeier gesprochen. Im Mittelpunkt des Telefonats stand der betriebliche Überlebenskampf in der Corona-Krise.
„Ich weiß mehr über Sie als Sie über mich“, eröffnete Steinmeier das Gespräch mit der „Corona-Heldin“. In der Tat hatte sich der Bundespräsident zu Delianos Freude umfangreich über die Wasserburger Geschäftsfrau informiert. Er wusste, dass sie aus einer Handwerksfamilie stammt, sozusagen in der Backstube aufwuchs, dass sie nach einer 15-jährigen Tätigkeit in der Lebensmittelindustrie in die Fußstapfen ihrer Eltern stieg und in Wasserburg eine Konditorei mit Bäckerei, Café und Kaffeerösterei im Herzen der Altstadt leitet.
Steinmeier wollte wissen, wie der Betrieb, der nach wie vor produziert, aber seine Gastronomie schließen musste, mit den Auflagen aufgrund der Corona-Pandemie zurechtkommt. Deliano nutzte die Chance, „stellvertretend für die vielen kleinen Mittelständler, die derzeit so zu kämpfen haben“, von den Sorgen zu berichten. Steinmeier hörte „aufmerksam und interessiert zu“, berichtet die Geschäftsfrau, „er hat viele Zwischenfragen gestellt. Er wollte wirklich wissen, wie es an der Basis ausschaut“, so ihr Eindruck.
Deliano berichtete über große Umsatzeinbußen – in ihrem Betrieb sind etwa zwei Drittel der Einnahmen weggebrochen –, über die geschlossene Gastronomie und die stillstehende Küche, über Mitarbeiter in Kurzarbeit – und über die Sorge, „wie es weitergeht“. „Herr Steinmeier war sehr, sehr präsent am Telefon. Es war ein ernstes und offenes Gespräch. Ich habe mich stets auf Augenhöhe mit dem Bundespräsidenten gefühlt“, sagt sie.
Deliano ist überzeugt, dass sie ihre wichtigste Botschaft rübergebracht hat: Staatliche Programme gebe es in der Tat viele, Hilfsversprechen auch. Die Bundes- und Landespolitik habe sofort reagiert. Doch die Umsetzung der vielen Programme bereite Probleme.
Bereits am 18. März hat sie einen Antrag auf Soforthilfe gestellt, „bis heute ist noch kein Geld auf meinem Konto angekommen“, berichtete sie Steinmeier. Für die Kurzarbeit hat sie erst vor ein paar Tagen die für die Abrechnung so wichtige „KuG-Nummer“ der Bundesagentur für Arbeit erhalten.
„Anfangs kannte sich keiner richtig aus“, erzählte die Geschäftsführerin dem Bundespräsidenten. Telefonisch habe es in den Behörden kein Durchkommen gegeben, Anfragen per Mail seien nur schleppend beantwortet worden. „Mittlerweile ist vieles schon klarer und schneller geworden“, so ihre Erfahrung. Der bürokratische Dschungel lichte sich.
Ein Problem hat sie ebenfalls offen angesprochen: die Tatsache, dass es für Sofortkredite nicht zu 100 Prozent eine staatliche Haftung gibt. Die Liquiditätsschere von zehn bis 20 Prozent bereite vielen kleinen Einzelhändlern oder Handwerkern und vor allem Start-ups und „One-Man- oder One-Woman-Betrieben“ Probleme.
Der Bundespräsident erkundigte sich auch ausführlich danach, wie die Kunden in der Bäckerei auf die neuen Regeln reagieren. Er wollte wissen, ob die Käufer Abstand halten. Das funktioniere in Wasserburg, berichtete Deliano. „Unsere Kunden sind sehr diszipliniert.“ Viele zeigen sich nach ihrer Erfahrung dankbar dafür, dass es noch eine Versorgung mit Backwaren gibt. „Dinge, die vor Corona völlig selbstverständlich waren, sind es jetzt nicht mehr“, berichtete die Wasserburgerin dem Bundespräsidenten, „wir erleben derzeit eine neue Wertschätzung für unser Handwerk. Viele Menschen sagen uns, wie froh sie sind, dass wir uns nach wie vor in den Laden stellen und verkaufen.“
Deliano hat mit Steinmeier auch über die Zeit nach Corona gesprochen – darüber, wie das geschäftliche Leben wieder langsam in Gang kommen und wie sich Deutschland in Zukunft besser auf eine solche Mega-Krise vorbereiten kann. „Es muss sich was ändern“, habe Steinmeier deutlich gemacht – auch angesichts der Tatsache, dass die Bundesländer nicht ausreichend mit Schutzausrüstungen ausgestattet waren und diese vor allem im Ausland hergestellt werden.Heike Duczek