„Eltern fühlen sich oft alleingelassen“

von Redaktion

Interview Elternverbands-Chef Martin Löwe zieht Bilanz über die Corona-Krise

Rosenheim – Die Kontaktbeschränkungen durch Corona führen nach wie vor zu Problemen in vielen Familien. Der Bayerische Elternverband hat sich in einem offenen Brief an die Staatsministerin für Familie, Carolina Trautner, sowie an Innenminister Joachim Herrmann gewandt. Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Elternverbandes, dem Rosenheimer Martin Löwe, über die Situation der Eltern in der Region und über Missstände, die die Elternvertretung insbesondere dem Kultusministerium vorhält.

Herr Löwe, sind Sie zufrieden mit dem Handeln der Landesregierung in der Corona-Krise?

Wir sind zufrieden, was das Handeln der Staatsregierung in Bezug auf den Gesundheitsschutz angeht. Was das Kultusministerium betrifft, sind wir weniger zufrieden. Besonders in Bezug auf die Informationspolitik des Ministeriums – spärlich und sehr kurzfristig. Da geht es den Lehrern ähnlich.

Es heißt oft, Kinder seien die Verlierer der Krise. Wie sehen Sie das?

Kinder haben natürlich in mehrfacher Hinsicht gelitten. Sie haben ein ganz natürliches Bedürfnis nach Kontakt. Auch wenn das hygienisch gesehen gerade nicht sinnvoll ist. Seelisch ist es eine Beeinträchtigung. Speziell bei Schulkindern muss man differenziert betrachten. Gerade die Grundschüler haben in der Krise wenig Kontakt zu ihren Lehrern. Bei den weiterführenden Schulen gibt es mehr Kontakt und die tun sich da sicher leichter. Es hängt außerdem sehr stark vom Elternhaus ab: Das beginnt bei der Ausstattung von Geräten. Viele Eltern sehen sich auch in die Rolle des Ersatzlehrers gedrängt. Da sind die bildungsferneren Schichten im Nachteil.

Soziologin Jutta Allmendinger spricht davon, dass wir durch Corona einen Rückschritt machen in Bezug auf die Rolle von Frauen. Stimmen Sie Ihr zu?

Es gibt unterschiedliche Meinungen im Verband. Ich persönlich erlebe es so, dass Kinder oft zuerst nach der Mutter fragen und auch aus diesem Grund sich derzeit besonders die Mütter kümmern.

Was halten Sie von Entschädigungsleistungen, die die Regierung anbietet, wenn Eltern nicht arbeiten können, weil sie ihre Kinder betreuen müssen?

Dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt, war mir nicht bekannt und überrascht mich. Das ist zu wenig kommuniziert worden. Und natürlich auch nicht für jedermann die optimale Lösung. Bei einem geringen Einkommen wird’s eng.

Die FDP fordert Lohnfortzahlung, wenn Eltern ihre Kinder betreuen. Im öffentlichen Dienst ist das bereits jetzt der Fall. Würden Sie eine solche Lösung befürworten?

Bevor Eltern in prekäre Situationen kommen, in denen die Kinder leiden, wäre so eine Lösung definitiv gut.

Seit gestern haben weitere Schulen geöffnet. Findet das Vorgehen des Freistaats Ihre Zustimmung?

Gesundheitsschutz geht vor. Daher sind wir nicht für eine überhastete Öffnung. Es ist richtig, dass die Abschlussklassen beginnen. Alle anderen Jahrgangsstufen sollten nach Machbarkeit zurückkehren. In den Rosenheimer Grundschulen sind zum Beispiel die sanitären Anlagen nicht unbedingt so, dass sie den Infektionsschutz garantieren können. Dass Grundschüler Abstände einhalten, das stelle ich mir sehr schwierig vor. Andererseits sehe ich, dass es gerade für diese Gruppe wichtig ist, wieder die Schulfreunde und den Lehrer zu sehen. Man wird es wahrscheinlich nicht jedem recht machen können. Wir raten zu Vorsicht und Abwägung.

