Die Allround-Retter

von Redaktion

Vom Lawinenabgang bis zum Feuer auf dem Berg: Hier sind die Ehrenamtlichen der Region im Einsatz

Rosenheim – „Wow“. Das schoss Thomas Berquet durch den Kopf, als eines Sonntagnachmittags vor sechs Jahren der Piepser anschlug. Berquet, Leiter der Höhlenrettung in der Bergwacht-Region Hochland, hörte „Einsatz“, er hörte „Riesending-Höhle“, und er hörte „in 1000 Metern Tiefe“. Der Bergwachtler, heute 31 Jahre alt, erinnert sich noch an die Stimmung in der Hütte. „Wir schauten uns an und fragten uns: ,Hat der das wirklich gesagt?‘“

Es war ein Einsatz, der in die Geschichte der bayerischen Bergwacht eingehen sollte. Die Rettung des Höhlenforschers Johann Westhauser aus der RiesendingHöhle bei Bischofswiesen in den Berchtesgadener Alpen war nach allen Maßstäben spektakulär. Elf Tage und zehn Stunden arbeiteten Hunderte von Rettern aus sieben Nationen zusammen, um den Forscher aus rund 950 Metern Tiefe in der längsten und tiefsten Höhle zu retten. Und die Rosenheim-Samerberger Bergwachtbereitschaft war dabei. Mit Thomas Berquet und der insgesamt 15 Mann starken Höhlenrettungsgruppe, und mit Bergnotarzt Johannes Schiffer. Sein Job: herausfinden, was dem Höhlenforscher fehlte.

Weltweite Schlagzeilen

Der erfolgreiche Einsatz schrieb weltweit Schlagzeilen. Höhlenrettung – auf den ersten Blick sieht das aus wie das Gegenteil von Höhenrettung. Also nach Talwacht und nicht nach Bergwacht. Bei genauerem Hinsehen aber ist das Riesending mit der Riesending-Höhle bezeichnend für die Bergwacht, für ihre Vielseitigkeit ebenso wie für die Kombination aus Material, Mut, Engagement und unterschiedlichsten Fertigkeiten. Die Bergwachtler sind weit mehr als Gipfelstürmer. Sie sind Allround-Retter. Und das seit 100 Jahren.

Gegründet wurde die Bergwacht in schwieriger Zeit in München. Am 14. Juni 1920 trafen sich Alpenvereinsmitglieder und Wanderfreunde im Münchner Hofbräuhaus. Zweck der Zusammenkunft: die Gründung einer „Natur- und Sittenwacht“.

Ein Jahr zuvor hatten Freikorps in München die kommunistische Räterepublik niedergeschlagen. Dass Bürger sich selbst organisierten, nicht selten mit der Waffe in der Hand, lag im Zug der Zeit. Der neue Selbsthilfetrupp, der später „Bergwacht“ heißen sollte, hatte sich ganz im Gegensatz zu vielen anderen Organisationen zwar politische Enthaltsamkeit vorgenommen, darüber hinaus aber den Schutz des alpinen Anstands auf die Fahnen geschrieben. Pflanzenräuber, Müll- und Umweltsünder, allzu freizügige Anhänger der Freikörperkultur, Störer der Hüttenruhe oder aggressive Gipfelstürmer: Die alpinen Sittenwächter knöpften sich alle vor.

Alpine Rettung
bald im Vordergrund

1925 wurde die Bereitschaft Rosenheim-Samerberg als erste Gruppe in der Region gegründet. Da war Retten bereits in den Vordergrund getreten. Und das in unterschiedlichsten Bereichen. Florian Lotter, der dem Bergwachtbezirk Hochland vorsteht, erinnert sich zum Beispiel an den Einsatz auf dem Schwarzenberg bei Kiefersfelden: Flammen in zehn Hektar Bergwald, der Katastrophenfall in steilem, unwegsamen Gelände. Da mussten die Spezialisten für Fels und Stein heran, um die Feuerwehren zu unterstützen, „Das waren extreme Umstände“, sagt Lotter. „Ein Absturzgelände, schwer zugänglich.“ Mit hitzebeständigen Seilen habe man die Leute von der Feuerwehr unterstützt, selber mit kleinen Trupps geholfen, Glutnester zu bekämpfen.

Unterschiedliche Kernaufgaben

Bergwachtler halfen beim Eishalleneinsturz in Bad Reichenhall, aber auch beim G7-Gipfel nahe Garmisch. Bei der Schneekatastrophe ebenso wie beim Jahrhunderthochwasser 2013. Berg- und Höhlenrettung, Umweltschutz und Katastrophenhilfe – das sind ihre Kernaufgaben. Im Alltag heißt das Helfen in unterschiedlichsten Situationen. Der von einer Lawine verschüttete Skitourengeher, der Mountainbiker, der gegen einen Baum geprallt ist, der beim Canyoning verunglückte Freizeitsportler, der Bergwanderer mit Sonnenstich – sie alle vertrauen darauf, dass die Bergretter auftauchen. Nicht selten entbrennt danach die Diskussion darüber, für wen die Einsatzkräfte da ihr Leben riskieren: Für Selbstverwirklicher, Leichtsinnige, Gaudi-Alpinisten? „Es kann immer was passieren“, sagt Thomas Berquet. „Ob durch Pech, durch Fremdverschulden oder Selbstüberschätzung, beurteile ich nicht. Da ist ein Mensch, der Hilfe benötigt, und dem helfe ich.“

Als Selbsthilfetruppe zur Wahrung der guten Sitten in den Bergen wurde die Bergwacht vor 100 Jahren gegründet. Doch schon bald stand die Rettung anderer aus schwierigsten Lagen im Gelände im Vordergrund. Archiv Bergwacht Von der Wacht am Berg zur Bergrettung:
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