Vielleicht winken Sie beim Lesen ab. „Ich sitze nicht mit meinem Verräter an einem Tisch“, schießt es Ihnen etwa durch den Kopf. „Ich lade Freunde und Familie ein. Sie wollen mir nichts Böses.“
Judas, der Jünger, der Jesus verraten hat, war sein Freund. Am letzten Abend saßen sie im Kreis der Jünger beim Festessen zusammen.
Daran erinnern wir uns am Gründonnerstag heute. Vielleicht wollte Judas damals nichts Böses. Möglicherweise beabsichtigte er nur, die gemeinsame Sache zu übernehmen, weil es ihm bei Jesus zu langsam ging. Nach Jesu Festnahme bereute er den Verrat.
Mitunter werden Freunde in der Arbeit zu Konkurrenten und sitzen weiter an einem Tisch in der Kantine. Geschwister zerstreiten sich.
Zum Fest kommen dennoch alle nach Hause. Ein Ehepartner geht fremd. Das gemeinsame Abendessen gibt es weiterhin.
Um Jesus aus dem Weg zu räumen, wurden falsche Zeugen gesucht. Menschen wurden aufgestachelt, um sich gegen ihn zu verbünden. Auch das ist uns nicht fremd in der Arbeit, der Familie unter Freunden.
Der römische Statthalter beschwor Jesus: „Warum antwortest du nichts auf die Beschuldigungen?“ Was hätte er sagen sollen? Das Unrecht war offensichtlich. Trotzdem traute sich niemand, zu ihm zu halten. Nur auf die Frage des Hohepriesters antwortete Jesus: „Ja, ich bin der Messias, der der euch von all dem befreit.“ Wie kann das sein, wo Jesus doch von diesen Mächten, die an ihm zerrten, gekreuzigt und in den Tod getrieben wurde?
Weil er aus dem Tod zurückgekommen ist und für uns lebt. Seitdem sitzt er mit uns am Tisch auch dann, wenn unsere „Verräter“ mit uns speisen. Er gibt uns, stark zu sein, und ihnen, über sich nachzudenken. Er schafft die Möglichkeit, zaghaft aufeinander zuzugehen, Schuld einzugestehen, auch wenn es unangenehm und schmerzhaft ist. Er macht uns frei, mit Schuld zu leben und Menschen mit Schuld anzunehmen. Das ist die Liebe Gottes.
Der Missionar Paulus beschreibt das in der Bibel so: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte … uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist“. (Röm 8, 38f)
Gerade jetzt, wo wir nicht nach draußen können, gibt es manchmal im übertragenen Sinn „dicke Luft“, Streit. Wir müssen die Schwächen der anderen noch viel mehr aushalten.
Vielleicht hilft es, in Gedanken Jesus an den Tisch zu lassen, der stärker ist als all das, was an uns zerrt, damit Streit nicht eskaliert. Es muss nicht immer harmonisch, aber es sollte friedlich sein.
* Wegen der Corona-Krise haben die Gläubigen derzeit keine Möglichkeit, einen Sonntags-Gottesdienst zu besuchen. Die OVB-Heimatzeitungen wollen ihren Leserinnen und Lesern aus diesem Grund während dieser Zeit jeweils eine geistliche Kolumne anbieten. Die heutige Autorin ist Dagmar Häfner-Becker, evangelische Dekanin aus Rosenheim.