Corona-Test für alle: Experten in der Region fühlen sich gerüstet

von Redaktion

Abstriche in 35 Schwerpunkt-Praxen möglich – Gesundheitsamt warnt vor falscher Sicherheit – Testzentrum Loretowiese bereits abgebaut

Rosenheim – Corona-Tests für alle? Der Vorschlag aus dem Bayerischen Gesundheitsministerium stößt in der Region auf offene Ohren. Denn Tests können helfen, Infektionsketten zu unterbrechen und damit ein weiteres Ausbreiten von SARS-CoV-2 zu verhindern. Darüber sind sich auch die Experten in der Region einig. Doch wie sieht es mit den Kapazitäten in Stadt und Landkreis aus?

„Wir sind gerüstet“, gibt Dr. Fritz Ihler, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Rosenheim, seitens der niedergelassenen Ärzte grünes Licht. Denn: Verteilt über die Stadt und den Landkreis sind inzwischen insgesamt 35 Schwerpunktpraxen installiert, in denen Corona-Tests durchgeführt werden können. „Verfügt ein Arzt nicht über die entsprechende Einrichtung, überweist er den Patienten eben an die nächste Infektpraxis. Dort wird dann der Abstrich entnommen“, erklärt Ihler. Die Corona-Praxen seien gleichmäßig über die Region verstreut, der Ansturm auf die einzelnen Einrichtungen dürfte sich deshalb in Grenzen halten.

Der Kreisvorsitzende selbst führt eine der Schwerpunktpraxen, in der Erlenaustraße in Rosenheim – und spricht von zuletzt rückläufigen Zahlen bei Verdachtstests: „Wir haben im Schnitt noch etwa 30 Tests pro Woche, kein Vergleich mehr zu den Anfängen des Testzentrums auf der Loretowiese, als es im Schnitt 100 pro Tag waren.“

Ihler: Vier Wochen
ohne positiven Fall

Für Tests infrage kämen aktuell vorwiegend Patienten mit einem Infekt und entsprechenden Symptomen, um eine Covid-19-Erkrankung auszuschließen. „Das ist es auch im Wesentlichen, ich selbst hatte seit gut vier Wochen keinen positiven Fall mehr“, zeigt Ihler sich entspannt.

Tests für alle – ist das überhaupt sinnvoll? Durchaus, ist der Kreisvorsitzende überzeugt, insbesondere, wenn jetzt die Reisetätigkeit wieder zunimmt. „Da macht es Sinn, sich testen zu lassen, wenn man aus dem Urlaub zurückkommt“, rät Ihler. Von flächendeckenden Antikörpertests hält er indes wenig: „Das bringt für die Nachverfolgung nichts.“

Infektionsketten zu unterbrechen – diesen Vorteil sieht auch der Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes Rosenheim, Dr. Wolfgang Hierl, in Tests für jedermann. Denn: Die Infektion verlaufe in vielen Fällen asymptomatisch und eine Infektiosität bestünde bereits zwei Tage vor ersten Symptomen. „Gerade zu Beginn haben wir erlebt, dass durch Superspreading zum Beispiel auf Geburtstagsfeiern durch eine erkrankte Person eine Vielzahl von Kontakten infiziert wurde“, erläutert Hierl. In Ausbruchssituationen könnten Tests bei Kontaktpersonen helfen, Infektionsketten zu unterbrechen. Wovor Hierl warnt: Keinesfalls dürfe das breite Testangebot die Bevölkerung in falscher Sicherheit wiegen: „Es kommt weiterhin auf unseren verantwortungsvollen Umgang miteinander an, um Ansteckungen vorzubeugen, also Abstand halten, Hygienemaßnahmen und die Verwendung von Alltagsmasken.“ Wer engen Kontakt zu einer an Covid-19 erkrankten Person hatte, müsse sich umgehend in häusliche Quarantäne begeben. Hierl: „Es wäre fatal, hier erst auf ein Testergebnis zu warten.“

Das kann Dr. Nikolaus Klecker, Rosenheimer Allgemeinarzt und Bezirksvorsitzender im Bayerischen Hausärzteverband, nur unterstreichen: „Das kann eine Pseudo-Sicherheit schaffen“ befürchtet er. Dem „Gießkannen-Prinzip“ Test für alle steht er skeptisch gegenüber. „Meines Erachtens blanker Aktionismus. Hier wird viel Geld zum Fenster rausgeschmissen, was man im Herbst bei einer eventuellen zweiten Welle besser einsetzen könnte.“ Abgebaut ist in der Zwischenzeit das Corona-Testzentrum auf der Loretowiese, das Ende März installiert worden war. Von anfangs über 100 Tests am Tag sind die Testungen im Juni auf ein Minimum zurückgegangen. Letzter Testtag: der 12. Juni. Summa summarum hatten die Hausärzte dort rund 2800 Tests durchgeführt – „ein voller Erfolg“, bestätigt Rosenheims Katastrophenschutzbeauftragter Hans Meyrl, Koordinator des Testzentrums. Und die Hardware ist auch nur eingelagert: Sollte eine zweite Welle Stadt und Landkreis treffen, wäre das Testzentrum schnell wieder installiert.Rosi Gantner

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