Heilige Schrift lädt zur Suche nach Gott ein

von Redaktion

Erinnern Sie sich, welches Bild uns letztes Jahr in der Karwoche beschäftigt hat? Das Bild der Pariser Kathedrale Notre-Dame, aus der hohe Flammen schlagen. Ich weiß noch gut, was ich gefühlt habe, als nachts die Meldung kam, alles werde dafür getan, um die Fassade der Kirche zu erhalten. Die Fassade? Während das Innere der Kirche langsam, aber sicher ausbrennt? Was für ein schrecklich mehrdeutiges Bild.

Dieses Jahr sind es andere Bilder, die uns bewegen. Bilder von dicht gedrängten Krankenhausbetten und Särgen aus der ganzen Welt, Menschen, die Homeoffice machen, auf ihren Balkonen klatschen oder musizieren, und Bilder von weit über ihre Grenzen arbeitenden Ärzten und Pflegern. Geschlossene Schulen, Gaststätten und Kirchen, ein Papst Franziskus, der allein auf dem Petersplatz betet, allein und einsam, wie es so viele Menschen in diesen Tagen sind.

In dieser Fastenzeit, an diesem Gründonnerstag und Karfreitag, da geht es nicht mehr nur um eine Fassade, da geht es um das Innerste. Da geht es um viel zu viele Tote in der ganzen Welt, da bewegt uns Angst um liebe Menschen, da geht es um Gesundheit und berufliche Existenzen, um das, was unsere Welt tragen und ertragen kann.

Und nicht zuletzt geht es für jeden Einzelnen darum: was gibt mir in meinem Leben echten Halt, wenn die gewohnte Fassade mich nicht mehr umgibt, die Fassade aus Zerstreuungen und Unternehmungen, aus kulturellen, religiösen und sozialen Aktivitäten. Was ist dann das Innerste meines Lebens, wer oder was zählt für mich. Ein Partner? Die Familie? Der Freund oder die Freundin, die ich jederzeit anrufen kann?

Eine Predigt aus dem fünften Jahrhundert beschreibt den Karfreitag so: „Was ist das, tiefes Schweigen herrscht heute auf der Erde und Einsamkeit“. Es ist das, was ich empfunden habe, als ich am ersten Tag der Ausgangsbeschränkung durch die Straßen Mühldorfs spaziert bin. Wir erleben in diesem Jahr den Karfreitag. Den Karfreitag mit seinem Schweigen, der Verlassenheit, der Einsamkeit, dem Schmerz und dem Leid Jesu Christi.

Noch ein weiteres Bild ist vor einem Jahr durch die Medien gegangen. Das Bild der ausgebrannten Kathedrale, in deren Chorraum unerschüttert das Altarkreuz steht. „Stummer Zeuge des Infernos“ war die Bildunterschrift. Das Kreuz als stummer Zeuge dieses Infernos und so manchen Infernos, durch die Jahrhunderte hindurch bis heute. Auch des Infernos, das den Namen Corona trägt. Es lässt mich hoffen, denn es wird weiterstehen. Von vielen vergessen, von manchen belächelt, auch verschüttet unter so manchen Trümmern, die Menschen errichten. Aber es bleibt stehen für alle, die darauf schauen.

Dieses Jahr lädt keine Kirche zur Karfreitagsliturgie, aber auch niemand zum Steckerlfischessen. Bleiben wir zu Hause und schauen wir auf das Kreuz. Das Kreuz daheim im Herrgottswinkel, das Kreuz am Halskettchen, vielleicht auch nur auf einem kleinen, fast vergessenen Bild. Ohne Kreuz sind kein Ostermorgen und keine Auferstehung möglich. Das ist keine Fassade, das ist das Innerste unserer christlichen Botschaft.

* Wegen der Corona-Krise haben die Gläubigen derzeit keine Möglichkeit, einen Sonntags-Gottesdienst zu besuchen. Die OVB-Heimatzeitungen wollen ihren Leserinnen und Lesern aus diesem Grund während dieser Zeit in der Wochenendausgabe jeweils eine geistliche Kolumne anbieten. Die heutige Autorin ist Claudia Stadler, Pastoralreferentin in der Stadtkirche Mühldorf.

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