Brannenburg – Wer eine Reise tut, der kann was erzählen. Und sei es, wie sich die Welt zu Hause doch ändert, kaum ist man mal ein paar Wochen weg. So wie Udo Zöphel (55). Zu seiner jüngsten Reise brach er auf, lange bevor der erste Corona-Fall in China festgestellt wurde. Kürzlich kam er zurück, in eine Welt, die in der Zwischenzeit eine andere geworden war. Eine Welt im Griff der Corona-Pandemie.
Drei Monate in
Dunkelheit und Eis
Zöphel verbrachte über vier Monate nicht weit weg vom Nordpol, in Dunkelheit und Eis. Jetzt sitzt er in Brannenburg, in einem strahlenden oberbayerischen Bilderbuchfrühling. Und manchmal sinniert er, ob er nicht besser im höchsten Norden geblieben wäre. Das tut er aber nur ganz kurz, am Ende unseres Gesprächs. Udo Zöphel, aufgewachsen in Rosenheim, ist eigentlich kein Melancholiker, sondern ein Mensch mit Unternehmungsgeist, dem das Herumsitzen und die Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit gleichermaßen auf den Geist wie auf den Geldbeutel geht. Zöphel führt seine Kundschaft in arktische und antarktische Gefilde, als Expeditionsleiter und Guide.
Arbeit bei
minus 40 Grad
Doch eine Reise wie diese hatte auch er noch nicht absolviert. Udo Zöphel arbeitete für das Alfred-WegenerInstitut auf der „Polarstern“, dem Flaggschiff der deutschen Polarforschung. Seine Mission: Zusehen, dass bei MOSAiC alles läuft, bei der größten Arktisexpedition der Geschichte. „Ich war für Logistik und Sicherheit zuständig“, sagt Zöphel. Dafür also, dass die richtige Ausrüstung am richtigen Ort bereitsteht. Und auch dafür, dass niemand ins eiskalte Wasser stürzt. Oder – womöglich noch gefährlicher – dass sich ein Eisbär an Wissenschaftler anpirscht. Einer tappte in die Fotofalle, als er sich des Nachts die Messgeräte näher besah. Insgesamt lief alles glatt, „alles war bestens vorbereitet“, sagt Zöphel, nur einmal rutschte jemand bis zur Hüfte ins Wasser.
Für seinen Job nimmt Zöphel Umstände auf sich, an die sich Otto Normaleuropäer erst mal gewöhnen müsste. Das Leben auf einem Eisbrecher, vollgepackt mit Menschen und Material, der Job in Dunkelheit und klirrendem Frost: vermutlich nicht jedermanns Sache. Für Zöphel wohl so was wie artgerechte Haltung. Von 7.30 Uhr an gibt es Frühstück, überraschend reichhaltig, stellt man in Rechnung, dass die nächste Siedlung 1000 Kilometer entfernt ist. „Dann kleidet man sich an, das dauert eine halbe Stunde, wenn du einigermaßen geübt bist.“ Immerhin legt man mindestens drei dicke Schichten übereinander, um sich gegen die tödliche Kälte zu wappnen. „40 Grad minus hat es dort durchschnittlich im Winter“, erzählt Zöphel, „mit Windchill-Faktor fühlt sich das an wie minus 60.“
Dort, wo die Forscher „Polarstern“ einfrieren lassen, auf dass die arktische Drift das Schiff bewegt, kostet ein Job Ausdauer. „Es gibt Forschungshütten“, sagt Zöphel, „aber ansonsten bist du draußen. Ein Bärenwächter ohnehin. Tja, und ab der dritten Stunde wird es wirklich kalt.“ Dann geht’s wieder aufs Schiff, Mittagessen, Kaffee, Plaudern. Dann die nächste Runde draußen.
Faszination einerMondlandschaft
Wieder zurück auf der „Polarstern“ konnte man ein Bier mit den anderen trinken. „Aber am Abend hat man gar nicht so viel Antrieb, Party zu machen, da bist du einfach fertig.“ So verging Tag für Tag, vielleicht aufgelockert durch Besuche im Fitnessraum oder im Schwimmbad. „Es gibt auch einen Kicker, im Meetingraum werden Filme gezeigt“, sagt Zöphel. Er zog sich meist in die Koje zurück, zum Lesen: „Nur auf Englisch – das ist die Bordsprache.“
Seine Eindrücke – kaum in Worte zu fassen, selbst für einen Veteranen wie ihn. „Diese unwirkliche Welt“, sagt er. „Mit der Dunkelheit um dich rum und dem Licht deiner Stirnlampe oder vom Schiff hast du das Gefühl, du bist auf dem Mond.“ Eine fesselnde Atmosphäre, „nicht eine Minute langweilig“. Jeden Winter und jeden Sommer sei er unterwegs, auch auf Grönland oder Spitzbergen. „Jetzt waren wir nur auf einer Eisscholle, mehr nicht – aber der Eindruck ist gewaltig.“
80 Tage Dunkelheit und Zwielicht. Und dann schlich sich Unsicherheit ein. Weil die Nachrichten aus der Welt ihren Weg auch an Bord der „Polarstern“ fanden. Menschen aus 20 Nationen sind an Bord, jeder fühlte sich unterschiedlich betroffen. „Ab Ende Januar kam das Thema auf, und dann kamen immer mehr Berichte, aus Italien, aus Frankreich, aus China, aus den USA.“ So machte er sich auf den Heimweg in die Fremde, nicht sicher, was ihn dort erwarten würde. Auch ganz und gar nicht sicher, wie er überhaupt zurückkommen würde. Der Eisbrecher, der ihn und andere aus dem Team zurückbringen sollte, brauchte lang, „der kam an manchen Tagen nur 15 Kilometer weit“. Man konnte sich ausrechnen, wie lange der Sprit dem Ablöse-Eisbrecher auf dem Rückweg reichen würde.
Eisbrecher aus
Russland geschickt
Doch die Russen schickten dem Schiff ein anderes entgegen. So kam Udo Zöphel irgendwann nach Hause. Und fragt sich, wie das werden soll. „Ich hatte mir gedacht, dass es Zeit wird, nach Hause zu kommen. Ich leb ja gerne hier.“ Einerseits. Auf der anderen Seite: „Jetzt bin ich arbeitslos. Wann ich wieder fahren kann, weiß ich nicht.“ Es wäre besser, auf der „Polarstern“ geblieben zu sein, sagt er also, „es ist ja auch der coronasicherste Ort überhaupt.“
Wenn er dann irgendwann wieder reisen kann, dann wird er vielleicht feststellen, dass sich auch das Reich des ewigen Eises verändert hat. Markus Rex, Leiter der MOSAiC-Expedition, gewann mit seinem Team viele Erkenntnisse. Unter anderem diese: „Am Nordpol schmilzt das Eis doppelt so schnell wie anderswo.“