Einmal Herreninsel und zurück

von Redaktion

Die Herreninsel ist ein beliebtes Ausflugsziel. Viele fahren von Bernau aus mit dem Schiff dorthin und wieder zurück. Wie ist es aber, die Strecke zu schwimmen? OVB-Volontärin Alexandra Schöne ist für die Serie „Reporter am Limit“ ins Wasser gesprungen.

Bernau/Chiemsee – 15.30 Uhr an einem Samstag. Blau-weißer Himmel, Sonnenschein, 24 Grad Außentemperatur. Ich stehe am Ufer des Chiemsees in Bernau/Felden. In ein paar Minuten werde ich bis zur Herreninsel und zurück schwimmen. Fünf Kilometer insgesamt.

Ich bin Leistungsschwimmerin und trainiere seit 13 Jahren beim TSV Rosenheim. Wegen der Corona-Pandemie konnten wir drei Monate lang nicht trainieren. Ich bin ein bisschen außer Form. Da kommt mir das zusätzliche Training gerade recht!

Bei meinem Vorhaben bin ich nicht allein. Jochen Aumüller vom TSV Bernau begleitet mich. Er ist Vizeweltmeister im Eisschwimmen und erfahrener Freiwasserschwimmer. Im Gegenteil zu mir. Ich bin überzeugte Beckenschwimmerin und nehme nur selten an einem Freiwasserwettkampf teil.

Niemals ohne
Boje ins Freiwasser

Während ich auf meinen Schwimmpartner warte, ziehe ich schon einmal meinen Neoprenanzug an. Ohne „Neo“ wäre das Schwimmen auch möglich, das Wasser ist warm genug. Aber ich möchte es nicht gleich übertreiben.

Als Aumüller erscheint, hält er mir eine neonorange Boje hin. Ich blase sie auf und schnalle sie mir um die Taille. „Eine Boje ist im Freiwasser unabdingbar“, sagt er. „Damit die Segelschiffe uns gut sehen und die Boje uns im Ernstfall an der Wasseroberfläche hält.“

Langsam waten wir in den See. Mein Kollege Hans-Jürgen Ziegler eskortiert uns in seinem Motorboot und macht Fotos. Er wartet schon und winkt. Ich bin ein bisschen nervös. Mit Aumüller bespreche ich noch kurz unsere Route. „Siehst Du die Bäume mit den hohen Wipfeln?“, fragt er und zeigt auf die Insel. „Die peilen wir an.“ Lasset die Spiele beginnen, denke ich noch und hechte Aumüller hinterher. Der ist schon losgeschwommen und legt ein Tempo vor, an das ich mich erst gewöhnen muss.

Nach und nach komme ich auf Betriebstemperatur. Zug rechts, Zug links, Zug rechts, atmen. Ich versuche, keine Seitenstiche zu bekommen. Gleichzeitig müssen wir Booten und Segelschiffen ausweichen.

Bei langen Strecken hat man in der Regel viel Zeit, um über alles Mögliche nachzudenken. In meinem Kopf tauchen dann immer dieselben Gedanken auf wie bei einem Kind auf einer langen Autofahrt. Wie lange dauert es noch? Wo sind wir? Ich habe Hunger, bin müde, kann nicht mehr. Als ich ein Mundvoll übel schmeckendes Chiemseewasser verschlucke, verfluche ich mich innerlich für einen kurzen Moment selbst. Gleichzeitig laufen in meinem Kopf Lieder rauf und runter. Von Queen über Wiesn-Hits bis hin zu den Red Hot Chili Peppers ist alles dabei. Auf dem Hinweg ist der See durch den Gegenwind ein wenig unruhig. Ich als Freiwasser-Laie habe mit den kleinen Wellen zu kämpfen. Außerdem darf ich das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Dazu muss ich immer mal wieder den Kopf nach oben heben. Auch das ist ungewohnt für mich.

Kurz vor der Herreninsel machen wir an einer Boje Halt. Aumüller und ich stützen uns mit dem Oberkörper auf unsere Bojen und atmen durch. Wir tauschen uns über die ersten Kilometer aus. „Man darf nicht gegen die Wellen schwimmen“, erklärt er. Ich solle eher mit ihnen schwimmen und außerdem die schöne Technik aufgeben. Weiter geht’s. Unser Fotograf fragt, ob wir mit ihm auf seinem Boot zurückfahren wollen. Ja, denke ich und sage Nein. Aufgeben gibt es nicht.

Sich einfach
fallen lassen

Jetzt kommt der angenehmere Teil der Strecke. Mit Wind im Rücken geht es einfacher. Das Gefühl setzt ein, das ich auf langen Strecken so schätze. Schließlich kann ich mich komplett fallen lassen. Mein Kopf ist leer. Ich spüre nur noch das Wasserrauschen um mich herum und die Sonne auf meinem Kopf. Arme und Beine werden schwer, der Körper schaltet den Autopiloten ein. Um mich herum ist das Wasser trüb. Anders als in meinen üblichen Trainingsstätten. Als Beckenschwimmerin denke ich fortlaufend: Was ist wohl da unten? Hechte fallen mir ein. Vielleicht ein Wels. Oh Gott. Können die nicht richtig groß werden? Die Vorstellung ist mir nicht geheuer. Darum versuche ich, nicht darüber nachzudenken. Die bleiben hoffentlich alle dort unten.

Nach einem Kilometer ziehe ich das Tempo an. Jetzt kann ich endlich meine saubere Technik ausspielen. Mit kräftigen Armzügen pflüge ich durch den See. Ich lasse Aumüller hinter mir und komme endlich am Bernauer Ufer an. Die fünf Kilometer haben wir in rund 75 Minuten zurückgelegt. Ich bin ganz schön erschöpft. Im Freiwasser sind fünf Kilometer doch etwas anderes als im Becken. Hier ist eine solche Distanz eine normale Trainingseinheit für mich.

Kaum angekommen, schälen wir uns auch schon aus den engen Anzügen heraus. „Im Wasser geht das immer am einfachsten“, sagt Aumüller. Er erzählt von weiteren Schwimm-Routen im Chiemsee. Von Bernau aus zur Sundownerbar in Übersee sind es acht Kilometer. Die Strecke Bernau-Prien: 3,8 Kilometer, die Schwimm-Distanz bei einem Iron Man Triathlon.

Die längste Strecke führt von Bernau nach Seebruck. Sie beträgt 16 Kilometer. Puh. Bis ich bereit für diese Strecke bin, muss ich aber noch ein wenig länger trainieren. Am Ende des Tages hat sich unser kleiner Ausflug gelohnt. Trotz Sonnenbrand und aufgeriebener Haut durch den Neoprenanzug. „Schee war’s“, sage ich zu meinem Schwimmpartner. Der sichert mir zugleich ein Startrecht beim nächsten Eisschwimmen im Chiemsee zu. Im Januar ist es so weit. Da winkt doch schon die nächste Reportage, denke ich mir. Aber jetzt habe ich erst mal Hunger.

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