Wasserburg/Traunstein – Er hörte Engelsstimmen, meinte auf Befehl Gottes zu handeln: Der 50-jährige Rosenheimer, der am frühen Morgen des 17. November 2019 Feuer im Inn-Salzach-Klinikum Gabersee legte, musste sich gestern in Traunstein verantworten: wegen versuchten Mordes in 28 Fällen, Brandstiftung und Körperverletzung, begangen im Zustand der Schuldunfähigkeit. Richter Erich Fuchs verfügte die Einweisung in eine psychiatrische Klinik.
Die Tat hatte eine lange Vorgeschichte. Der 50-Jährige fühlte sich verfolgt, hielt sich irgendwann für Jesus. Man hörte von Suizidversuchen, von einer Sachbeschädigung. Für einige Wochen war er in einer geschlossenen Station im Inn-Salzach-Klinikum untergebracht. Wenige Wochen danach griff er dort eine Schwesternschülerin an und verteilte Benzin im Raum, das er aber nicht anzündete. Eine Tat, für die man ihn sieben Jahre lang in der Forensik unterbrachte.
Täter ging von Inhaftierung aus
Wie seine Geschichte nach dem erneuten Anschlag 2019 weitergehen würde, war dem Täter offenbar schon zu Beginn der Verhandlung klar. Er sei davon ausgegangen, erwischt und inhaftiert zu werden und in der geschlossenen Abteilung zu bleiben. „Sie gehen davon aus, dass Sie in Gabersee sterben werden?“, fragte der Vorsitzende. „Ja“, sagte der Beschuldigte, und zwar mit „fremder Hilfe“. Er meinte damit, dass ihn jemand töten werde. Aber, so sagte er, er fühle sich zufrieden. „Jetzt habe ich endlich meine Ruhe.“
Entspannt ruhte er in seinem Stuhl, die Unterarme auf die Lehne gelegt. Es fiel schwer, sich in dem Mann vor Gericht den Täter vorzustellen, der ein halbes Jahr zuvor an der Tür der Station geklingelt und den Pfleger überrumpelt hatte. Mit Benzin hatte er sein Opfer übergossen, ihm angekündigt: „Jetzt seid ihr dran.“ Auf die Frage des Pflegers, ob die Flüssigkeit Benzin sei, soll der 50-Jährige geantwortet haben: „Natürlich ist das Benzin, ich zünde Euch alle an.“ Der Pfleger hatte Glück. Geistesgegenwärtig löste er Alarm aus und brachte sich in Sicherheit.
Dem Gewaltakt war eine 25 Jahre währende lange Leidensgeschichte vorangegangen. Der 50-Jährige leidet unter paranoider Schizophrenie, sagen die Ärzte. Sein Leiden sei jener Auftrag gewesen, den ihm Gott erteilt habe, behauptet hingegen der Täter.
Der Rosenheimer, ein kräftiger Mann mit kurzem Haar, in Jeans und olivgrünem Pullover, schilderte mit ruhiger Stimme, wie ihn vier Engel heimsuchten und ihm den „Auftrag des Herrn“ übermittelten: Er müsse die Station anzünden. Er habe gezögert, sich gar gefürchtet, den Auftrag auszuführen, die Wesen aber hätten keine Ruhe gegeben. Wenn er nicht gehorche, gehe es „runter“, hätten die Engel gedroht. „Runter“, damit meint der 50-Jährige die Hölle.
Der „Herr“ drohte
ihm mit der Hölle
Eines Nachts sei er aufgewacht, von einem Schlag an seinem Kopf. Er habe gespürt, wie innen im Kopf „das Blut ausgelaufen“ sei, sagte er, es habe sich angefühlt wie ein Schlaganfall. Für ihn war es eine überzeugende Drohung „des Herrn“. Einige Wochen vor dem Anschlag stellte er seinen Alkoholkonsum ein, er habe das Bier nicht mehr vertragen, sagte er. 2008 habe er nur auf Weisung von oben gehandelt, dabei aber so Angst gehabt, dass er nicht einmal ein Feuerzeug mitgenommen habe. Elf Jahre später kam er wieder, diesmal ausgerüstet mit einem Fünf-Liter-Kanister mit Benzin und zwei Feuerzeugen. Mir war klar, dass das gefährlich ist, dass da auch Leute sterben können.“ Aber er fürchtete, wieder in die Hölle geschickt zu werden. Es gebe da einen schönen Platz, sagten ihm die Engel, und es gebe einen weniger schönen Platz. „Und ich sei ein Kandidat für den weniger schönen Platz.“ Also entfachte er in der bekannten Station ein Höllenfeuer, das einen massiven Rauch entwickelte.
Der Pfleger hatte Benzin in die Augen bekommen, er musste für drei Tage ins Krankenhaus, verlor für weitere Tage das Augenlicht. Ein Kollege löschte offenbar das Feuer. 26 Patienten aus der betroffenen Station und der Nachbarstation mussten evakuiert werden. Was den Angriff ausgelöst haben könnte? Der Beschuldigte hatte vor der Tat die Einnahme der Medikamente beendet, weil die sich mit Alkohol nicht vertragen hätten. Diese Absetzung habe einen neuen Schub ausgelöst, vermutet der Gutachter Klaus Neudecker.
Der 50-jährige Rosenheimer war kurz nach der Tat offenbar durch einen Hinweis der Jahre zuvor betroffenen Frau ins Visier der Polizei geraten. Gegen ihn führte die Antragsschrift einiges an. Wie er, mit Ortskenntnis und Erfahrung ausgestattet, vorgegangen war, beispielsweise mit dem Brand versucht hatte, den Bewohnern der Station den Fluchtweg abzuschneiden, wurde ihm schwer angelastet. Der Rosenheimer sei heimtückisch vorgegangen, er habe vorgehabt, 28 Menschen zu töten. Dabei blieb Staatsanwalt Oliver Mößmer.
Anschlag mit
Insiderwissen
Gegen die Menschen habe er nichts gehabt, die Station sei sein Auftrag gewesen. Er habe die Gefährdung der Bewohner „zähneknirschend“ und nicht etwa „billigend“ in Kauf genommen, sagt der Rosenheimer. Vor fünf Jahren war er nach einer günstigen Prognose aus dem Maßregelvollzug entlassen worden. Dazu kommt es nun so schnell nicht mehr. Auch, weil nach Auskunft des Gutachters ohne Medikation jederzeit wieder neue Schübe auftreten könnten, bleibt der Rosenheimer auf unabsehbare Zeit in der psychiatrischen Klinik. Richter Erich Fuchs sah überhaupt keine Chance für eine Bewährung und wies auf die große Gefahr hin, sobald der Rosenheimer seine Medikamente nicht mehr nehme.
Verteidiger Harald Baron von Koskull hatte nichts mehr ausrichten können. „Mein Mandant weiß, was auf ihn zukommt“, sagte er und beließ es dabei. Alle Parteien haben bereits auf Revision verzichtet.