Kolbermoor/München – Eva Turbanisch hat den Kampf um ihr Leben verloren. Wenige Tage nach ihrem 64. Geburtstag ist die Kolbermoorerin, die sich im Romed-Klinikum Rosenheim mit dem Coronavirus angesteckt hatte (wir berichteten), im Klinikum Großhadern gestorben. „Infolge eines schweren Multiorgan- und Kreislaufversagens“, wie ihr Sohn Alexander Luttsteck mitteilte. Seine Mutter sei nach Wochen des Leidens nur noch mit Medikamenten und Maschinen am Leben zu halten gewesen. „Wir haben daher das einzig Richtige getan und unsere Mutter in Würde gehen lassen.“
Infiziert als
Risikopatientin
Eva Turbanisch litt an der Autoimmunerkrankung „Morbus Wegener“. Mitte April hatte sie sich am Romed-Klinikum in Rosenheim in stationäre Behandlung begeben. Und dort infizierte sie sich mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2, angesteckt vermutlich von einer Frau im Nachbarbett. Bereits damals erhob ihr Sohn Alexander schwere Vorwürfe wegen Fahrlässigkeit gegen das Romed-Klinikum. Er kritisierte in den OVB-Heimatzeitungen „wildes Patientenroulette, keine Quarantäne bei Neuaufnahmen und keine regelmäßigen Tests des Klinikpersonals“.
Seine Mutter wurde aufgrund der Schwere des Erkrankungsverlaufs auf die Intensivstation verlegt, schließlich einen Tag vor Muttertag ins künstliche Koma mit Beatmung versetzt. Als weitere Komplikationen folgten, brachte man Eva Turbanisch ins Universitätsklinikum Großhadern. Dort wurde sie an eine Lungenmaschine angeschlossen. Am Ende aber, nach vier Wochen maximaler intensivmedizinischer Versorgung, wich die Hoffnung auf eine Rückkehr endgültig. „Wir haben dann den Wunsch geäußert, sie gehen zu lassen“, sagt Luttsteck. „Am selben Tag haben sich dann auch die Ärzte in Großhadern unserem Willen angeschlossen und meine Mutter aufgegeben.“
Kontakt nur
noch per Telefon
Dass Eva Turbanisch nicht mehr im Kreise ihrer Lieben erscheinen wird, belastet die Familie. Aber auch die Umstände des Scheidens schmerzen. Schon in den ersten Tagen ihres Aufenthalts im Klinikum konnte man sie nicht mehr besuchen, sondern nur noch über Telefon und Textnachrichten Kontakt halten.
Nach dem positiven Test wurde sie auf die „Covid“-Station verlegt – und hatte ab da nur noch vermummte Menschen um sich herum. Dann die Intensivstation, das künstliche Koma: Sohn, Tochter und Ehemann hatten keine Chance mehr, mit Eva Turbanisch zu reden. „Wir konnten sie nicht mehr sprechen, ihr nicht mehr gut zureden, ihr nicht mehr sagen, dass sie sehr geliebt und vermisst wird und dass sie kämpfen und zurückkommen soll“, sagt ihr Sohn.
Lehren aus
dem Unglück
Das aber solle nicht das Ende der Geschichte seiner Mutter sein, betont Luttsteck. Schon, damit man daraus lernen könne. Die Familie habe die Mutter zur Obduktion freigegeben. „Mit den gewonnenen Erkenntnissen können möglicherweise weitere Leben gerettet werden“, hofft Luttsteck.
Auch juristisch soll die Angelegenheit geklärt werden. Hätte die Frau mit ihrer Vorgeschichte nicht unbedingt in ein Einzelzimmer gehört? Wie sah es mit regelmäßigen Tests für das Personal aus? Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Gesundheitsamtes, sprach von einer „gewissen Herausforderung“ für die Kliniken, in Zeiten einer Pandemie solche Zimmer vorzuhalten. Eine Klärung des Sachverhalts durch die vorgesetzte Behörde steht noch aus, so eine Sprecherauskunft.
Stellungnahme
des Klinikums
Das Klinikum selbst bezeichnete es vor wenigen Tagen dem OVB gegenüber als praktisch nicht möglich, Patienten von vornherein zu isolieren. In einer aktuellen Stellungnahme bleibt das Klinikum bei seiner damaligen Auskunft: Man setze die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts um und gehe teilweise sogar darüber hinaus. Mitarbeiter würden, so sagt eine Sprecherin, regelmäßig getestet, Covid-19- und Nicht-Covid-19-Bereich „strikt getrennt“. Den Vorwurf der Fahrlässigkeit weise man „nachdrücklich“ zurück.
Krankenakte
umfasst 600 Seiten
Das Romed-Klinikum hat der Familie mittlerweile die Krankenakte ausgehändigt, ein Datensatz von fast 600 Seiten auf CD. Diese Unterlagen werden gerade gesichtet, sagt Alexander Luttsteck, er könne dazu noch nichts sagen. Er habe sich mit einem Anwalt in Verbindung gesetzt, über den genauen Inhalt einer Strafanzeige könne er noch nichts bekannt geben.