Der Motor läuft, aber er stottert

von Redaktion

Tourismusgeschäft fährt nur langsam an – Furcht vor Nachteilen

Rosenheim – Der Tourismus in der Region Rosenheim und am Chiemsee erholt sich von den Corona-Folgen – aber nur langsam. Und diese Erholung ist ein zartes Pflänzchen, das durch schlechte Nachrichten schnell verkümmern kann. Von überstandener Corona-Krise oder gar vollständiger Entwarnung wollen Gastronomen und Experten daher nicht sprechen. „Schon jetzt stehen viele Betriebe mit dem Rücken zur Wand“, sagt etwa Theresa Albrecht, Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands, die gleichzeitig das Hotel „Zur Post“ in Rohrdorf betreibt. „Viele werden schon diese Krise jetzt nicht überleben.“

Da kommen die Nachrichten aus Nordrhein-Westfalen zur Unzeit. Nach größeren Corona-Ausbrüchen etwa in Gütersloh hat das Bayerische Gesundheitsministerium ein Beherbergungsverbot erlassen, das seit Donnerstag (25. Juni) gilt. Demnach dürfen Menschen aus Corona-Gebieten wie dem Landkreis Gütersloh nicht beherbergt werden. Ausgenommen sind Menschen, die über einen negativen Corona-Test verfügen und dazu ein ärztliches Attest vorweisen können.

„Schade für Menschen aus Gütersloh“

Der Rosenheimer Landtagsabgeordnete Klaus Stöttner, tourismuspolitischer Sprecher der CSU-Fraktion, ist aufseiten von Ministerpräsident Markus Söder, auch, was das faktische Urlaubsverbot für einige Personen aus dem Westen der Bundesrepublik betrifft. „Das ist schade für die Menschen aus Gütersloh“, sagte Stöttner den OVB-Heimatzeitungen. „Und für die Hoteliers ist es schwierig. Aber wenn wir Sicherheit haben wollen, sind konsequente Regeln besser.“ Das „ewige Hin und Her“ schade der Wirtschaft enorm, sagt der Vorsitzende des Tourismusverbands Oberbayern. Bayern fahre seine Wirtschaft nach der Devise „lieber langsamer und dafür stabiler“ wieder hoch.

Dem stimmt Thomas Geppert, Landesgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), zu. Der Bad Aiblinger weiß aus einer Blitzumfrage unter den Mitgliedern des Verbands, dass der Neustart von einem beispiellos niedrigen Punkt aus erfolgt. Er kann alarmierende Zahlen nennen.

So verzeichnen die Hoteliers im Juni 65 Prozent weniger Buchungen als im Vorjahresmonat und im September noch 59 Prozent. Die Einbrüche bis Anfang Juni sind gewaltig.

Gastronomen auch aus der Region sprechen Geppert zufolge von 83 Prozent Einbußen. Fürs gesamte Jahr gehen sie von mindestens 57 Prozent aus. „Das ist in einer Branche, die nahezu keinerlei Liquiditätsdecke hat, existenzbedrohend.“ Dennoch verteidigt er das strenge Vorgehen des Freistaats. „Man sollte nicht Urlaub machen, wo es am lockersten, sondern wo es am sichersten ist. Man kann es eben auch so sehen, dass der Urlaub in Bayern einfach sicher ist.“

Der Motor läuft
nicht auf Touren

Mittlerweile werden Regelungen lockerer. Christina Pfaffinger, Geschäftsführerin Chiemsee-Alpenland Tourismus, zieht eine gemischte Zwischenbilanz seit dem Ende des Lockdowns. „Die Nachfrage nach kleineren Einheiten wie Urlaub auf dem Bauernhof ist teilweise sehr gut. Die Hotels melden jedoch, dass es nicht so gut läuft.“ Ähnlich gehe es den Wirten, und das nicht nur wegen der Abstandsregelungen und ihrer Folgen für die Kapazitäten an Sitzen. „Es fehlt das Gruppengeschäft, es fehlen die Familienfeiern.“

Ähnliches beobachten Urlaubsexperten auch anderswo. Etwa bei der Tourist-Info Wasserburg. „Der typische Tagestourist möchte gerne shoppen und einkehren“, sagt Andrea Aschauer von der Info. Doch da sei die Laune aufgrund der Auflagen noch immer gedämpft.

Was die Gastronomen nervt: die von Region zu Region unterschiedlichen Auflagen. Theresa Albrecht ärgert sich nicht so sehr über die hohen Reisehürden für Touristen aus Gütersloh, sie sieht – trotz der harschen Kritik des Landrats dort – auch keine erneute rufschädigende Wirkung. „Der Imageverlust ist schon da, weil wir sehr strenge und langwierigere Maßnahmen als andere Bundesländer oder auch Österreich ergriffen haben.“ So habe sich der Eindruck verfestigt, dass Bayern besonders hart betroffen sei. Problematisch für die Konkurrenzfähigkeit sei auch, dass Österreich – ungeachtet neuer Erkenntnisse über die zentrale Rolle Ischgls als Corona-Hochburg – schneller aus den Startlöchern gekommen sei. Sowohl, was die Wellnessbereiche in Hotels betreffe, als auch Öffnungszeiten für Speiselokale, Biergärten und Clubs.

Da nimmt die Dehoga-Vorsitzende auch die bayerische Politik in die Pflicht. Österreich verweise stets darauf, wie wichtig die Tourismusbranche für die österreichische Wirtschaft sei, sagt sie. „Doch auch bei uns ist die Branche wichtig. Wir gehören neben Gesundheitsbetrieben zu den wichtigsten Arbeitgebern in der Region.“

Christina Pfaffinger sekundiert ihr. „Es darf nicht sein, dass unsere Betriebe einen Wettbewerbsnachteil haben.“ Und auch Dehoga-Geschäftsführer Geppert mahnt staatliche Hilfe an – bei einem akuten Problem. Da Urlauber aus Risikogebieten ihre bayerischen Reisepläne zerrissen hätten, stehen Stornierungskosten im Raum. „Da erwarten wir“, so sagt es Geppert, „eine Entscheidung“.

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