Viele Tote, wenig Schutz?

von Redaktion

Massive Vorwürfe gegen Aschauer Pflegeheim – 15 Covid-19-Opfer

Aschau – Fast zwei Dutzend Tote, zu wenig Schutzkleidung, positiv getestete Mitarbeiter – die dennoch arbeiten, gesunde und kranke Bewohner, die nicht auseinandergehalten wurden. Von 80 Mitarbeitern nur 24 im Dienst. Bauarbeiten nach dem Betretungsverbot. Es sind massive Vorwürfe, die Mitarbeiter in einem nicht unterzeichneten Brief gegen die Leitung des Seniorenheimes Priental in Aschau erheben.

Die Nerven
liegen blank

Bei Wolfgang Rohrmüller liegen die Nerven blank. Er ist Leiter des Seniorenheimes. Sein Haus, ein kommunales Heim, wird vom Coronavirus heftig gebeutelt. Drei Viertel des Pflegepersonals sind ausgefallen, die verbleibenden Mitarbeiter arbeiten bis zum Umfallen. 15 Bewohner sind nachweislich an Covid-19 gestorben. Ob bei weiteren Todesfällen das Coronavirus eine Rolle spielte, kann nur vermutet werden, denn post mortem wird laut Landratsamt nicht auf das Virus getestet.

Es tröstet Rohrmüller nicht, dass er nicht allein ist. Dass in Bad Feilnbach bereits ein Seniorenheim geräumt wurde und dass unter anderem auf der Wasserburger Burg große Ausfälle beim Personal und Corona-Tote zu beklagen sind.

Die Rückenschmerzen einer Mitarbeiterin brachten vor drei Wochen in Aschau den Stein ins Rollen. Die Frau ging zum Arzt, bekam in der Praxis Schüttelfrost, der Hausarzt veranlasste einen Test und zog die Frau aus dem Verkehr. Vier Tage später waren alle Bewohner und ein Großteil der Mitarbeiter des Seniorenheims Priental getestet.

Arbeiten bis zur
völligen Erschöpfung

Aktuell hat Rohrmüller noch elf interne Pflegekräfte im Einsatz. „Wer positiv getestet ist, geht sofort heim. Und wer negativ getestet ist und Angst hat, Angehörige anzustecken, darf zu Hause bleiben“, so Rohrmüller. Zu den elf eigenen Leuten kommen die Auszubildenden und freiberufliche Pflegekräfte, die aus dem Pflegepool des Landratsamtes oder über Zeitarbeitsfirmen kommen. Alle 20 arbeiteten für die aktuell 38 Bewohner – maximal 70 Senioren können in dem Heim leben – bis zur völligen Erschöpfung, so der Heimleiter.

Die 80 Mitarbeiter, auf die sich die anonymen Hinweisgeber beziehen, umfassen laut Ina Krug, Sprecherin des Landratsamtes, alle Mitarbeiter vom Heimleiter über das Küchenpersonal bis zur Reinigungskraft und den 450-Euro-Jobber, die sich bei Vollbelegung um die 70 Senioren kümmern. Derzeit sei aber nur gut die Hälfte der Betten tatsächlich belegt.

Rohrmüllers oberster Dienstherr, Bürgermeister Peter Solnar, bescheinigt ihm, rund um die Uhr im Einsatz zu sein und weit über seine Grenzen hinaus zu gehen. „Mehr kann man nicht tun, als er tut.“ Das sieht sein designierter Nachfolger Simon Frank ähnlich. Die dramatische Situation sei für den Heimleiter trotz aller Anstrengungen nahezu unmöglich in den Griff zu bekommen.

Die Lawine an positiv getesteten Mitarbeitern und Bewohnern im Heim war nach Einschätzung der Heimverantwortlichen nicht aufzuhalten. Was der Landesgeschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Betreiber vieler Senioren- und Pflegeheime in Bayern, schon Anfang April vorhergesagt hatte. „Das verbreitet sich mit Turbogeschwindigkeit in so einer Einrichtung“, prophezeite Andreas Czerny.

Schutzausrüstung
reicht nicht

Auch im Seniorenheim Priental gab und gibt es nicht genug gute Schutzkittel und Masken auf Vorrat. „Die hätten wir im Januar ordern müssen, als die ersten Meldungen aus China kamen. Da konnte aber niemand ahnen, was für Ausmaße das annehmen würde. Und zwei Wochen später war schon nichts mehr zu bekommen“, so Rohrmüller.

