Bruckmühl/Passau – Das beliebte „Donaulied“, das auf vielen Volksfesten in den Bierzelten gespielt wird, erregt weiterhin die Gemüter: Nachdem die Passauer Studentin Corinna Schütz eine Petition für das Verbot des Liedes, das von der Vergewaltigung einer schlafenden Frau am Donauufer handelt, gestartet hatte, schlagen nun vier Niederbayern zurück: Sie fordern in einer Petition „Rettet das Donaulied“. Die OVB-Heimatzeitungen haben mit Ernst Schusser, Leiter des Volksmusikarchives des Bezirks Oberbayern in Bruckmühl, über Sexismus im volkstümlichen Liedgut und sein Verhältnis zum „Donaulied“ gesprochen.
Herr Schusser, wo sind denn die Ursprünge des Donaulieds?
Soweit wir wissen, stammt das Lied aus dem 19. Jahrhundert. Wer es geschrieben hat, dazu gibt es im Volksmusikarchiv keine Belege. Seit den 30er-Jahren ist es auch in unserer Gegend verbreitet. Ich selbst kann mich daran erinnern, dass es in meiner Bundeswehrzeit in den 70ern gesungen wurde. Das war mein erster Berührungspunkt. Ohne Zweifel hat es eine sehr eingängige Melodie. Tatsächlich gibt es mehrere Textversionen, darunter die anstößige, die auch am meisten verbreitet ist.
Würden Sie sagen, Sexismus ist gängig in der Volksmusik?
Tatsächlich gibt es Lieder, die die Frage aufwerfen: Darf man das noch singen? Man denke nur an „Sah ein Knab ein Röslein stehen“. Goethe hat den Text dazu geschrieben und bildhaft geht es um eine Vergewaltigung. Dass Volksmusik auch gesellschaftliche Realitäten abbildet, zeigt die Historie. Im 19. Jahrhundert gab es Moritatenlieder, in denen ledige Frauen mit Kind angeprangert wurden. Diese wurden oft gedruckt, es ist also wahrscheinlich, dass die Herrschenden ihre Moral so über die Bevölkerung ausgeschüttet haben. Ganz anders im 18. Jahrhundert: Hier finden sich viele Balladen, die eher mündlich verbreitet wurden und Kritik an der herrschenden Schicht nehmen, die oft sexuell übergriffig gegenüber ihren Bediensteten wurde.
Dann ist Volksmusik also oftmals sexistisch?
Die Aussage, dass Volksmusik sexistisch sei, geht mir zu weit. Ich würde sagen, Geschlechterspezifizierung ist ein Thema in der Volksmusik. Es gibt Lieder über Frauen oder Männer, deren Zusammenleben und die Rollen, die wir mit ihnen verbinden. Das ist ja nicht nur in der Volksmusik so, sondern auch in anderen Musikstilen. Nah an der Grenze zu Sexismus und Geschmacklosigkeit ist das teilweise nicht nur in der Volksmusik, man denke nur an die Ballermann-Musik. Viele Unterschiede lösen sich in der Volksmusik auch auf. Früher gab es zum Beispiel bestimmte Instrumente, die man Frauen nicht zuschrieb, oder wo es verpönt war, wenn eine Frau sie spielte: Blasinstrumente, aber auch die diatonische Ziach. Das hat sich in den letzten 20 Jahren vollkommen verändert.
Wie sehen Sie das Donaulied und die Petition der Passauer Studentin?
Das Donaulied ist schon ein krasses Beispiel von Gewalt. De facto wird dort eine Vergewaltigung beschrieben. Das ist sicherlich nicht typisch für die Volksmusik. Ich persönlich würde das nicht singen. Einerseits verstehe ich die Studentin, gleichzeitig frage ich mich, ob man nicht noch mehr Leute dazu bringt, das Lied zu singen, wenn man es nun so medial in den Vordergrund rückt. Manchmal tut zu viel Aufmerksamkeit eben auch nicht gut.
Haben Sie als Leiter des Volksmusikarchivs Möglichkeiten, derartigen Texten entgegenzuwirken?
Meine Funktion als Archivar ist jedenfalls, fachlich zu informieren. Und da kann ich sagen: Die Donau wird in der Volksmusik mit verschiedenen Motiven in Verbindung gebracht. Da ist einerseits das Thema des breiten Flusses, der zwei Liebende voneinander trennt. Auch wird die Donau oft mit Handel in Verbindung gebracht, etwa mit Reisen nach Wien. Und nicht zuletzt steht die Donau für Auswanderung. Man denke nur an die Donauschwaben. Hier geht es um Sehnsucht, aber definitiv nicht um Vergewaltigung. Das ist kein typisches Motiv für die Donau in der Volksmusik. Wir bieten ein Liederheft mit Liedern über die Donau an, das per E-Mail oder telefonisch kostenlos im Archiv erhältlich ist.
Wo gibt es noch kritische Anmerkungen zu Volksmusiktexten?
Der Volksmusik wird auch oft vorgeworfen, Antisemitismus und Rassismus zu schüren. Ja – man denke nur an die „Zehn kleinen Negerlein“. Antisemitische Lieder gab es übrigens bereits vor dem Dritten Reich. Schon damals wurden Namen aus der jüdischen Geschichte und dem Alten Testament verunglimpft. Man muss sich immer wieder im Laufe der Entwicklung die Frage stellen: Darf man das noch singen?
Interview: Heidi Geyer