Amerang/Rosenheim/Samerberg – Der Mai ist traditionell der Mähstart der Landwirte – und der Tag, an dem viele Rehkitze zum ersten Mal in Lebensgefahr geraten. Denn die frisch geborenen Jungtiere, die noch keinen Fluchttrieb haben, sind dem Mähwerk gnadenlos ausgeliefert. 90 Kitze hat die Wildtierhilfe Amerang im vergangenen Jahr vor dem Tod bewahrt, jetzt geht die Lebensrettung mit noch mehr Helfern und noch größerem Einsatzradius weiter – trotz Corona-Auflagen.
Noch einmal ausschlafen hieß es in den vergangenen Tagen für die 30 Helfer rund um die Vorsitzende Marie-Theres Schurrer, denn bis Juli werden sie um 4 Uhr vom Wecker aus dem Bett geklingelt. Dann geht es in der Morgendämmerung hinaus aufs Land: Wiesen mit Drohnen abfliegen, Kitze per Wärmebildkamera aufspüren und in Sicherheit bringen.
Bambi-Feuerwehr
mit zweiter Drohne
Heuer ist die Bambi-Feuerwehr nicht nur im Raum Amerang-Wasserburg unterwegs, sondern auch im Bereich Rosenheim-Samerberg – dank einer zweiten Drohne, die aufgrund einer erfolgreichen Crowdfunding-Aktion der Volksbank Raiffeisenbank Rosenheim-Chiemsee angeschafft werden konnte. Drohne, Wärmebildschirm, Batterien, Stativ, Walkie-Talkie, Transportkoffer: Eine solche Ausrüstung kostet 9000 bis 10000 Euro, „großzügig gespendet von Tierfreunden aus der Region“, so Schurrer. Der Vorsitzenden der Wildtierhilfe Amerang macht die große Spendenbereitschaft Mut: „Das Bewusstsein für die Tiere und ihre Verletzlichkeit ist gewachsen“, stellt sie fest. Weitere Verbündete im Kampf gegen den Mähtod sind die Landwirte und Jäger, die sich bereits im ersten Jahr des Drohneneinsatzes an den Verein wandten, um Mähorte zu melden. Ab sofort dürfen Bauern und auch Jäger kritische Bereiche, in denen sich nach ihren Erfahrungen oft Jungtiere aufhalten, mitteilen, damit die Drohnenpiloten die Flugrouten schon vorprogrammieren können. Spätestens einen Tag vor dem Mähen wird dann der Einsatz durchorganisiert.
Er steht heuer unter besonders schwierigen Rahmenbedingungen: Die Helfer müssen zueinander Abstand halten. Sie gehen nach Richtlinien des Bayerischen Jagdverbandes auf die Suche nach Kitzen – in zwei getrennten Teams, wie Schurrer erläutert. Der Pilot fliegt die Drohne, deren Wärmebildkamera ein im hohen Gras liegendes Jungtier aufspürt. Der Standort wird auf einer GPS-Karte markiert. Dann rückt das Bergungsteam nach und trägt – in ausreichendem Abstand zueinander – die Tiere an den Wiesenrand. Nach der Mahd werden sie wieder freigelassen. Die beiden Teams begegnen sich nicht, erläutert die Vorsitzende der Wildtierhilfe die neuen Abläufe.
Rehkitzrettung ist ohnehin anstrengend, berichtet sie: Die Helfer schlagen sich durch hohes, feuchtes Gras im Morgengrauen durch Richtung Kitz, dürfen es nur mit Handschuhen anfassen und arbeiten dabei wie ein Uhrwerk, bei dem jedes Rädchen in das nächste greift. Das erfordert eine gute Kondition und Konzentration. Jetzt kommen noch Auflagen zum Schutz vor Ansteckung hinzu.
Bereits das Training der neuen Helfer war eine Herausforderung. Anfang März konnten die Pilotenschüler noch am Objekt üben, wenige Tage später war es nicht mehr erlaubt, den Experten über die Schulter zu schauen. Telefonisch, per Videokonferenz oder Mail gingen die Schulungen weiter. „Das war viel mühsamer“, erinnert sich Marie-Theres Schurrer. Hinzu kamen Lieferschwierigkeiten bei der zweiten Drohne: Ihre elektronische Ausrüstung kommt aus China, einem Land, in dem noch bis vor Kurzem das Leben aufgrund der Pandemie stillstand. Schon vor Beginn der Rettungssaison hieß es also für die Ehrenamtlichen: unter ungewöhnlichen Umständen schulen, trainieren, planen, um verkünden zu können: „Wir treten an – coronakonform“. Warten oder pausieren: Das kam für die Wildtierhilfe nicht infrage, denn fast jeder Flug war 2019 ein Rettungserfolg. Derzeit besteht die größte Gefahr für die Kitze: Sie sind gerade erst auf der Welt, rühren sich bis zum Alter von etwa vier Wochen nicht vom Fleck – an den Platz, an dem sie die Mutter abgesetzt hat.
2019 fast jeder Flug
eine Lebensrettung
Die Neugeborenen flüchten nicht. Der typische Wildgeruch hat sich noch nicht entwickelt, sodass auch Suchhunde die Bambis nicht aufspüren können. Ältere Kitze springen zwar schon auf, wenn Gefahr droht, geraten jedoch ebenfalls schnell in das bis zu zwölf Meter breite Mähwerk, das für sie im hohen Gras viel zu schnell unterwegs ist, warnt Schurrer.
90000 Jungtiere, so schätzt die Deutsche Wildtierstiftung, fallen alljährlich den Mähmaschinen zum Opfer. Schurrer, die in Amerang auf dem Land lebt, kennt die Schreie der verletzten Kitze, weiß, wie qualvoll die Tiere sterben. Damit dies nicht länger geschieht, stehen sie und ihre Mitstreiter ab sofort gerne um 4 Uhr morgens auf.