Es wird quasi von der Hand in den Mund gelebt. Was Ina Krug, Sprecherin des Landratsamtes, bestätigt: „Aktuell beliefern wir Krankenhäuser und auch Alten- und Pflegeheime vorrangig mit Schutzausrüstung, Masken und Desinfektionsmittel, soweit diese vorhanden sind. Der Bedarf nach Schutzausrüstung ist derzeit enorm und wenn eine Lieferung reinkommt, wird diese sofort verteilt.“

Das bayernweite Betretungsverbot für Krankenhäuser und Heime gilt seit Mitte März. Da liefen in Aschau noch Bauarbeiten am Brandschutz, die in Absprache mit dem Landratsamt – das die Verbesserung des Brandschutzes angeordnet hatte – zügig eingestellt wurden. Seitdem gehen nur noch Mitarbeiter ein und aus.

Dennoch sind neun Bewohner des Seniorenheimes aktuell im Krankenhaus, 13 positiv getestete Senioren werden im Heim betreut. Was Rohrmüller die Sache erschwert: Es gibt 22 Doppelzimmer. Die mindestens drei Meter Abstand zwischen den beiden Betten reichen nicht aus. „Ist einer von den beiden Bewohnern positiv getestet, können wir darauf warten, dass der andere sich ansteckt.“ In vielen Fällen sei es gar nicht möglich gewesen, Bewohner zu verlegen – weil keine Zimmer zur Verfügung standen.

Erschwerend komme hinzu, dass die Bewohner es zum Teil sehr schwer nähmen, dass sie seit 23.März ihr Zimmer nicht verlassen dürfen. Ein 68-jähriger Bewohner habe ihn am Abend ausgeschimpft, weil er nicht mehr aus dem Zimmer durfte. „Und am nächsten Morgen um 11 Uhr war er tot“, so Rohrmüller mit belegter Stimme. Besonders schlimm, ja katastrophal, sei die „Kasernierung“ für die von Demenz betroffenen Bewohner. „Sie verstehen es nicht, verarbeiten es nicht und leiden so, dass sie aufhören zu essen und zu trinken. Was sie zusätzlich schwächt und noch anfälliger macht“, sagt Rohrmüller. Und das Personal psychisch noch mehr belastet.

„Wir dachten, wir
schaffen es nicht mehr“

„Karfreitag waren wir so weit, dass wir dachten, wir schaffen es nicht mehr“, sagt Rohrmüller. Da habe sich die hervorragende Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt und der Heimaufsicht bewährt. Zweimal wöchentlich etwa treffe man sich, täglich telefoniere man miteinander, die Mitarbeiter der beiden Behörden seien rund um die Uhr zu erreichen, auch an den Ostertagen, lobt Rohrmüller. „Die Arbeit zwischen dem Landratsamt und dem Pflegeheim verläuft vorbildlich. Wir sind im täglichen Kontakt und arbeiten hier eng zusammen, um den Betrieb aufrechterhalten zu können und die Versorgung der Bewohner zu sichern“, bestätigt auch Ina Krug.

Hilfeschrei
wird gehört

Deswegen verhallte der Hilfeschrei am Karfreitag nicht ungehört. „Mitarbeiter des Landratsamtes waren im Alten- und Pflegeheim Priental, um sich persönlich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Um das Pflegepersonal zu entlasten, wurden daraufhin fünf Bewohner in Krankenhäuser verlegt“, so Ina Krug. „Aktuell arbeiten wir daran, das Personal im Pflegeheim mit Personal aus dem Pflegepool aufzustocken.“

Behörde sieht
keine Notwendigkeit

Die Notwendigkeit, das Seniorenheim Priental zu schließen, sehe das Landratsamt nicht. Bisher wurde nur ein Heim geschlossen, und zwar das Alten- und Pflegeheim St. Lukas in Bad Feilnbach, da dort die Versorgung der Bewohner nicht mehr gewährleistet werden konnte (wir berichteten). Das sei in Aschau nicht der Fall.

Das Personal des Seniorenheimes ist nicht nur physisch an der Grenze der Belastbarkeit angekommen. Es herrscht auch emotionaler Ausnahmezustand. „Wir kennen die Bewohner seit Jahren, kümmern uns um sie und können so verdammt wenig tun, wenn sie jetzt krank werden oder sterben. Das tut unheimlich weh“, erzählt Rohrmüller. „Jeder von uns verzieht sich mindestens einmal am Tag zum Weinen.“

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