Welche konkreten Möglichkeiten sehen Sie?

Fernbeschulung klappt bei einigen Schülern sehr gut. Eine Möglichkeit wäre, keinen verpflichtenden Präsenzunterricht anzubieten, sondern zweigleisig zu fahren. So könnten die, die lieber von zu Hause aus lernen, daheim bleiben. Wer lieber die Schule besucht, sollte das ebenfalls tun können. Organisatorisch ist das sicher eine Herausforderung.

Welche Betreuungsengpässe gibt es derzeit im Raum Rosenheim?

Von unseren Rosenheimer Mitgliedern habe ich keine Hilfeschreie gehört. Die Notbetreuung hat wohl gut geklappt. Die ist ja auf Angehörige der systemrelevanten Berufe beschränkt, von daher ist es schwierig, den tatsächlichen Bedarf zu schätzen. Ich rate Eltern, die nicht den systemrelevanten Berufen angehören und dringenden Betreuungsbedarf haben, mit Schule oder Hort in Kontakt zu treten.

Wie werden sich die Pfingst- und Sommerferien auf Eltern und Kinder auswirken?

Die Ferienzeiten sind ein Problem für viele Eltern, weil der Jahresurlaub aufgebraucht ist. Die Staatsregierung hat in Anerkennung dieses Problems bereits beschlossen, die Notbetreuung der Schulen und Kitas aufrechtzuerhalten. Wir fordern in diesem Zusammenhang die Ausweitung des zur Notbetreuung berechtigten Personenkreises, bestenfalls für alle Eltern.

Welche Anfragen und Rückmeldungen erhalten Sie von Eltern ?

Wir haben eine bayernweite Umfrage zur Fernbeschulung gemacht. Die Rückmeldung ist breit gefächert. Viele Eltern fühlen sich von der Schule alleingelassen, gerade vor Ostern gab es kaum Kontakt. Als die Fernbeschulung in die Verlängerung ging, sollte nach Anweisung des Kultusministeriums auch neuer Stoff vermittelt werden. Dies hatte zur Folge, dass es zum Teil überzogene Arbeitsaufträge gab. Andererseits bekommen wir aber auch Rückmeldungen, dass der Fernunterricht gut funktioniert. Die Klagen über ein scheinbar nicht zu bewältigendes Arbeitspensum, das Durcheinander der digitalen Plattformen und Transportwege, fehlende Strukturierung, die Kosten für das Ausdrucken der Arbeitsblätter, die bloße Digitalisierung von Papier und das Fehlen wirklich interaktiver und individueller Lernangebote überwiegen jedoch. Irgendwie kriegen die Eltern es hin, aber mit zunehmender Dauer wachsen die Spannungen in den Familien.

Stichwort Spannungen. Wie schätzen Sie die Situation für Kinder und Jugendliche in der Region ein, die bereits vor Corona vom Jugendamt betreut wurden oder in schwierigen Situationen waren?

Unseres Wissens werden die bestehenden Fälle betreut, obwohl die Arbeit der Jugendämter eingeschränkt ist. Problematisch ist jedoch, dass die Kitas und Schulen als die Augen und Ohren des Jugendamtes ausfallen.

Die Grünen haben kritisiert, die Stadt ließe es so aussehen, als ob die Asylbewerber für die hohe Zahl an Infektionen verantwortlich seien.

Die Kommune ist für ihre Unterkünfte verantwortlich. Das den Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben, halte ich gelinde gesagt für unredlich. Und politisch sehr durchschaubar. Und was die „Notbremse“ angeht: Es ist unredlich, die Flüchtlinge aus der Statistik herauszurechnen. Was geschieht eigentlich, wenn der Wert überschritten wird und eine Kommune nicht der Verpflichtung nachkommt, die Notbremse zu ziehen?

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Kinder mit einer Behinderung aus?

