Nur 87 Feste in 159 Jahren

von Redaktion

Pandemie-Aus für die Rosenheimer Wiesn 2020 ist kein Novum

Rosenheim – Auf den 29. August 2020 hatte sich nicht nur Andreas März, Rosenheims neuer Oberbürgermeister, gefreut. Doch diesen Spätsommer wird niemand anzapfen auf der Loretowiese. 2020 gibt es wegen der Corona-Krise kein Herbstfest.

Es ist nicht das erste Mal in der fast 160-jährigen Geschichte der Rosenheimer Wiesn, dass das Spektakel ausfällt. Im Schnitt gab es seit dem Start 1861 nur in jedem zweiten Jahr ein Fest. 2020 wäre es die 88. Auflage gewesen.

„Als studierter Diplom-Brau-Ingenieur habe ich mich natürlich ganz besonders auf das Anzapfen beim Herbstfest gefreut“, verrät Andreas März den OVB-Heimatzeitungen. 18 Jahre lang hatte zuletzt Gabriele Bauer angezapft. Jetzt wäre März an der Reihe gewesen. „Es tut mir schon leid, dass das Fest jetzt in meinem ersten Amtsjahr nicht stattfinden kann. Aber dafür werde ich es dann im nächsten Jahr umso besser machen.“

Geburtstagskinder müssen umdenken

Umdisponieren muss nicht nur der OB – auch hunderte Geburtstagskinder, die Jahr für Jahr auf dem Herbstfest mit Freunden eine Mass auf ihren Jubeltag zwicken, zwingt Corona dazu, sich heuer eine neue Örtlichkeit zu suchen.

Eines von ihnen ist Andreas Glas (58) aus Kolbermoor, geboren am 31. August. „Seit ich denken kann, habe ich meinen Geburtstag auf dem Herbstfest gefeiert“, sagt er. Seit 1972 hat Glas deshalb einen eigenen Tisch im Flötzinger-Festzelt.

Was also tun am 31. August 2020? Den Gedanken, aus Jux eine Bierbank auf der Loretowiese zu stellen und sich eine Mass zu genehmigen, hat der Kolbermoorer schnell wieder verworfen. So schön ist die Kulisse – die Loretowiese wird ein Großparkplatz mit hunderten Autos sein – auch wieder nicht. Also wird die Alternative wohl „eine Geburtsstagstour nach Südtirol mit dem Motorrad sein“, verrät Glas.

In der Startphase
nur alle paar Jahre

Weil es schon öfter zu Zwangspausen wegen Krieg und Seuchen kam, hat es von 1861 bis heute „nur“ 87 Feste gegeben. Zudem gab es in der Startphase nur alle paar Jahre ein Fest, ohne Unterbrechung gefeiert wurde nur von 1950 bis 2019.

Die lange Geschichte beginnt 1861 recht bescheiden und klein, mit einer dreitägigen Gewerbeschau samt Mini-Volksfest im September, schon damals auf der Loretowiese. Dort steht 1861 nur ein einziges Karussell, das Pferderennen muss abgesagt werden, weil nur ein Traber kommt. Weil es in Strömen regnet, fällt auch noch das Feuerwerk ins Wasser. Rosenheim ist damals ein Markt mit nicht einmal 5000 Einwohnern.

In dieser Anfangszeit Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts vergehen zwischen den Festen stets mehrere Jahre – mindestens fünf, höchstens zwölf. Immerhin: Das zweite Spektakel – ein „landwirtschaftliches Volksfest mit Industrie-Ausstellung – dauert 1868 schon fünf Tage.

1873 muss das dritte Fest auf 1874 verschoben werden, weil in München die Cholera ausbricht. Dennoch mausert sich die Veranstaltung. 1874 geht es schon sechs Tage rund.

Aber es bleibt zunächst bei den großen zeitlichen Abständen: Das vierte Volksfest findet 1881 statt, das fünfte 1888. Es wird noch Eintritt verlangt. 12000 zahlende Besucher machen an der Eingangskasse den Geldbeutel auf. Sie bestaunen den Extrazug der Salintorfbahn, lassen sich Regensburger Bratwürstl und Bier (30 Pfennig kostet der Liter) schmecken.

Am Ende sind die Wurstbratereien in den beiden Festwirtszelten zufrieden: Die eine verkauft 30000 Regensburger Bratwürste, die andere 22000. Enttäuscht ist man hingegen vom Bierumsatz von „nur“ 400 Hektolitern (40000 Mass). Hintergrund: Auf der Festwiese kostet die Mass 30 Pfennig, in der Stadt nur 24.

