„Katastrophe für die Tiere“

von Redaktion

Kühe erschrecken: Internet-Trend macht Landwirten große Sorgen

Rosenheim – Zwei Jungrinder sind qualvoll verendet, ein weiteres kämpft um sein Leben: In Immenstadt im Allgäu sind vergangenen Woche 13 Rinder bis zu 300 Meter von einer Weide in die Tiefe gestürzt, nachdem sie wohl von Menschen erschreckt worden waren. Ob in diesem Fall Absicht dahinter steckt, ist offen. Tatsache ist aber, dass das Phänomen, Kühe absichtlich zu erschrecken, existiert und auch die Landwirte in der Region besorgt. Und nicht nur das: Für Mensch und Tier kann der vermeintliche Spaß letztlich tödlich enden.

Rücksichtsloses Verhalten

Ein Mädchen steht auf einer Wiese. Hebt den einen Arm, dann den anderen. Und stürmt plötzlich auf eine Herde Kühe zu: Kühe erschrecken ist ein neuer Trend im Internet, Videos davon gibt es auf zahlreichen Plattformen zu sehen. Für die Landwirte in der Region setzt sich damit ein Trend zur Rücksichtslosigkeit gegenüber ihrem Vieh fort.

Landwirt Wolfgang Bauer kann ein Lied davon singen, dass Menschen seine Tiere reizen. Seine Alm liegt südlich des Farrenpoints bei Bad Feilnbach. Ein beliebtes Ausflugsziel in der Region, in den letzten Jahren besonders auch für E-Biker. Leider häufen sich nicht nur die Besucher, sondern auch gefährliche Zwischenfälle mit seinen Rindern.

„Viele Mountainbiker fahren mitten zwischen den Rindern durch“, sagt Bauer. Auf dem Almen sei nur das Jungvieh, das besonders schreckhaft sei. „Wenn die Tiere erschrecken, können sie stolpern und sich verletzen.“

Das Phänomen, Kühe zu erschrecken, ist seines Wissens auf seiner Alm noch nicht aufgetreten. Worum es dabei geht? „Kulikitaka“ ist ursprünglich ein Poplied von Tono Rosario, zu dem ein spezieller Tanz aufgeführt wird, ähnlich wie beim bekannten Song „Macarena“ aus dem Jahr 1996. Bei der sogenannten Kulikitaka-Challenge geht es darum, mit den Bewegungen des Tanzes Kühe zu erschrecken. Den Teilnehmern geht es vor allem um die entsprechende Dokumentation in den sozialen Medien, etwa in der App Tiktok oder auf Instagram.

Wolfgang Bauer ist auch Vertreter der Almlandwirte in der Region Bad Aibling. Den Kollegen, die er vertritt, geht es ähnlich. Von Selfies mit Kühen bis zu freilaufenden Hunden – Gründe warum Kühe entweder flüchten oder aggressiv reagieren, gibt es viele. Nicht ohne Folgen: Kürzlich habe sich eine Kuh in einem Weiderost verletzt, weil sie vor Radlern geflüchtet sei. Ein Tier brach sich sogar das Bein und musste deshalb geschlachtet werden.

Doch nicht nur Kühe können in Gefahr geraten, auch Menschen. „Wenn ich bei den Tieren bin, nehme ich auch einen Stock für den Notfall mit“, sagt Bauer. Erst vor kurzer Zeit wurde eine Almbäuerin in Oberaudorf von einer Kuh überrannt und musste mit dem Hubschrauber gerettet werden. Immer wieder machen Berichte über Angriffe die Runde. Im Jahr 2017 tötete sogar eine Kuh eine Wanderin auf dem Kranzhorn.

Wie kommt es dazu, dass die Tiere überhaupt so reagieren? Tierärztin Christina Hauck aus Frasdorf erklärt, dass Kühe zwar keine Fluchttiere, aber Herdentiere seien. „Ihr normaler Instinkt ist es, dass sie sich bei Gefahr zurückziehen“, sagt Hauck. Schließlich wollen sie ihre Jungtiere schützen. Problematisch dabei: Die Tiere veränderten ihr Verhalten langfristig, je öfter sie bedrohlichen Situationen ausgesetzt seien. Ein Lernprozess, der zwar logisch, aber nicht unproblematisch sei: „Vom Grundsatz her sind Kühe friedliche und gutmütige Tiere. Aber sie können auch in eher harmlosen Situationen zunehmend aggressiv reagieren, wenn sie sich bedroht fühlen.“

Christian Hauck hat kein Verständnis dafür, Kühe zu erschrecken: „Vom Tierschutz her ist das eine Katastrophe.“ Auch Josef Steingraber, Landwirt und Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands in Rosenheim, zeigt sich irritiert über das Kühe erschrecken: „Was daran witzig sein soll, verstehe ich nicht.“ Er selbst züchtet Bullen, knapp 100 stehen in seinem Stall. Kühe kennen zwar ihren Besitzer, dennoch könnten die Tiere unberechenbar reagieren.

Von einem Stier umgerannt worden

Steingraber hat selbst schon unschöne Erfahrungen gemacht: Er ist von einem Stier umgerannt worden. „Wenn man das überlebt, macht man keine Späße mehr“, sagt Steingraber. Er warnt davor, Rinder zu unterschätzen oder gar zu reizen. Fälle von „Kühe erschrecken“ in der Region seien ihm zwar nicht bekannt, aber dass viele Menschen sehr blauäugig mit den Tieren umgehen, kennt auch Steingraber. Über das Social Media Phänomen kann er nur den Kopf schütteln: „Da gibt‘s doch andere Sachen, mit denen man sich amüsieren kann.“ Heidi Geyer

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