Viele Kinder mit einer Behinderung haben einen Schulbegleiter. Da gab es zwar seitens der Staatsregierung eine Ansage, dass diese die Kinder auch zu Hause beim schulischen Lernen unterstützen können, aber manch freier Träger hat sich dem verwehrt. Man kann nur mutmaßen, ob es um Schutz der Mitarbeiter geht oder um eine Kosteneinsparung. Wir sehen mangels Unterstützung die Gefahr, dass diese Kinder aus der notwendigen sozialen und pädagogischen Kontinuität herausgleiten. Aus diesem Grund fordern wir, dafür zu sorgen, dass nun alle Schulbegleiter, unabhängig vom Träger oder Arbeitgeber, ab sofort ihre Arbeit wieder aufnehmen. Sei es zu Hause bei den Kindern oder im wieder anlaufenden Präsenzunterricht.

Welchen Rat haben Sie für Eltern, die arbeiten und keinen Anspruch auf eine Notbetreuung haben? Wohin können sie sich in der Region wenden?

Für diese Eltern fordern wir eine Ausweitung der Notbetreuung. Diese Eltern sollten sich nicht scheuen, sich an die Schule oder die Kita zu wenden, ob nicht doch eine Notbetreuung in Betracht kommt. Wenn es freie Kapazitäten gibt, sollte es auch Ausnahmen geben. Aber wenn nicht unbedingt die Notwendigkeit besteht, sollte man diese Möglichkeit auch nicht überstrapazieren.

Interview: Heidi Geyer

Umfrage zeigt Situation der Eltern

Der Bayerische Elternverband hat in einer Untersuchung 4021 Eltern zu ihrer Situation in der Corona-Krise befragt. Die Befragung fand online statt. Die meisten Eltern geben an, dass die Kinder ganz gut mit der Situation „Schule daheim“ zurechtkommen (38 Prozent). Der Aufwand für die Eltern ist hoch: laut einem Drittel der Befragten viel, für 22 Prozent gar sehr viel Aufwand.

Laut 60 Prozent der teilnehmenden Eltern findet kein interaktiver Unterricht statt, die Lehrer verteilen lediglich Arbeitsblätter. Knapp ein Viertel der Befragten gab an, dass der Unterricht über die Plattform mebis stattfindet. 70 Prozent der Eltern erhielten Arbeitsblätter per E-Mail, die sie dann ausdrucken müssen. Auch die Rückmeldung zu diesen Arbeitsblättern erfolgte bei 54 Prozent via E-Mail.

In 64 Prozent der Fälle erhalten die Kinder aus Sicht der Eltern eine klare und verständliche Aufgabenstellung, allerdings brauchen die Kinder Unterstützung: Nur 20 Prozent der befragten Eltern geben an, dass die Kinder die Aufgaben vollkommen selbstständig erledigen können. Die Mehrzahl, 56 Prozent, braucht Hilfe von den Eltern.

Viele Eltern sehen sich allerdings mit einer Erwartungshaltung seitens der Lehrer konfrontiert: 34 Prozent stimmen dieser Aussage zu, immerhin 35 Prozent stimmen teilweise zu. Nur 44 Prozent sehen sich auch in der Lage, diese Hilfe geben zu können.

52 Prozent der Eltern sind zufrieden mit der Informationspolitik. Allerdings haben die Eltern nur bedingt das Gefühl, dass den Schulen daran liegt, wie die Eltern zurechtkommen.

Bei einem Großteil der Eltern beschränkt sich die Kommunikation mit den Lehrern auf die Übermittlung von Arbeitsmaterial. Wobei viele Eltern angeben, dass Rückfragen möglich sind. Die Situation scheint aber sehr unterschiedlich von einzelnen Lehrkräften und Schulen gehandhabt zu werden.

Zwar haben 92 Prozent der befragten Eltern eine Internetverbindung zu Hause, 82 Prozent verfügen über einen eigenen Drucker.hgy

Artikel 10 von 11