Empörung über Piazolos „Bettelbrief“

von Redaktion

Pensionierte Lehrer erhalten derzeit Briefe vom Bayerischen Kultusministerium. Aufgrund des akuten Lehrermangels werden sie gebeten, freiwillig ihren Dienst wieder aufzunehmen. In der aktuellen Situation ärgert das viele Pensionäre in der Region. Sie zählen zur Risikogruppe.

Neubeuern/München – Irgendwas zwischen Entsetzen und Belustigung – so beschreibt Sylvia Perner das Gefühl beim Lesen des Briefs vom Kultusministerium. Die pensionierte Grund- und Mittelschullehrerin aus Neubeuern ist 70 Jahre alt. Am 7. April bekam sie einen dreiseitigen Brief, unterschrieben vom bayerischen Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). 1400 Vollzeitstellen (Stand Januar 2020) bleiben für das kommende Schuljahr 2020/2021 in Bayern an den Grund-, Mittel- und Förderschulen unbesetzt. Deswegen kontaktiert das Kultusministerium derzeit pensionierte Lehrer bis 70 Jahre und bittet sie, wieder in den Schuldienst einzutreten. Und das mitten in der Corona-Krise.

Kultusministerium
in schweren Nöten

„Auch andere Kollegen haben diesen Brief bekommen und sind entsetzt“, sagt Sylvia Perner. Dass Lehrer händeringend gesucht werden, ist nichts Neues für die 70-Jährige. „Die sind in schweren Nöten. Vor einem halben Jahr hätte ich das vielleicht gemacht. In der aktuellen Situation nicht.“ Schließlich würde sie sich selbst und ihren Ehemann einem erhöhten Ansteckungsrisiko aussetzen. „Ich habe, bis ich mit 65 in Rente gegangen bin, meine Arbeit gerne gemacht“, stellt sie klar. Auch abgesehen von der Corona-Krise findet sie es „irgendwie unpassend“, in ihrem Alter wieder zu unterrichten.

Dass Pensionäre in ihrem Alter aber gerade jetzt angeschrieben werden, dafür hat sie kein Verständnis. „Meine Enkelkinder dürfen mich nicht besuchen. Ältere zählen in der Pandemie zu den Risikogruppen. Das ist ein totaler Widerspruch“, sagt sie.

Bis zum 10. Mai fordert das Kultusministerium eine Rückmeldung von den Pensionären. Sylvia Perner hat bereits geantwortet. „Ist das das neue Programm, um die Pensionskasse zu entlasten? Wollen Sie damit das sozialverträgliche Frühableben einläuten?“, hat sie an den Kultusminister geschrieben. Mit einer Antwort auf ihren Brief rechnet sie nicht.

Besonders ärgert sie die ihrer Ansicht nach misslungene Planung. „Den Mangel hat sich die Politik selbst zuzuschreiben. Jahrelang lag der Schnitt für die Einstellung von jungen Lehrern bei 1,9. Alle anderen hatten keine Chance.“ Dann, als auf einen Schlag viele Grund- und Mittelschullehrer in Rente gingen, fehlten die Lehrer. Zudem müsse der Beruf attraktiver gestaltet werden. Denn Grund- und Mittel-schullehrer unterrichten planmäßig fünf Stunden pro Woche mehr, bekommen dafür aber weniger Geld. „Ist doch klar, dass viele junge Menschen lieber Gymnasial- oder Realschullehramt studieren“, sagt Sylvia Perner.

Auch Renate Brunner, ehemalige Mittelschullehrerin aus Neubeuern, hat Anfang April den Brief vom Kultusministerium erhalten. „Das ist eine Unverschämtheit“, sagt sie. Früher habe man bei den jungen Lehrern „ausgesiebt ohne Ende“, der Druck sei zu hoch gewesen. Warum man in dieser Situation nicht auf Studenten in den höheren Semestern zurückgreife – wie aktuell mit den Medizinstudenten –, sondern auf Rentner, versteht sie nicht.

Kürzlich habe sie ihren 70. Geburtstag alleine mit ihrem Mann feiern müssen. Der Familienbesuch fiel ins Wasser. Wie die Sicherheitsvorkehrungen aussehen sollen, unter denen die pensionierten Lehrer künftig unterrichten sollen, kann sie nicht erahnen. „Ich kann mir nicht vorstellen, mit Mundschutz vor einer Klasse zu stehen. Wie soll das funktionieren?“, fragt sie.

Eine weitere Kollegin von Sylvia Perner, die lieber anonym bleiben möchte, wurde vom Kultusministerium kontaktiert. 42 Dienstjahre hat die 69-Jährige aus dem Landkreis hinter sich. „Damit habe ich meine Pflicht erfüllt“, sagt sie. Sie habe Verständnis für den Aufruf des Kultusministeriums, man hätte damals aber vorausschauender planen müssen. Mit 69 Jahren habe sie heute nicht mehr die Kraft, eine Klasse zu unterrichten. „Aber ich bin mir sicher, dass es einige Kollegen gibt, die gerade erst in Rente gegangen sind, die das gerne machen.“ Dass man keine Quereinsteiger einstellen möchte, findet die 69-Jährige gut. Der Beruf erfordere mehr als nur Fachwissen. Mit Kindern zu arbeiten, das könne nicht jeder. Dafür müssen Lehrer eine pädagogische Ausbildung und zwei Jahre Referendariat absolvieren.

Zweifel
an der Idee

In einem weiteren Punkt zweifeln alle drei Lehrerinnen an dem Plan des Kultusministeriums: In dem Schreiben steht, dass es sich Pensionäre aussuchen könnten, an welcher Schule sie wieder unterrichten wollen. Mit dem Vorbehalt, auch woanders eingesetzt zu werden. „Das wird nicht funktionieren“, sagt Sylvia Perner.

Das Kultusministerium bestätigte auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen, dass „zur Sicherung der Unterrichtsversorgung an bayerischen Grund-, Mittel- und Förderschulen für das Schuljahr 2020/2021 eine Kombination aus verschiedenen dienstrechtlichen Maßnahmen und freiwilligen Beiträgen der Lehrkräfte umgesetzt wird“. Dazu gehöre auch eine mögliche Rückkehr von Pensionären.

„Es handelt sich um ein freiwilliges Angebot an ehemalige Lehrkräfte, die sich für ihre Schülerinnen und Schüler noch engagieren und etwas hinzuverdienen wollen“, heißt es vonseiten des Kultusministeriums. Erste Rückmeldungen zeigten, dass es einige Lehrkräfte gibt, die daran Interesse hätten. „Ein möglicher Einsatz im Schuldienst müsste – abhängig vom Infektionsgeschehen zum Beginn des Schuljahres – selbstverständlich unter Berücksichtigung des Infektionsschutzes erfolgen.“

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