„Stell Dir vor, unsere Oma geht zu einer Demo!“ Diese Unterschrift unter einer Karikatur, die zwei überraschte Kinder am Rand einer Fronleichnamsprozession zeigt, liegt gar nicht so daneben. An Fronleichnam gehen wir mit unserem Glauben auf die Straße, wenn es die Witterung einigermaßen erlaubt.
Heuer kann die Prozession nicht stattfinden, weil wir die notwendigen Abstände nicht einhalten können. Wir ziehen uns wieder hinter unsere Kirchenmauern zurück. Notwendig, aber schade!
Nicht jeder kann mein ehrliches Bedauern darüber verstehen. Dass durch die vielen Skandale und die ergebnislosen innerkirchlichen Debatten die Menschen heute von der Kirche keine Antworten mehr auf ihre Lebensfragen erwarten, schmerzt, wundert mich aber nicht mehr. Ich muss akzeptieren, dass viele nicht mehr nachvollziehen können, dass eine innerlich mitvollzogene Teilnahme an einer Fronleichnamsprozession etwas sehr Erfüllendes sein kann.
Der junge Mann mit dem aufgedrehten Bass im Auto sieht es eben anders. Er wartet genervt hinter der Feuerwehrabsperrung, bis der Zug endlich vorüber ist. Mit der goldenen Monstranz und dem Brokathimmel haben die Menschen früherer Jahrhunderte dem Heiligen einen kostbaren Rahmen gegeben. Wenn wir das an Fronleichnam aus unseren Schränken holen, ist das mehr als Tradition.
Wir versuchen, eine bleibende Wahrheit in eine neue Welt und eine neue Zeit zu tragen. Dafür „geht Oma zur Demo“ und dafür gehe auch ich im nächsten Jahr gern wieder auf die Straße. Aber wir müssen diese Botschaft auch umsetzen.