1895 steht die Wiesn erstmals unter Strom: Eine mit acht Elektromotoren betriebene Berg- und Talbahn ist das erste Fahrgeschäft, das mit „Saft“ aus der Steckdose zum Laufen gebracht wird. In der Menagerie zeigen echte Löwen und Panther ihre Zähne.

1898 gibt der Wittelsbacher Prinz Ludwig Rosenheim die Ehre. Ob dem späteren König Ludwig III. eine Extrawurst kredenzt wurde, ist nicht mehr herauszufinden. In jedem Fall bekommt der Monarch aber Extra-Bier: Im Auer-Zelt wird erstmals Wiesnmärzen, also speziell fürs Fest gebrautes Bier, ausgeschenkt. Das Fest wird an zehn Tagen im Mai in sechs Zelten gefeiert.

1909: Toboggan
die große Sensation

1909 ist der Toboggan, der erst drei Jahre zuvor seine Deutschland-Premiere gefeiert hat, die Sensation auf der Wiesn – und bleibt es bis 1960, ehe die lustige Förderband-Spiralrutschbahn in Vergessenheit gerät. Im Festzug: jede Menge Sulkys, denn Pferderennen sind angesagt. Die Wettkämpfe werden vor wahren Prachtkulissen groß aufgezogen, die Leute stehen auf extra errichteten Tribünen.

Fünf Jahre später soll die 50-Jahr-Feier der Stadterhebung alles bisher Dagewesene übertreffen. Stattdessen zerstören ab 1914 Krieg, Revolution und Armut viele Leben – zum Feiern ist niemandem zumute. Das Fest fällt 2014 aus, stattdessen werden auf der Loretowiese die in den Krieg ziehenden Soldaten verabschiedet.

Der Erste Weltkrieg bringt das öffentliche Leben weit über 1918 hinaus zum Stillstand. Erst 1925, also nach einer Pause von 16 Jahren, wagen die Rosenheimer einen Neustart mit vier Bierzelten, Pferderennen und ersten Box-Kämpfen.

1928 wird mit besonders großem Tamtam gefeiert: 600 Jahre zuvor hatte Rosenheim 1328 von den niederbayerischen Herzögen die Marktfreiheit erhalten. Rosenheim hat jetzt 18000 Einwohner, das Umland feiert schon kräftig mit: Den Historischen Umzug bejubeln rund 50000 Menschen am Straßenrand.

Die 600-Jahr-Feier ist aber dermaßen teuer, dass die Stadt das Defizit nicht mehr tragen will, und so schlägt 1931 die Stunde des ein Jahr zuvor gegründeten Wirtschaftlichen Verbandes (WV). Der neue Träger tauft das Volksfest um, es heißt ab sofort Herbstfest – der Beginn einer langen Erfolgsgeschichte, die nur durch den Zweiten Weltkrieg und die Folgen für zehn Jahre unterbrochen wird.

1950 heißt es nach düsteren Jahren endlich wieder: „Achtung, Fertigmachen, Festzug Marsch!“ – wohl selten habe in den letzten Jahren eine Menge so willig ein Kommando ausgeführt wie diesen Befehl des Gewerberats Süßner, berichten die Chronisten damals.

Von Katastrophen und Pandemien bleibt das Herbstfest dann bis 2019 verschont. 1964 wird es fast vom Winde verweht, schwere Gewitterstürme richten am ersten Wiesn-Wochenende Millionenschäden in Südbayern an. Der Festplatz in Mühldorf gleicht einem Trümmerhaufen, das Zelt bricht über hunderten von Besuchern zusammen. Doch an Rosenheim zieht das Unwetter gerade noch vorbei.

1977 und 2016 im Schatten des Terrors

Der Deutsche Herbst 1977 kann dem Herbstfest ebenfalls nichts anhaben – auch wenn der Schatten des RAF-Terrors bis tief in den Süden reicht. Nach der Ermordung von Hanns Martin Schleyer müssen die Wiesnbesucher aus Österreich wegen der Alarmfahndung lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

Kritisch wird‘s auch im Terrorjahr 2016. Nach Nizza sind Massenveranstaltungen plötzlich ein Risiko. Aber auch das bekommen die Rosenheimer hin, sie schließen die Schlupflöcher im Zaun, stellen Betonblockaden auf. Erstmals kommt es zu Taschenkontrollen an den Eingängen. Doch gegen Corona hilft weder Beton noch Taschenkontrolle. So gibt es heuer erstmals seit knapp 70 Jahren kein Herbstfest.

Artikel 10 von 10