Raubling – Die Saison an den Badeseen kommt in Fahrt – auch für Lukas (Name geändert) aus Raubling. „Ihm geht es super. Mein Sohn fährt wieder Rad und geht auch schon schwimmen“, erzählt seine Mama den OVB-Heimatzeitungen.
Das ist ein kleines Wunder. Denn Lukas, inzwischen 14, ist jener Bub, der im Sommer 2019 am Hochstraßer See bei Raubling einen so unfassbaren Badeunfall erlitten hat, dass deutschlandweit darüber berichtet wurde.
Es ist der 25. Juli 2019, der vorletzte Schultag. Der 13-Jährige verfängt sich beim Sprung ins Wasser von einem Baum so unglücklich im Schwungseil, dass ihm der Strick den rechten Unterarm abtrennt. Münchner Ärzten gelingt es zwar, den Arm in einer zehnstündigen Operation wieder anzunähen. Doch der rechte Unterarm ist nun fünf Zentimeter kürzer als der linke – und die Wahrscheinlichkeit, dass er wieder anwächst, schätzen die Spezialisten auf höchstens 20 Prozent.
Fast ein Jahr ist seither vergangen – ein guter Zeitpunkt, um nachzufragen: Wie geht es Lukas? Wie geht es mit den Seilen weiter?
Den Strick mit zwei Händen packen, Schwung holen und sich in hohem Bogen ins Wasser fallen lassen – seit Jahrzehnten eine Riesengaudi, speziell für Kinder und Jugendliche. Auch im Badesommer 2020 hängen schon die ersten Schwungseile an den See-Ufern. Doch manche überkommt bei ihrem Anblick ein mulmiges Gefühl. Dazu gehört Raublings Bürgermeister Olaf Kalsperger. Darauf hingewiesen, dass an der Unfallstelle erneut ein Seil hängt, schickt er sofort Bauhofmitarbeiter los, mit einem klaren Auftrag: den Strick entfernen.
„Null-Seil-Toleranz“
der Gemeinde
Dabei haftet die Gemeinde gar nicht für die Unfallstelle. Sie befindet sich auf Privatgrund. „Das Unglück des Buben ist uns allen sehr nah gegangen – und ein schwerer Unfall ist ein Unfall zu viel“, begründet Kalsperger die „Null-Seil-Toleranz“. Die Bauhofmitarbeiter finden am Freitag allerdings kein Seil am Hochstraßer See. Vermutlich haben es Jugendliche wieder mitgenommen.
Mit Lukas‘ Pech und den möglicherweise gefährlichen Seilschaften am Hochstraßer See hat sich im Sommer 2019 auch die Kripo befasst. Anfangs steht, wie häufig bei solchen Unfällen, eine schwere Körperverletzung im Raum. Doch die Ermittler kommen zu dem Ergebnis, dass es sich einfach nur um einen „tragischen Unfall“ gehandelt hat, an dem niemand die Schuld trägt.
Riccardo Giunta, Leiter des Hand-Trauma-Zentrums an der Ludwig-Maximilians-Universität, gehört am 25. Juli 2019 zum Ärzteteam, das dem Raublinger Buben den knapp unterhalb des Ellbogens abgetrennten Arm in der Haunerschen Kinderklinik wieder annäht. Als Unfallspezialist hat er es oft mit abgerissenen Extremitäten zu tun, meistens die Folge von Arbeitsunfällen mit Maschinen wie Sägen oder Häckslern. „Dass sich ein Kind beim Baden ein Körperteil abgerissen hat, das habe ich in 25 Jahren Unfallchirurgie noch nicht erlebt.“
Der Spezialist warnt nach Lukas‘ Unfall auch davor, sich Sprungseile oder Hundeleinen ums Handgelenk zu wickeln. Doch dieser Rat hätte dem Buben nicht geholfen. Er hat sich das Seil gar nicht um den Arm gewickelt, er hat es nicht einmal gepackt. Er ist quasi freihändig ein letztes Mal in den See gesprungen, bevor es ans Heimradeln ging.
Zufall? Schicksal? Diese Frage hat sich seine Mutter oft gestellt. Denn ihr Sohn badet eigentlich viel lieber am Reischenharter oder Neubeurer See. Am Unglückstag, die Mama hat „irgendwie ein schlechtes Bauchgefühl“, fährt Lukas mit zwei Freunden ausnahmsweise zum Hochstraßer See.
Freunde sind mit
Einpacken beschäftigt
Die drei haben eine Menge Spaß. Als seine Freunde schon Handtücher und Matten einpacken, klettert Lukas noch einmal auf den sogar mit Trittbrettern ausgestatteten „Sprungbaum“ und macht einen letzten Satz. Im Flug muss sich der Arm dann im hängenden Seil verfangen haben. Wie das genau passiert ist, sieht niemand. Die Freunde sind mit dem Einpacken beschäftigt, auch für Lukas selbst geht alles viel zu schnell.
Als er Augenblicke später wieder auftaucht, fehlt der rechte Unterarm. Der Schreck ist groß, doch eine beispielhaft effektive Rettungskette sorgt dafür, dass der unter Schock stehende Bub samt abgetrenntem Arm rasch auf dem OP-Tisch in München liegt. Die Gliedmaße hatten zwei andere Badegäste geistesgegenwärtig aus dem Wasser getaucht.
Sechs Wochen lang, die kompletten Sommerferien hindurch, liegt Lukas in München in der Klinik. Am ersten Schultag sitzt er aber wieder in Raubling in seiner Klasse. Er lernt um, schreibt jetzt halt mit links, sogar schöner als zuvor mit rechts. Und der tapfere Bub klammert sich an die 20 Prozent, die Ärzte seinem Arm gegeben haben, und lässt sie nicht mehr los. Entschlossen erarbeitet er sich mühsam einen kleinen Fortschritt nach dem anderen, Nervenbahn für Nervenbahn, Gefäß für Gefäß.
Heute spürt er den Arm wieder, bloß der Hand und den Fingern fehlt Kraft zum Zupacken und Greifen. Deshalb wird gerade ein Spezialfahrrad für ihn gebaut – mit allen entscheidenden Funktionen auf der linken Seite.
Zwölf Operationen hat Lukas schon hinter sich. Mal kommen Schrauben und Platten rein oder raus, mal wird Haut verpflanzt. Weitere Eingriffe werden folgen. Manuelle Therapien, Lymphdrainagen, spezielle Übungen – das gehört nun zum Alltag wie Hausaufgaben. Das Schuljahr hat Lukas übrigens mit Bravour gemeistert.
Normalität statt
Günther Jauch
Über 17000 Euro haben mehr als 200 Leute für den 14-Jährigen in einer Spendenaktion zusammengelegt. „Ein Wahnsinn, was für einen großen Zuspruch wir erfahren haben, dafür ein herzliches Dankeschön an alle“, sagt die Mutter im Namen der Familie. Ein Teil des Spendengeldes fließt jetzt ins 5000 Euro teure Spezialradl mit verstellbarem Sattel.
Statt Zuspruch oder gar Mitleid wünscht sich Lukas aber nun vor allem eins: Normalität. Deshalb will er nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen. Deshalb hat er auch Günther Jauch abgesagt, der ihn ins Fernsehen holen wollte.
Der Blick richtet sich nur nach vorn. Das gilt auch für die Sprungseile. Wenn sie weiter an den heimischen Seen hängen – weder Lukas noch seine Familie hat damit ein Problem. „Man kann nach einem Radunfall ja auch nicht das Radfahren verbieten“, bringt es die Mama auf den Punkt.