Hotspot wegen Ischgl-Skifahrern?

von Redaktion

Bundesweit Schlagzeilen machte die Region zu Pandemiezeiten: als „Corona-Hotspot“. Eine Ursache könnten heimkehrende Skifahrer aus Tirol und Südtirol gewesen sein. Eine aktuelle Studie des IfW würde diese These stützen: je näher an Ischgl, desto höher die Infektionszahlen.

Rosenheim – Im März breitete sich das neuartige Coronavirus rasend schnell über ganz Europa aus. Auch in Stadt und Landkreis Rosenheim schnellten in der zweiten Märzhälfte die Infektionszahlen nach oben.

Theorien zur Verbreitung gibt es viele, regional wie überregional. Als eine „Superspreader-Location“ kristallisiert sich der Skiort Ischgl in Tirol heraus. Heimkehrende Skifahrer aus Ischgl könnten auch für eine ganze Reihe Infektionen in der Region Rosenheim eine Rolle gespielt haben.

Noch keine
Daten erfasst

Dieser Überzeugung ist auch das Staatliche Gesundheitsamt Rosenheim – doch belegbare Daten gibt es dazu noch keine. Das erklärt Sprecher Michael Fischer auf Anfrage. Denn: Sämtliche Daten zu den durchgeführten Tests seien bislang nur auf Papier festgehalten und statistisch noch nicht erfasst. „Es war einfach noch keine Zeit, die Unterlagen anzuschauen und auszuwerten“, bekennt Fischer. Das sei für die kommenden Monate geplant. „Denn das Thema interessiert uns natürlich selbst.“

Bereits mit Daten und Fakten befasst haben sich Mitarbeiter des IfW (Institut für Weltwirtschaft) mit Sitz in Kiel. Die „Trade Policy Task Force“ des IfW hat in einer empirischen Studie (Titel: „Après-ski: The Spread of Coronavirus from Ischgl through Germany“) Daten des Robert-Koch-Instituts aus den 401 deutschen Landkreisen ausgewertet und sieht damit die Bedeutung von Ischgl als „Ground Zero“ der deutschen Corona-Verbreitung untermauert. Fazit der Studie: Landkreise, die näher an Ischgl liegen, haben systematisch höhere Infektionsraten als weiter entfernte. „Schon ein um zehn Prozent kürzerer Anfahrtsweg nach Ischgl erhöht die Infektionsrate im Durchschnitt um neun Prozent“, sagt IfW-Präsident Gabriel Felbermayr.

Vergleich mit
Heinsberg

Zum Vergleich hätten sich die Forscher auch mit den ebenfalls stark von Corona betroffenen Regionen Heinsberg und Mulhouse/Grand-Est an der deutsch-französischen Grenze auseinandergesetzt, hätten aber keinen vergleichbaren geografischen Einfluss auf das Infektionsgeschehen in Deutschland empirisch nachweisen können. „Interessant ist vor allem auch, dass die Entfernung zu Ischgl im Laufe der Zeit für die beobachteten Fälle nicht irrelevant wird“, sagt Felbermayr. Das deute darauf hin, dass die Lockdown-Maßnahmen wirksam dazu beigetragen hätten, die Mobilität zu verringern und eine weitere Verbreitung des Virus in den deutschen Bundesländern zu verhindern. „Nach den anfänglichen Infektionen durch heimkehrende Skifahrer gab es keine weitere geografische Verbreitung.“

Die Region Rosenheim zählte, wie auch der Nachbarlandkreis Miesbach, Ende März/Anfang April zu den bundesweiten Corona-Hotspots mit überdurchschnittlich vielen Infizierten – neben den Landkreisen Heinsberg (Nordrhein-Westfalen) und Tirschenreuth (Oberpfalz).

Während in Heinsberg die Verbreitung auf eine Karnevalsveranstaltung zurückzuführen ist und man in Tirschenreuth das dortige Starkbierfest mitverantwortlich macht, stehen bislang für Stadt und Landkreis Rosenheim nur verschiedene Thesen und Vermutungen im Raum. Spekuliert wurde auch in Rosenheim bereits, ob der – entgegen der Empfehlung des Gesundheitsamtes durchgeführte – Starkbierfest-Auftakt in der Inntalhalle (6. März) eine Rolle hinsichtlich des Infektionsgeschehens gespielt haben könnte (wir berichteten). Eine Bestätigung hierfür blieb bislang aus.

Gesundheitsamt
zur Ischgl-These

Und Ischgl, das von Rosenheim nur gut 200 Kilometer entfernt liegt und in knapp drei Stunden Autofahrt bequehm zu erreichen ist? „Auch Ischgl ist eine These, wir können das bis jetzt weder belegen noch widerlegen“, erklärt dazu Gesundheitsamtssprecher Fischer.

Dem kann sich der Sprecher der Stadt Rosenheim, Thomas Bugl, nur anschließen: Ein Zusammenhang wäre vorstellbar und es habe auch einzelne Hinweise auf Ischgl-Rückkehrer gegeben – doch konkrete Daten fehlten bislang.

Nur so viel weiß man bereits: Die ersten Covid-19-Fälle, die im Raum Rosenheim auftraten, waren auf heimkehrende Skifahrer aus Südtirol zurückzuführen. „Danach sind die Zahlen explodiert“, erklärt Fischer. Fall Nummer 1 im Zuständigkeitsbereich des Rosenheimer Gesundheitsamtes war im Übrigen ein 55-jähriger Mann aus dem Landkreis. Sein positives Testergebnis ist auf den 29. Februar datiert. Sein Krankheitsverlauf: vergleichsweise milde.

Drei Monate später, Stand 27. Mai, sind insgesamt 2770 Infizierte registriert, darunter 208 Todesfälle. Den ersten Corona-Toten hatte die Region am 20. März zu beklagen: den bekannten Musiker Sepp Mangstl (54), stellvertretender Dirigent der Herbstfestkapelle „Dreder Musi“.

Er hatte sich, wie berichtet, auf einer Spanien-Rundreise infiziert – und den schweren Verlauf seiner Covid-19-Erkrankung nicht überlebt.

Sieben-Tage-Inzidenz bleibt niedrig

Auch wenn dem Rosenheimer Gesundheitsamt am Mittwoch sieben neue Corona-Fälle in Stadt und Landkreis gemeldet worden sind, bleibt die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Fälle pro 100000 Einwohner während der vergangenen sieben Tage, mit 4,74 in der Stadt und 9,96 im Landkreis stabil. Insgesamt haben sich nun offiziell 2770 Menschen in der Region mit dem Coronavirus infiziert. 208 Infizierte sind gestorben, 1932 gelten als genesen.

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